Fremdenfeinde

Ossi-Hasser, und auch noch schwarz

Ein Jahr nach dem Streit um einen Pastor und seine indischstämmige Frau hat das thüringische Rudolstadt sich eingeigelt. Fremdenfeindlichkeit? Gab es hier nie!

Keine Gnade unterm Kreuz: Die evangelische Kirche schützte den mit einer indischstämmigen Frau verheirateten Pfarrer und seine Familie nicht vor fremdenfeindlichen Anfeindungen

Keine Gnade unterm Kreuz: Die evangelische Kirche schützte den mit einer indischstämmigen Frau verheirateten Pfarrer und seine Familie nicht vor fremdenfeindlichen Anfeindungen

Rudolstadt/Erkelenz - Erinnert sich noch jemand an Rudolstadt (außer, natürlich, den Rudolstädtern)? Rudolstadt in Thüringen, knapp 25000 Einwohner, wurde im vergangenen Frühjahr bekannt, als ein mit einer indischstämmigen Frau verheirateter Pastor die Stadt fluchtartig verließ, weil die Familie, wie er sagte, den Alltagsrassismus der Rudolstädter, die täglichen kleinen und gröberen Gehässigkeiten gegenüber den dunkelhäutigen Familienmitgliedern, nicht länger ertrage. Nicht die betroffene Familie Neuschäfer selbst, sondern ein SPD-Bundestagsabgeordneter hatte diesen Sachverhalt damals bekannt gemacht. Hieb- und stichfeste Beweise fehlten aber, weshalb der Pastor seinerseits der Aufwiegelei und der antiostdeutschen Medienhetze bezichtigt wurde und die wechselseitigen Vorwürfe am Ende ungeklärt blieben.

Und heute? Man muss sich in Rudolstadt nicht lange umsehen, um Belege für die Vorwürfe des Pastors zu finden. Die jungen Männer am Rathaus, die mit Bierdosen in der Hand »White power« grölen, den rassistischen Gruß der britischen Skinhead-Bewegung, beweisen natürlich noch nichts. Aber Zeugen finden sich reichlich – Zeugen freilich, und das ist offenbar ein Teil der Rudolstädter Wirklichkeit, die keinesfalls namentlich in Erscheinung treten wollen.

»Hier ist aber was los, wenn ich was sage«, sagt der Vater eines ehemaligen Mitschülers der Neuschäfer-Kinder. Er könnte Vorwürfe der Neuschäfers bestätigen, aber er fürchte, Ärger zu bekommen, wenn er als Zeuge auftrete. Auch eine Bekannte, die dabei war, als Miriam Neuschäfer, die Ehefrau des Pastors, auf der Straße angespuckt wurde, und bislang dazu geschwiegen hat, möchte anonym bleiben. Ebenso ein früherer Nachbar, dem die Pastorenfrau über Jahre hinweg immer wieder von den alltäglichen Beleidigungen erzählt habe. »Ausgedacht hat Miriam sich das nicht«, sagt er. Der Nachbar verstehe gut, warum die Familie weggezogen sei.

Nun wäre es ja immerhin denkbar, dass die Rudolstädter diese traurige Geschichte zum Anlass nähmen, sich und einander die eine oder andere kritische Frage zu stellen. Aber davon ist nichts zu spüren. Offiziell ist Rudolstadt »fremdenfreundlich« – mehr als das hat Bürgermeister Jörg Reichl nicht zu sagen. Er möchte das Image seiner Stadt als »Schillers heimlicher Geliebter« aufpolieren. Die Stadt setzt auf den Tourismus, Gäste aus aller Welt sollen Geld in die Region bringen. Fragen nach Fremdenfeindlichkeit stören dabei und werden darum nicht beantwortet.

Unterhalb der Politikebene hat Rudolstadt die Reihen gegen die Neuschäfers so fest geschlossen, als wollte die Stadt ihren Kritikern im Nachhinein recht geben. Der Mann sei Alkoholiker, heißt es, ein gescheiterter Pfarrer, ein Besserwessi, ein Besserwisser. Seine Frau sei ein Mauerblümchen, eine nach Aufmerksamkeit gierende Ossi-Hasserin, eine schlecht integrierte Ausländerin. »Die spinnt doch«, sagt ein Geschäftsmann über Miriam Neuschäfer. »Die wollen den Ruf der Stadt ruinieren«, sagt ein früherer Bekannter.

