Mode Der Mann, der starke Frauen anzieht
Seitdem Michelle Obama in der Wahlnacht sein Kleid präsentierte, ist Narciso Rodriguez ein weltbekannter Designer. Der Liebling der berühmten Frauen Amerikas ist er schon lange
Dieses Kleid. Schwarz mit roten Sprenkeln, als züngelten Flammen in der Nacht. Unübersehbar war das Outfit von Michelle Obama, als sie am Wahlabend an die Seite des frisch gekürten künftigen US-Präsidenten trat. Millionen sahen das Kleid, das den Stil der wichtigsten Ehefrau der Welt präsentierte. Einen brachte es zum Weinen. Den Mann, der es entworfen hatte, Narciso Rodriguez.
"Ich war persönlich so berührt davon, zu sehen, wie der neue Präsident gewählt wird, es war einer der schönsten Momente der amerikanischen Geschichte für mich", sagt er. "Und ein kleiner Teil davon zu sein war eine große Ehre, einer der Höhepunkte meiner Karriere."
Schon für die Wahlkampagne von Obama hatte er ein T-Shirt mit dem Slogan "Change" entworfen. Dabei will er mit seiner Mode keine Politik machen. Es ging Narciso Rodriguez vor allem um den Sieg von Michelle. "Das erste Mal habe ich sie auf einem Benefiz-Dinner getroffen. Sie war fantastisch. Sie war charmant und brillierte. Ich sah eine wunderbare, große, intelligente und inspirierende Frau." Michelle Obama wurde eine treue Narciso-Rodriguez-Kundin.
Rodriguez und Frau Obama verbindet mehr als eine Geschäftsbeziehung. Michelle Obama wurde als Tochter eines Maschinisten und einer Sekretärin in Chicago geboren. Narciso Rodriguez’ Vater war Hafenarbeiter in Havanna, seine Mutter arbeitete als Näherin. "Meine Karriere", sagt er, "ist eigentlich der Amerikanische Traum, nicht wahr?"
Rodriguez ist ein leiser, weicher Mensch. Er ist klein, und wenn er nicht so sehr auf seine Ernährung achten würde, wäre er wohl auch rund. Seine Hände sind unerhört zart für einen Mann. Wenn sie etwas greifen, scheinen sie es zugleich streicheln zu wollen. Narciso Rodriguez freut sich über jede Freundlichkeit, und jede Gehässigkeit verletzt ihn. Von einigen Kritikern wurde das Kleid der Wahlnacht als "Lavalampe" bezeichnet. Dazu kein Wort von ihm.
Überhaupt hat er sich bisher nicht zu Frau Obamas Garderobe geäußert. Rodriguez sucht nicht den Konflikt, er sucht das Heimelige. Als Treffpunkt für das Interview hat er ein kleines, rustikales Hotel in Manhattan vorgeschlagen, das Gramercy Park. Ein Kaminfeuer prasselt im Foyer.
Seine Familie hat einen weiten Weg hinter sich. Sein Vater sah bei seiner Arbeit immer das Meer. Jene unüberwindlich scheinende Barriere, die ihn von einem Leben in Freiheit trennte. Eines Tages verließ das Paar die Heimat für den Traum von einem freien Leben. Dieser Traum heißt Narciso: Der Vater hatte seinem einzigen Sohn den eigenen Vornamen gegeben – er sollte seinen Traum leben. Die Eltern waren nicht ausgewandert, um für sich selbst ein besseres Leben zu erlangen, ihre Erfüllung lag in den Kindern. "Meine Eltern wollten, dass ich Rechtsanwalt oder Zahnarzt würde. Als ich ihnen sagte, dass ich Modedesigner werden wollte, waren sie schockiert." Brotlose Kunst sei das, argwöhnten sie. Dies ist wichtig, will man verstehen, was Narciso Rodriguez antreibt. Er ist etwas schuldig.
Niemals konnte er es sich leisten, einfach ein paar ausgefallene Modelle zu präsentieren und darauf zu warten, von der Modewelt entdeckt zu werden. Alles, was er machte, musste passen, musste echt sein. Er fühlt sich seiner Familie stärker verbunden als der Modewelt. Er sagt, seine größte Ehrung sei nicht gewesen, als er 2005 zum zweiten Mal zu Amerikas Modedesigner des Jahres gekürt wurde, sondern als sein Vater ihm sagte, wie stolz er auf ihn sei und dass es sich dafür gelohnt habe, aus Kuba auszuwandern. Als er dem Vater gestand, dass er die Insel gern besuchen würde, habe dieser eine Zeit lang nicht mehr mit ihm gesprochen, erzählt Rodriguez. So verletzt war er. Der Sohn hat Kuba bis heute nicht gesehen.
