Porträt Genius Loki
Die bessere Hälfte der Kanzlerschaft – Hannelore Schmidt wird 90 Jahre alt
Das bemooste Eisentor verspricht nichts, keinen Luxus jedenfalls. Der Schotterweg verschwindet unter nassen Schneeflocken. Ein Stück bergan, über dem Brahmsee in Schleswig-Holstein, steht das berühmteste Ferienhaus der Republik. Es gehört Helmut und Hannelore Schmidt. Hinter dem Haus öffnet sich eine weite Rasenfläche zum See hin, und gleich neben dem Grundstück liegt Loki Schmidts »Urwald«, ein sechseinhalb Hektar großes Gelände, das die vielfach geehrte Naturschützerin gekauft und sich selbst überlassen hat. Wo vor dreißig Jahren Roggen angebaut wurde, wuchert heute dichtes Unterholz.
Obwohl ihnen der temporäre Umzug gesundheitlich nicht mehr leichtfällt, haben die Schmidts hier am Brahmsee den Jahreswechsel verbracht. Bündel von Raketenstielen zeugen von den Feierlichkeiten. »Wahrscheinlich haben die Sicherheitsbeamten ein bisschen geknallt«, sagt Ernst-Otto Heuer, früher selbst Sicherheitsbeamter der Schmidts. Er kennt das Paar seit Jahrzehnten. Und damit ein zentrales Problem in Loki Schmidts Leben: niemals, nirgendwo allein zu sein, auch nicht jetzt, mit fast neunzig Jahren, auch nicht hier in der Einöde.
»Krankenschwester Loki, die Schmidts Verletzte aufsammelte«
Heuer begleitete Loki Schmidt auf Erkundungsreisen nach Ecuador und auf die Galapagos-Inseln. Neben ihr schwamm er frühmorgens im Sommer durch den Brahmsee, 500 Meter hin, 500 Meter zurück. »Wir konnten die Sicherheit ganz weit von uns weghalten. Oder wir konnten sie ganz dicht an uns heranlassen«, sagt Loki Schmidt. Sie setzte aufs Heranlassen, und dieses scheinbare Nachgeben machte sie stark: So wurde sie Partnerin in einer politischen Ehe statt Anhängsel eines bedeutenden Mannes.
Loki Schmidt umarmte die Bedingungen eines Lebens, das sie ohnehin nicht hätte ändern, aus dem sie nur hätte aussteigen können. Das freilich – Aussteigen, Aufgeben – ist Loki Schmidt wesensfremd. Ein Satz wie »Ich habe keine Lust« existiert nicht in ihrem Vokabular. Wenn sie also keinen Schritt und keinen Schwimmzug allein tun durfte, konnte sie ihre Begleiter auch zu Familienmitgliedern machen. Wenn die Berufung ihres Ehemannes 16 Stunden am Tag verschlang, wollte sie ihm nicht vorhalten, er habe nicht abgetrocknet. Und wenn sie an seinem politischen Erfolg interessiert war – und das war Loki Schmidt –, dann konnte sie ihn ohne viele Worte da unterstützen, wo er die meiste Hilfe brauchte.
»Helmut Schmidt wurde schon ungeduldig, wenn jemand zwei Sätze statt eines Satzes der Erklärung brauchte, um etwas zu verstehen«, sagt ein alter Weggefährte. »Loki hat da sehr viel geglättet und ausgebügelt.«
»Dass wir heute so enge Freunde sind, ist vor allem ihr Verdienst«, sagt der frühere Verteidigungsminister Hans Apel, der mit Helmut Schmidt eigene Schroffheitserfahrungen machte. Als der Kanzler den früheren Pazifisten 1978 zur Übernahme des Amtes drängte, war es Loki, die Apel den Arm um die Schulter legte und sagte: »Hänschen, das musst du wirklich machen.« Immer habe sie Wunden geheilt, »die Helmut unnötigerweise geschlagen hatte«, sagt Apel. »Sie war die Samariterin des Intellekts ihres Mannes.«
- Datum 03.03.2009 - 15:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
- Kommentare 7
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ein norddeutsch gemeintes Herzlichen Glückwunsch!
Sehr geehrte Frau Schmidt,
wenn auch etwas unpersönlich, aber umso herzlicher möchte ich Ihnen heute zum runden Geburtstag gratulieren! Vermutlich wird es kein Dinner for One, sondern ein Essen mit Ehemann, Tochter und Siegfried Lenz geben.
Was nun wünscht man einer Frau, die stets ohne Larmoyanz - via TV - über ihr Leben fernab und an der Seite des Ehemanns gesprochen hat? Gesundheit! Gesundheit! Und nochmals Gesundheit!
Das Doppel-Interview im Fernsehen - 180 Jahre Authentizität - war ein Höhepunkt an Unterhaltung. Es geht auch ohne Skandale... ;-)
Es ist zwar ein wenig unüblich den Verdienst einer Frau so zu würdigen, aber ich schätze (leider)zum persönlichen Austausche wäre und wird es nie gekommen.
Deswegen aus dem Internet. Und deswegen auch ganz unpersönlich, aber ehrlich...
Herlichen Glückwunsch
Frau Schmidt
Ich hab den Artikel mit größter Freude und, ich muss zugeben, sehr gerührt, gelesen. Ein Genuss. Dank an Susanne Gaschke.
Ich weiß eigentlich garnicht, was man Loki Schmidt denn nun wünschen soll.
Auf jeden Fall viele glückliche Momente in ihrem weiteren Leben.
Herzlichen Glückwunsch zum 90.
Seit 40 Jahren frage ich mich, warum Hannelore Schmidt den Ökelnamen "Loki" führt. In keiner Sendung über sie wurde das jemals erklärt. Wer weiß das?
Der Name Loki entstand, weil sie als kleines Mädchen Schwierigkeiten hatte, ihren Namen zu sagen. Sie konnte aber stattdessen "Tante Loki" sagen, daraus entstand dann der Name.
Das erklärt sie in einem Interview, dass Sie auf der ZDF Webseite ansehen können. Ist im Moment auf der Hauptseite verlinkt, beziehungsweise findet sich über die Mediathek.
Ihre Empfindungen, Ansichten und Ihren Mut kann ich voll verstehen und ich wünsche, dass viele Frauen sich dies zu Herzen nehmen, auch wenn sie nicht Ehefrau eine (Ex)Bundeskanzlers sind.
Ihr in dem Artikel zitiertes Motto „ dass jeder, der beharrlich genug ist, alles erreichen kann“ kann Berge versetzen - auch wenn es nicht immer Hochgebirge sein muss. Manch einer strauchelt vor einem kleinen Hügelchen – auch Männer.
Ich wünsche noch viele Jahre voll Lebens bejahendem Enthusiasmus – herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag
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