Frankreich Nizzas fünfte Jahreszeit
Mit Blumenschlachten und Trompeten wird an der Côte d'Azur der Winter vertrieben. Während am Strand der Karneval tobt, ruhen die Hügel in der Stille des Frühlings.

© Valery Hache/AFP/Getty Images
Bereits zum 125. Mal feiert Nizza den Karneval. Und das erste Mal mit Königin
Die besten Logenplätze sind längst besetzt. Auf den weißen Holzbänken an der Promenade des Anglais haben die ersten Zuschauer Platz genommen. Ihre Blicke wandern im Flutlicht der Spätwintersonne zum Horizont, der den dunkelblauen Meeresspiegel von einem wolkenlosen, noch blassen Himmel trennt. Zwei Rentner in Daunenjacken bauen ein Schachbrett auf und ziehen schweigend die Bauern. Eine japanische Touristin öffnet einen rosa Regenschirm, der Makellosigkeit des Teints zuliebe. Im Rücken dieses stummen Publikums flanieren welke Grazien auf Nizzas weltberühmtem Laufsteg oberhalb des Strandes. Manche haben eine Freundin untergehakt, andere führen Schoßhunde mit strassbesetzten Halsbändern Gassi. Noch sind ihre Reihen nicht geschlossen. Radler mit wehenden Grauschöpfen nutzen den Freiraum, um den weiten Schwung der Engelsbucht voll auszukosten.
Im Schutz von Kaschmirmänteln und wärmenden Kappen erwacht das Frühlingsgefühl an Nizzas Promenade. Während der Rest Europas vielerorts unter einer Schneedecke friert und die Gletscher der Seealpen aus dem Hinterland weiß herüberleuchten, beginnt hier die Saison. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Schon übermorgen wird der Karneval den Winter endgültig austreiben. Dann triumphiert närrisches Tamtam, spärlich bekleidete Tanzmariechen werden die Trommel rühren und Blütenprinzessinnen mit Rosen und Narzissen werfen.
Im Gewerbegebiet am Stadtrand kann man davon schon heute eine Riechprobe nehmen. Aus der Wellblechverschalung einer grauen Fabrikhalle dringt der Duft von Tuberosen und Levkojen. Drinnen sind Nizzas Floristen dabei, eine Blütenexplosion anzurichten. Die Vorbereitungen für die erste Bataille de Fleurs laufen auf Hochtouren. Die Blumenschlacht ist der Auftakt zu insgesamt fünf Paraden, die in den kommenden Tagen über die Promenade rollen werden, jeden Mittwoch und Samstag, bis zum 1. März.
Mit Armen voller Tulpen, Gerbera und Amaryllis klettern die Floristen auf die Plattformen der 20 nebeneinander aufgereihten Umzugswagen, schwingen sich wie Matrosen in den Mastenwald stabiler Eisengerüste, hissen Girlanden aus Orchideen, umwickeln die blanken Stellagen mit Blattwerk und befestigen ihre Gestecke, bis jeder Wagen einem erstarrten Feuerwerk gleicht.
Aber wieso ist nirgendwo eine Mimose zu sehen? Wo sind die Wappenblumen der Saison geblieben, diese Knallkörper aus gelben Staubgefäßen, die gerade im nahen Tannerongebirge die Hänge rapsfeldfarben überziehen? »Für die Blumenschlacht wird Eintritt erhoben. Da können wir nicht mit Unkraut ankommen«, ruft einer der Helfer durch ein gigantisches Nelkenbüschel. Seine Kollegen haben das Gefährt, das den Zug anführen wird, wie eine Hochzeitskutsche mit weißen Frühlingsblühern geschmückt. Die Karnevalskönigin wird den Zuschauern darin als Blütenschaumgeborene erscheinen, Hunderte Madonnenlilien und Anthurien aus den Gebinden rupfen und in die Menge werfen, bis sie ihre Ladung verpulvert hat. Das mag in Krisenzeiten wie Verschwendung wirken, aber die Blütenpracht pro Wagen darf den Einkaufswert von 1356,05 Euro nicht überschreiten, was etwa 5000 Schnittblumen entspricht. Das Budget ist knapp kalkuliert, trotz Ausnahmezustand.
Unterdessen hat sich an der Promenade eine Frau neben die Japanerin unter dem rosa Regenschirm gesetzt. Ebenso porzellanhäutig wie ihre Nachbarin sieht sie aus, eine zarte, zerbrechliche Gestalt. Die Schriftstellerin Véronique Olmi hat ihre Kindheit in Nizza verbracht, als Tochter einer alteingesessenen Familie, in der darauf geachtet wurde, dass die Kinder Siesta hielten und bei brütender Hitze erst am Spätnachmittag auf die Straße gingen. Inzwischen lebt die 46-Jährige in Paris, hat Karriere als Theater- und Romanautorin gemacht. Nur für ein paar Tage ist sie an die Riviera zurückgekehrt, hält Lesungen am Abend und steckt am Tag ihre Nase in die Blütendolden der Mimosenbäume, um sich den Winter abzugewöhnen.
