Martenstein Bewerbung als Hausmann
Unser Kolumnist fragt sich, warum alle so verrückt nach Arbeit sind
Ich soll politischer werden, schreibt Herr K., die Zeiten seien danach. Auf meinem Schreibtisch landete wieder einmal ein Buch, in dem die Freuden des Vaterseins beschrieben werden, diesmal von dem Schriftsteller David Wagner. Bücher zum Thema Vaterglück gibt es in diesen Jahren wie Sand am Meer. Das Kinderkriegen zu lobpreisen ist ein typischer Männerberuf. Neuere Bücher zum Thema Mutterglück sind selten, allein schon das Wort Mutterglück klingt anrüchig, fast nazihaft. Eine Frau, die dieses Wort ausspricht, setzt sich dem Verdacht aus, sie sei auf dem Eva-Herman-Trip. Nur Männer haben das Recht, über dieses Glück zu schreiben!
Offiziell sind Beruf und Karriere, beziehungsweise die Vereinbarkeit von Karriere und Kindern, die Nummer eins auf der Prioritätenliste im Leben einer modernen Frau. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die französische Justizministerin Rachida Dati, die fünf Tage nach dem Kaiserschnitt wieder an ihrem Schreibtisch gesessen hat. Faszinierend finde ich die Annahme, dass "Arbeit" immer zu "Karriere" führt, wir alle wissen doch, dass diese Annahme nicht stimmt. Viele arbeiten, nur wenige machen Karriere.
Als ZEITmagazin- Kolumnist habe ich gut reden, ich kann mich in meinem Job selbst verwirklichen, genau wie die Theorie es vorschreibt. Das Gleiche gilt, auf unterschiedliche Weisen, für Künstler, Manager, Ärzte, Lehrer, Behördenchefs und so weiter. Wir reden hier allerdings nur über 15, maximal 20 Prozent der Gesellschaft. Für die meisten besteht "Arbeit" darin, dass sie an einer Maschine oder Ladentheke stehen oder am Computer sitzen und für wenig Geld immergleiche Handgriffe ausführen. "Karriere" bedeutet im Normalfall nicht viel mehr, als viele Stunden lang in Konferenzen zu sitzen und von beiden Seiten unter Druck zu stehen, von oben und unten.
Arbeit ist meistens Zwang. Diese kleine Wahrheit ist heutzutage tabu. Seitdem es Menschen gibt, haben die meisten von ihnen gearbeitet, um zu leben, nicht, um ihr Selbst zu verwirklichen. Die Verwandlung der Arbeit in eine für alle jederzeit angenehme Selbstverwirklichungstätigkeit ist Kern der kommunistischen Utopie. Ich fürchte, daraus wird nie etwas.
Auf die Idee, dass abhängige Arbeit in einem ganz normalen Betrieb automatisch mit Selbstverwirklichung einhergeht, dass diese Arbeit besser fürs Selbstbewusstsein und fürs Ich ist als zum Beispiel Familie oder Kinder, auf diese Idee kann man nur kommen, wenn man gut ausgebildet ist und zur oberen Mittelschicht einer reichen Gesellschaft gehört. Eine Kassiererin bei Aldi käme nie auf diesen Gedanken. Die Kassiererin hofft, dass die Arbeit schnell vorbeigeht. Paradoxerweise hofft sie gleichzeitig, dass sie nicht arbeitslos wird.
Auch mit der Karriere kann es natürlich schnell vorbei sein. Dann lass dich beglückwünschen, wenn du Familie hast, Kinder, ein paar stabile, von Erfolg oder Misserfolg unabhängige Beziehungen. Viele Männer schreiben übers Vaterglück, viele Männer denken heute anders. Ihr Frauen habt uns immer wieder gesagt, wie unangenehm egozentrische, familienfeindliche Karrieristen sind. Ihr hattet recht. Nun müsst ihr euch das gleiche Lied anhören.
Am liebsten bleibe ich natürlich noch eine Weile Kolumnist. Aber falls ich das Schreiben verlerne oder falls sie mich feuern, dann hätte ich, statt im Callcenter zu sitzen, nicht das Geringste dagegen, mich bei einer erfolgreichen Frau als Hausmann um die Kinder, um die Reinhaltung des Pools und um gepflegte Abendgespräche zu kümmern. Warum eigentlich nicht bei Rachida Dati?
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- Datum 13.03.2009 - 17:10 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Ich habe keine Ahnung, wie Sie gerade auf die Kombination von Poolputzer und "gepflegte Abendgespräche" kommen, bin aber fest von einer Seelenverwandtschaft überzeugt, da ich seit Jahren dieselbe Aussage tätige.
"Kinder oder Karriere" ist ein Problem einer wohlhabenden Minderheit. Für die meisten arbeitenden Menschen steht eine "Karriere" gar nicht zur Debatte. Leider scheint das vielen Menschen des Bürgertums bzw. der gehobenen Mittelschicht nicht klar zu sein. Da die Zeit-Leserschaft sich wohl v.A. aus diesen Schichten rekrutiert, kann man sich über Martensteins Beitrag nur freuen. Die ganze Geschlechter-Emanzipations-Kinder-Debatte ignoriert den "Klassenaspekt" nämlich leider allzu oft.
Werter Herr Martenstein, ist Ihnen eigentlich die Tragweite Ihrer Kolumnen bewusst?
Sie haben die Macht, Großes zu bewegen. Zum Beispiel mit Ihrem kleinen Text über die Arbeit. Nun wird mir nämlich endlich klar, warum unser Bildungssystem krankt und man sich schwer tut damit, es gesunden zu lassen: Wer ungebildet ist, denkt nicht weiter über seine Arbeit nach bzw. ist froh, überhaupt in Beschäftigung zu sein. Weiter: Würden zu viele nachdenken, schadeten sie der Wirtschaft massiv!
Denn, Ihren Worten nach, kommt man allein als gut ausgebildetes Mittelschicht-Individuum auf solch krude Idee wie die mit der Selbstwirklichung durch Arbeit.
Und da Sie ja quasi den Anstoss geben, einmal über die eigene Arbeit zu reflektieren, hoffe ich, Ihre Kolumne wurde diesmal von etwas weniger Menschen gelesen als üblich. Anderenfalls, so fürchte ich, wird die Wirtschaftskrise noch schlimmer werden als alle... dachten.
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