Dass die Kinder »nicht einfach« seien, brachte die Lokalpresse schon im vergangenen Frühjahr in Erfahrung. Im Internet hieß es, die Eltern hätten ihren Sohn zum Lügen angestiftet. In Onlineforen bezeichnen Rudolstädter die Neuschäfers als Lügner: »Jahrelang war Ruhe um den braunen Mist und da kommt ›Einer‹, reißt uns zu Boden und tritt noch hinterher.« Oder: »Die Aussagen von Herrn Neuschäfer sind falsch und verlogen. Noch nie hat es solch einen Vorfall gegeben.« Und in Leserbriefen schreibt sich die Stadt ihre Wut von der Seele. »Ihr richtet nunmehr mit medialem Schwert!«, heißt es, und: »Ihr habt geschwiegen und seid gegangen.«

Schwer verständlich ist auch die Haltung der evangelischen Kirche, der Arbeitgeberin Pastor Neuschäfers. »Wer Schuld behauptet, muss diese auch nachweisen«, urteilt Landesbischof Christoph Kähler streng. Demnach hätten die Neuschäfers ihr Schicksal klaglos erdulden müssen, solange alle potenziellen Zeugen unter dem Druck der Mehrheit schwiegen. Außerdem behauptet die Kirchenleitung heute, von den Sorgen der Neuschäfers nichts gewusst zu haben. Dagegen räumt, wiederum nur anonym, eine hochrangige Kirchenmitarbeiterin ein, dass sie und einige Kollegen mit Neuschäfers über die Anfeindungen gesprochen hätten, denen sie ausgesetzt waren. Sie selbst habe dem Pfarrer zur Flucht in den Westen geraten, sagt die Frau. Auch bestätigt sie eine Auskunft Pastor Neuschäfers über die Haltung seiner Amtsbrüder: Mehrere Kollegen hätten ihm einen Umzug in eine Großstadt nahegelegt, wo Dunkelhäutige weniger auffielen.

Über den Kreis ihrer Gesprächspartner hinaus wurde der Fall Neuschäfer in der Landeskirche durch einen Artikel in der Kirchenzeitung Glaube + Heimat bekannt. Im September 2007, mehr als ein halbes Jahr vor den ersten größeren Medienberichten, berichtete Pfarrer Neuschäfer dort über das Schicksal seiner Frau und der Kinder, die »angespuckt, angegiftet, angestarrt und angegriffen« würden. »Es ist das Los und die Last unserer ebenso dunkelhäutigen wie deutschen Kinder, unentwegt Spott über ihre Hautfarbe über sich ergehen lassen zu müssen.«

Müsste sich, bei diesem Stand der Dinge, nicht auch die Kirchenleitung kritische Fragen stellen? Er habe von alldem nichts gewusst – viel mehr als diese Auskunft ist Landesbischof Kähler nicht abzuringen.

Die Neuschäfers mit ihren mittlerweile sechs Kindern leben heute in Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. Von dort aus haben sie einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um zu prüfen, ob einzelne Rudolstädter mit Unterlassungserklärungen gezwungen werden können, Behauptungen zurückzunehmen. Umgekehrt drohte ein Rudolstädter Geschäftsmann Miriam Neuschäfer mit seinem Anwalt, sollte sie weiter behaupten, dass sie in seinem Geschäft ihrer Hautfarbe wegen nicht bedient worden sei. Die evangelische Landeskirche Thüringen hat ebenfalls Juristen eingeschaltet. Sie sollen prüfen, ob Pfarrer Neuschäfer sich seinem Arbeitgeber gegenüber korrekt verhalten habe. In einem Interview hatte Neuschäfer fehlende Hilfe der Kirche angeprangert. Diesen Vorwurf scheinen Pastor Neuschäfers ehemalige Vorgesetzte so ungeheuerlich zu finden, dass der Fall demnächst vor Gericht erörtert werden könnte.

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  • Von Hauke Friederichs
  • Datum 5.3.2009 - 13:10 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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  • Schlagworte Thüringen | Diskriminierung | Ausländerfeindlichkeit | Rassismus
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