G rindabod!« Wenn dieser Ruf ertönt, lässt man auf den Färöer Inseln alles stehen und liegen. Grindabod heißt: Eine Gruppe von Grindwalen oder von Weißseitendelfinen ist gesichtet worden. Dann laufen Motorboote aus, und die Wale werden zusammengetrieben. Gibt der Sysselmann – der örtliche Polizeichef – sein Einverständnis, werden sie in die nächste Bucht gedrängt. Was dann folgt, ist nichts für zarte Gemüter.

Männer stürmen ins hüfttiefe Wasser und stechen Metallhaken ins Blasloch der Wale. Dann zerren sie die in Panik wild um sich schlagenden Tiere in Richtung Strand. Dort versuchen sie, die Hauptschlagader zu durchtrennen; aber die liegt tief, und die Wale sind stark. Der Todeskampf der Meeressäuger kann lange dauern. Am Ende ist das Wasser in der Bucht blutrot gefärbt, und Dutzende von toten Walen liegen am Strand.

Anfang Januar fand das Gemetzel zuletzt statt, nachdem über ein Jahr lang keine Wale in die Nähe der Färöer gekommen waren – eine Ausnahme, normalerweise ist mehrmals jährlich Grindadráp, »Waltötung«. Durchschnittlich 900 Grindwale und 300 Weißseitendelfine sterben so jedes Jahr auf der zwischen Island und Schottland gelegenen Inselgruppe. Vermutlich zu wenige, um die einst auf rund 750000 beziehungsweise 63000 Tiere geschätzten Populationen zu gefährden. Grindwale wurden zuletzt 1989 gezählt, über die aktuelle Verbreitung herrscht Unklarheit.

Trotzdem treibt das Schlachten Walschützer weltweit auf die Barrikaden. »Das ist eine der brutalsten Formen der Waltötung überhaupt«, sagt Niki Entrup von der Wal- und Delfinschutzgesellschaft WDCS. Außerdem seien die sozialen Einheiten innerhalb der Population durch den Fang gefährdet. Auch der internationale Tierschutzbund IFAW verurteilt die Jagd. »Derzeit kann man zwar leider nicht sagen, dass die Grindwale als Art gefährdet sind«, sagt Andreas Dinkelmeyer vom IFAW, aber die Tiere hätten bereits so sehr mit Plastikresten, Schiffslärm und Schadstoffen im Meer zu kämpfen, dass man sie unbedingt schonen müsse.

Ebendiese Schadstoffbelastung könnte dem Walfang ohnehin bald ein Ende bereiten. Grindwalfleisch enthält derart hohe Konzentrationen an Quecksilber, dass selbst das Färinger Gesundheitsministerium im vergangenen November vor dem Konsum warnte. Besonders schwangere oder stillende Frauen sollten ganz auf Walfleisch verzichten, andernfalls drohten schwere Entwicklungsstörungen bei ihren Kindern. Bei Erwachsenen steigere die Schwermetallverseuchung das Risiko, an Parkinson zu erkranken.

Dennoch beharren die Färinger vorerst auf ihrer Tradition. Sie berufen sich dabei auf ihren politischen Sonderstatus: Ihre Inseln gehören zwar zum Königreich Dänemark, sind aber weitgehend selbstverwaltet – und nicht Mitglied der EU. Unter die Färöer Selbstbestimmung fällt auch die Nutzung der marinen Ressourcen in den Küstengewässern.

»Die Grindwaljagd ist Teil unserer Kultur«, sagt Sigmundur Isfeld, Chefdiplomat der Färinger Autonomieregierung. »Sie gibt uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.« Die Argumente der Tierschützer hält man auf den Färöern für irrational. Warum sollte man zum Beispiel Schweine töten dürfen, aber Wale nicht? Die Schadstoffbelastung jedoch macht auch den Traditionalisten Sorgen. »Aber die Verschmutzung der Ozeane geht hauptsächlich von genau den Ländern aus, die uns kritisieren«, beklagt sich Isfeld. »Sie verstehen uns nicht.«