MAIL AUS Moskau◗

Von: johannes.voswinkel@zeit.de Betreff: Ostalgie

An manchen Moskauer Orten haben sich fast zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Großreiches kleine Paradiese auf Erden gebildet. Zumindest für die Zeit eines Abendessens. Spezbüfet Nr. 7, Kantine Nr. 57 oder Glawkurort heißen die Restaurants in typisch sowjetischer Nummerierungs- und Abkürzungswut und bieten dem Gast viel Nostalgie zwischen Serviettenhaltern aus Billigplastik, Agitprop-Postern und reichlich roter Farbe.

Im Restaurant Walerij Tschkalow, benannt nach dem sowjetischen Heldenflieger, zieren lachende, himmelwärts blickende Piloten und ihre Kampfflugzeuge die Wände. Doch im Gegensatz zum Restaurant-Elend der sowjetischen Endphase, als die Speisekarte vornehmlich literarischen Wert hatte und die Kellner sich in die Küche verkrümelten, funktioniert heute der Service. Tischschildchen mit der Aufschrift »Dieser Tisch wird nicht bedient« stehen höchstens als humorige Erinnerung parat.

Wer es schnell und billig haben möchte, geht in die Prunkhalle des Stalin-Hochhauses an der Metrostation Barrikadnaja: Dort hat inmitten von Marmorsäulen, Spiegelwänden und Kronleuchtern ein Selbstbedienungsrestaurant aufgemacht. Es bietet den traditionellen Hering im Mayonnaise-Rote-Bete-Mantel, salzig eingelegte Gurken und Fleischstücke, die im Käsemantel nur schwer als Pute oder Rind zu identifizieren sind. Alles ist wie einst, fett, aber lecker. Eines aber ist neu: Dazu gibt es Gratis-WiFi.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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    • Schlagworte Moskau | Restaurant | Rind | Service
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