Inzwischen ist Narciso Rodriguez kein Newcomer mehr, er ist ganz vorne. In der März-Ausgabe der amerikanischen Vogue ist eine Modestrecke mit Michelle Obama abgebildet. Sie trägt auch ein Kleid des Designers. Alles schaut auf ihn, aber er schaut am liebsten zu Boden. Er hat mehr von einem Jungen, der sich zufällig ins Rampenlicht verirrt hat, als von einem Star. "Er ist keine Diva", lobt ihn Vogue- Chefredakteurin Anna Wintour, die ihn persönlich gut kennt. Wenn er spricht, wählt er seine Worte vorsichtig und vermeidet alle großen Gesten. So als fürchte er, durch falsche Ausdrücke könnte ihm alles entgleiten, wie es ihm schon einmal entglitten ist.
Er begann seine Karriere als Assistent von Donna Karan, als sie noch für das Modehaus Anne Klein arbeitete. Später wechselte er zu Calvin Klein. Schon damals zeigte sich sein Talent, einflussreiche Frauen zu beeindrucken. Er lernte die PR-Expertin Carolyn Bessette kennen, die auch dort arbeitete. Sie wurden enge Freunde. Später heiratete Carolyn Bessette John F. Kennedy jr. Narciso Rodriguez entwarf ihr Hochzeitskleid.
Damals war sein Name noch keine Marke, aber sein Talent unübersehbar. Das namenlose Seidenkleid wurde hundertfach nachgeschneidert – sein erster großer Erfolg.
Er ging nach Mailand, um dort sein eigenes Label zu gründen. Wenig später zog er zurück nach New York. Er wurde schnell zum Liebling der Szene. Sehr beliebt sind seine Einladungen, bei denen er schwarze Bohnen nach kubanischer Art serviert. Die Schauspielerinnen Sarah Jessica Parker und Rachel Weisz zählen zu seinen Freundinnen. Und zu seinen engsten Beraterinnen. Bei seinem ersten Duft "For Her" habe ihm Sarah sehr geholfen, sagt er. Nun bringt er wieder ein Parfüm auf den Markt: "Essence". Leider konnte ihm Sarah Jessica Parker nicht mehr dabei behilflich sein: "Jetzt hat sie ja ihren eigenen Duft."
Die Katastrophe kam vor zwei Jahren – Narciso Rodriguez war pleite. Eine Zusammenarbeit mit der italienischen Modefirma Aeffe war gescheitert, er wusste nicht mehr, wie er seine 16 Mitarbeiter bezahlen sollte. Für seine Frühjahrskollektion musste er sogar um Stoffspenden bitten. Er fragte seine Freundinnen Anna Wintour und Donna Karan um Rat. Sie vermittelten Beistand. Der Modekonzern Liz Claiborne übernahm 50 Prozent der Anteile der Marke Narciso Rodriguez und half ihm so über die Durststrecke. Vor wenigen Wochen trennten sich die Partner wieder. Sie haben einfach nicht zueinander gepasst – der Konzern, der an die Aktionäre denkt, und der Designer, der nur an die Frauen denkt.
Es ist die Trägerin, die Rodriguez inszeniert, nicht der Stoff. "Ich bin durch diese Frauen inspiriert, ich liebe sie, und sie reagieren auf diese Liebe", sagt er. "Ich habe Respekt dafür, wie sie sind, wie sie leben." Und wie leben diese Frauen, die Rodriguez einkleiden möchte?
Den Designer interessiert die Frau, die etwas zu tun hat, die Kinder und einen Job hat, in dem sie ernst genommen sein will. Deswegen gibt es keine Männerlinie von Narciso Rodriguez. Und kaum Accessoires. Während andere Designer danach trachten, ihr Talent möglichst breit zu Markte zu tragen, will Rodriguez immer wieder den Punkt treffen.
Das macht ihn auf eine bestimmte Weise unmodern. In den vergangenen Jahren waren die Modekonzerne stets darauf bedacht, sich in den gesamten Lebensbereich der Kunden auszudehnen. Unter einer Marke sollen nicht nur Kleider, sondern auch Uhren, Schmuck, Handys, vielleicht sogar Autos verkauft werden. Über allem soll der Designchef schweben, als möglichst auffällige, exaltierte Figur, die nicht mehr für ein bestimmtes Kleid steht, sondern für eine Corporate Identity. Aber wie sähe ein Narciso-Rodriguez-Handy aus oder ein Narciso-Rodriguez-Hotel? Er hat keine Ahnung.
