Mode Auf die Krise, fertig, los!
Kreditkarte leer – Kleiderschrank auch? Keine Sorge, es gibt Lösungen. Eine Recherche in New York und Berlin
Auf den ersten Blick ist die Lage dramatisch: Die Krisenangst lähmt die Modeindustrie. An der Fifth Avenue in New York, weltweit bekannt für ihre Dichte an Luxusgeschäften, sieht man dieser Tage in den Läden auffallend viele "Zu vermieten"-Schilder statt Designerware, und in Nobelkaufhäusern wie Saks und Bergdorf Goodman zupfen Verkäufer gelangweilt Pullover zurecht, anstatt – wie sonst üblich in den Tagen des Winterschlussverkaufs – hektisch Nachschub in die Umkleidekabinen zu tragen. Die New York Times berichtet, dass viele Modefirmen in der Stadt um ihre Investoren bangen. Aus Paris hört man, dass Chanel 200 Mitarbeiter entlässt, und in Mailand ist von dramatischen Rückgängen bei den Bestellungen die Rede.
Während man sich fragt, ob das ein vorübergehendes Phänomen sein wird oder ob die Ära des hemmungslosen Geldausgebens nun endgültig vorüber ist, meldet sich – man glaubt es kaum – Anna Wintour in einem Interview zu Wort, was schon für sich genommen belegt, dass dies sehr außergewöhnliche Zeiten in der Modewelt sind. Anna Wintour, Chefin der amerikanischen Vogue und damit die einflussreichste Strippenzieherin der Modebranche, gibt fast nie Interviews. Nun aber sprach sie mit dem Wall Street Journal, und noch erstaunlicher war, was sie sagte: "Wenn wir ehrlich sind, gab es in den Boomjahren zu viele Produkte, zu viele Trittbrettfahrer und zu viel Konsumdenken. Wir brauchen einen neuen Realitätssinn."
Die Dame, die anderswo gern ein Teufel genannt wird, sucht tatsächlich nach einer neuen Moral. Ist die Krise etwa eine Chance zur Läuterung für die Luxusindustrie? Könnte die Modebranche sich in dieser Zeit in zu einem Hort der Kreativität, der Diskretion und Schönheit wandeln, weg vom Lauten und Vulgären des Überflusses? Es gibt gar nicht so wenige, die davon träumen, auch in Deutschland.
"Der Begriff Luxus hat sehr gelitten, seitdem es Luxusmarken in jeder Flughafenhalle zu kaufen gibt. Ich glaube, er wird wieder seine ursprüngliche Bedeutung erlangen – als etwas Exklusives, Wertvolles, das es nur in geringen Auflagen gibt", sagt der Unternehmer Josef Voelk. Vor drei Jahren hat er in Berlin das Designgeschäft The Corner gegründet, wo es hauptsächlich ausgesuchte Luxuskleidung gibt, aber auch internationale Zeitschriften und Bücher. Ein kleines Café gehört ebenfalls zu The Corner, dort kann man sich bei Espresso und "organischem Wasser" aus Japan oder Norwegen auf lederbezogenen Stühlen vom Einkaufen erholen.
Kaum hat sich der Geschäftsmann an diesem Februartag auf einem dieser Stühle zum Gespräch niedergelassen, raunt ihm ein Mitarbeiter zu: "Il faut dire bonjour à Boris Becker." Voelk federt hoch und begrüßt den Tennisstar, der ziellos an den Modepuppen vorbeistreift. Wenig später heißt es, die Schauspielerin Carice van Houten sei gekommen und wünsche Beratung bei der Auswahl eines Kleides. Von Krise ist bei The Corner auf den ersten Blick nichts zu spüren.
In Wahrheit aber hat Voelk, gerade aus Paris zurück, in den Showrooms der großen Designer weniger Herbstmode geordert als in den Jahren zuvor. Er räumt bereitwillig ein, dass es auch in seinem Geschäft Umsatzeinbrüche gab. Unternehmerisch steckt er also mittendrin in der Abwärtsspirale der Modeindustrie. Den langfristigen Effekt der Krise sieht er jedoch eher positiv. Unnötige Charity-Events, Promotion-Partys, Store-Openings, die zuletzt Hochkonjunktur hatten, all das werde verschwinden, glaubt Voelk: "So schmerzhaft die Krise ist – der Modebranche tut die Bereinigung gut. Das Exzessive wird zurückgefahren und Gutes wieder als Gutes wahrgenommen."
Marken, die nichts tun, als andere zu kopieren, werden wohl untergehen. Und es besteht Hoffnung, dass überflüssige Accessoires, Parfums, Jeans, die mit Celebrities werben, jedoch von mäßiger Qualität sind, verschwinden. Was aber nicht heißt: kein Umsatz. Nur eben: Umsatz mit anderen Dingen. "Geld heißt im Englischen currency, das kommt von current und bedeutet 'Strömung', Geld muss also in seiner ursprünglichen Bedeutung im Umlauf bleiben!", ruft Voelk noch, springt auf und nimmt ein cremefarbenes Kleid für Carice van Houten vom Bügel.
- Datum 01.08.2009 - 15:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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