Wer je das Neue Museum in Berlin als Ruine gesehen hat, wird den Anblick nie vergessen. Von Bomben schwer getroffen, in der DDR jahrzehntelang vernachlässigt, stand es da wie ein preußisches Pompeji. Durch brandgeschwärzte Säulenhallen wehte der Wind, grandiose Gewölbe bröselten vor sich hin. Ein bezwingender Torso, ganz Schmerz und Schönheit. So schön werde der Bau nie wieder werden, sagte auch der Londoner Architekt David Chipperfield, der 1997 mit der Sanierung des Baus betraut worden war. Und er hat recht behalten.

Man muss an diesen Anfang erinnern, um das Resultat würdigen zu können. Denn der Umbau ist konsequent von der Ruine her gedacht. Die Architekten selbst sprechen von einem "archäologischen" Vorgehen. Sie haben das Neue Museum, Mitte des 19. Jahrhunderts vom Architekten Friedrich August Stüler errichtet, wie eine antike Fundstelle behandelt, wie einen römischen Tempel, wie einen Tempel freilich, der neuesten Ansprüchen an Klima, Sicherheit und Beleuchtung gerecht werden muss.

Gemeinsam mit dem britischen Denkmalpfleger Julian Harrap hat Chipperfield früh entschieden, jedes Bruchstück der Originalsubstanz zu erhalten und je nach Erhaltungszustand zu ergänzen. Wo viel von Stülers eigenwilliger Symbiose aus üppig historisierendem Dekor und seinerzeit enorm fortschrittlicher Technik erhalten war, schmiegt sich das Neue vorsichtig an; wo wenig übrig ist, füllt Chipperfield selbstbewusst die Lücken. Konzeptionell war das von bestechender Klarheit.

Die entscheidende Frage aber lautete: Fügen sich die Spuren und Spolien, die disparaten Schichten der Geschichte zusammen? Wächst aus dem Beschädigten und dem Unversehrten etwas in sich Stimmiges? Kurz: Wird aus den Teilen ein Ganzes?

Die Frage stellte sich umso drängender, als Berlin seine gebaute Vergangenheit derzeit am liebsten bruchlos hätte, heil und harmonisch. Kein Sanierungskonzept auf der Museumsinsel war deshalb derart umstritten wie dieses, eine dröhnend laute Bürgerinitiative forderte immer wieder Baustopp und Rekonstruktion des Verlorenen.

Jetzt ist der Umbau des Neuen Museums abgeschlossen. Am ersten Märzwochenende wird das leere Haus für drei Tage dem Publikum geöffnet, danach beginnt der Einzug der ägyptischen und der vor- und frühgeschichtlichen Sammlungen mit ihren ungeheuren Schätzen, allen voran Berlins ägyptische Königin Nofretete. Mit diesen Werken, keine Frage, wird sich das Haus noch einmal verwandeln, die Architektur, die jetzt einen Moment lang das wichtigste Exponat zu sein scheint, wird dann wieder, was alle Architektur ist – Hintergrund.

Bereits heute aber ist klar: Aus dem Disparaten wächst keine Harmonie. Die Gerechtigkeit, die bei der Sanierung des Museums jedem einzelnen Befund widerfahren ist, hat ihren Preis. Trotz Chipperfields Bemühen, mit einer reduzierten Materialpalette – dunkle Eiche, Bronze, feiner Beton mit Marmorbeimischungen – und sparsamen Details Ruhe ins Ensemble zu bringen, zeigt sich: Dieses Haus ist eine dreidimensionale Collage, ein Wirbelsturm von Eindrücken, Raumstimmungen, emotionalen und architektonischen Verwerfungen.