Wenn man ihn so vor sich sieht, mag man sich kaum vorstellen, wie sich dieser Mensch in einer Geschäftsbesprechung verhält. Er ist still, verhalten und freundlich. Stets darauf bedacht, niemanden zu verletzen und die richtigen Worte zu finden. Dafür braucht er lange. Er spricht in Silhouetten, nicht in Sätzen. Narciso Rodriguez ist ein stiller Erschaffer. Ständig war er im Gespräch als kreativer Leiter großer Marken; zuletzt wurde er sogar als Nachfolger für Giorgio Armani gehandelt. Wenn man ihn darauf anspricht, bemüht er sich, die Antwort wegzulächeln. Er schätze die Arbeit von Armani sehr und fühle sich natürlich geschmeichelt, damit in Verbindung gebracht zu werden. Aber er mache lieber seine eigenen Kleider unter seinem eigenen Namen. Er will, dass es leise bleibt um ihn herum.
Wird es ihm zu laut, zieht Rodriguez sich nach Brasilien zurück. Dort hat er ein Haus, das von Jasminsträuchern umwachsen ist.
Froh wäre Rodriguez, wenn es auch in der Modewelt wieder leiser würde. In der Wirtschaftskrise sieht er "die Chance, dass wir zum Realen, Echten zurückfinden". Die vergangenen Jahre mit ihren explodierenden Preisen und ständigen Kollektionswechseln waren nicht seine Zeit. "Wenn jemand künftig ein Kleid verkaufen will, tut er gut daran, es verdammt gut zu schneidern. Es muss jeden Penny wert sein, und die Frau sollte sich auch noch wohlfühlen, wenn sie es das zehnte Mal trägt."
Er erzählt von einer Bekannten, die er vor Kurzem bei einem Abendessen traf. Sie trug eines seiner Kleider – es war mehr als zehn Jahre alt. "Sie erzählte mir, dass sie ständig auf dieses Kleid angesprochen werde. Es war so schön. Ich sah mein Kleid, und sie hatte es mit einem eigenen Jäckchen kombiniert." Das sei das Größte für ihn: wenn er ein Kleidungsstück von sich entdecke – und das, was die Trägerin daraus gemacht habe. (Übrigens trug auch Michelle Obama am Wahlabend ein Jäckchen zum Kleid.)
Was ist das Geheimnis eines Kleides von Narciso Rodriguez? In seinem Atelier hängt ein Moodboard: eine Pinnwand, an die Kreative alles heften, was sie inspiriert. Daran sind Bilder von Ballerinas gepinnt – neben Bildern von aufeinanderprallenden Footballspielern. "Nichts inspiriert mich so sehr wie Bewegung", sagt Rodriguez. Vielleicht ist das die Essenz seiner Mode: dass er die Kraft eines Footballspielers in die Figur einer Ballerina packt.
Immer geht es ihm um Kraft. Es sind die starken Frauen, die Rodriguez erreichen will. Und Michelle Obama ist für ihn die Anführerin der starken Frauen Amerikas. "Es gab diese Frauen schon immer. Sie hatten nur kein öffentliches Gesicht. Es gab einen Mythos, wie eine First Lady auszusehen habe." Jetzt also gibt es sie: Michelle Obama, "sie muss sich nicht zurechtmachen, sie braucht keine Maske".
An eine Frau reicht Michelle Obama jedoch nicht heran – nicht für Narciso Rodriguez. Drei Jahre nach ihrer Heirat mit John F. Kennedy jr. starb seine Freundin Carolyn Kennedy-Bessette bei einem Flugzeugabsturz. Sie war mit ihrer Schwester und ihrem Mann in dessen Privatmaschine auf dem Weg zu einer Hochzeit. Sie stürzten ins Meer. Zehn Jahre ist das jetzt her. Denkt er noch an sie?
"Das hat mich noch nie jemand gefragt", sagt Rodriguez. Dann verstummt er. Seine Augen füllen sich mit Tränen: "Die Wahrheit ist: Ich denke jeden einzelnen Tag an sie. Alles, alles verdanke ich ihr." Es ist diese Frau, die er vor Augen hat, wenn er kreiert. Jede Frau, die Narciso Rodriguez trägt, trägt ein bisschen Frau Kennedy. Auch Michelle Obama.
- Datum 26.02.2009 - 10:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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