Véronique Olmi liebt diese Jahreszeit, wenn die Jalousien oben bleiben und Nizza sich als offene Stadt empfiehlt – so wie auf den lichten Fensterbildern des Malers Henri Matisse, so wie heute auf der Promenade, die Olmis jüngstem Roman den Titel gibt. Er erzählt von ihrer Kindheit in Nizza, auch vom Karneval. »Die Blumenschlacht ist ganz sanft und sonnig«, schreibt Véronique Olmi. Trotzdem will sie abreisen, bevor die Karnevalisten kommen. Gegen Blumen, mildes Wetter, lachende Leute habe sie zwar nichts einzuwenden. »Aber einmal«, erzählt sie, »habe ich auch erlebt, wie die Stimmung plötzlich kippte, wie die Menge zur Bedrohung wurde und das Fest mich verschlang.« Mehr als 40 Jahre ist das her. Im Gewimmel der Schaulustigen bekam die kleine Véronique die Hand ihrer Großmutter nicht mehr zu fassen und geriet in Panik. Sie vertieft diese Erinnerung nicht. Lieber geht sie ein Stück – entfernt sich von der Promenade, hinauf in die übersichtliche Parklandschaft des Nobelviertels Cimiez, wo man nicht so schnell verloren geht. Flink wie zu ihrer Mädchenzeit strebt sie dem grünen Hügel zu.
In leichten Espadrilles und geblümtem Sommerkleid streunte sie manchmal dort umher, wenn die Tage in der abgedunkelten Wohnung, die strenge Obhut der Eltern ihr auf die Nerven gingen. In Cimiez nahm sie den Alltag leichter. Rundherum die tadellos geweißten Hotelpaläste, Liegestühle unter Schirmpinien, Palmenalleen und die scheinbar sorglosen Bewohner des Winterpalais Régina, die in dieser Trutzburg der Belle Époque Nizzas große Zeit noch einmal aufleben ließen: die goldenen Jahren des frühen 20. Jahrhunderts, als russische und englische Adelige hier stilvoll überwinterten. Wo Matisse und Chagall noch kurz vor ihrem Tod die knalligsten Farben mischten, ließ Véronique Olmi ihrer Fantasie Flügel wachsen. Hier wollte sie abheben und gleiten, vom Hügel des Cimiez hoch hinaus über die Engelsbucht, der Pariser Freiheit entgegen.
An diesem Nachmittag jedoch genießt sie die helle Stille des Klostergartens von Cimiez aus dem 16. Jahrhundert: ein windgeschützter Platz mit Meeresblick, der an den Olivenhain des Matisse-Museums grenzt und in dieser Stunde nur wenigen gehört. Die Zweige der Orangen- und Zitronenbäume biegen sich unter der Last ihrer Früchte. Ein Franziskanermönch – noch trägt er Strümpfe in Sandalen – sitzt hingegossen wie das Modell eines Malers auf einer Bank zwischen Beeten mit Goldlack und Primeln. »Solange die Sonnenstrahlen nicht wie Feuerquallen brennen, kann man in dieser Stadt richtig Andacht halten«, sagt Olmi. Als ihre nizzaische Echtzeit bezeichnet sie diese ruhigen Tage, bevor das Narrenvolk aus aller Welt eintrifft.
Unten auf der Promenade des Anglais läuft bereits der Countdown. Laster rumpeln, Diesel qualmt, Verkehrspolizisten zeigen unbeeindruckt Haltung. Scheppernd laden Straßenarbeiter Absperrungen, Gestänge, Planken ab. Die Karnevalstribünen werden aufgebaut, diesmal für ein ganz besonderes Jubiläum. Nizzas fünfte Jahreszeit feiert 125. Geburtstag. Seit 1873 richtet die Stadt das zweiwöchige Spektakel mit Blumenumzügen, Lichterkorsos und Pappmaché-Paraden aus. »König der Maskerade« lautet das Motto 2009. Es soll zu Kostümierung und Selbstinszenierung einladen – und den Tourismus in der Vorsaison ankurbeln. Auch in diesem Jahr werden wieder eine Million Gäste erwartet, mehr als doppelt so viele, wie Nizza Einwohner zählt.
Ein rebellischer Veteran der Maskerade ist Ben Vautier. Als der Karneval 1994 unter dem Leitmotiv »König der Künste« stand, bekam er zusammen mit einer Gruppe lokaler Künstler den Auftrag, einen eigenen Wagen zu gestalten. Sie ersannen eine interaktive Kreation: ein Gefährt mit Röhren, in die jeder hineinschlüpfen und seine Mitmenschen im Dunkeln betasten konnte. »Aber die Leute haben sich leider nicht auf diese erotomanische Antörn-Idee eingelassen, sondern uns ausgepfiffen und beschimpft«, sagt der 73-jährige Ben und wühlt in seinen Haaren, die ohnehin zu Berge stehen.
Er bezeichnet sich als den letzten Wilden, den es nicht schert, wenn ihm Bärte aus den Ohren wachsen, als eingefleischten Dadaisten, der den Spaß an der Provokation nicht verlieren will: »Nizzas Karneval soll der schönste Frankreichs sein? Der mieft doch vor Tradition! Immer dieselbe Leier, Marschmusik statt Sexappeal.«
Ben ist auf Abstand zur Stadt gegangen, wohnt hoch über Nizzas Dächern auf einem Hügel in einer Art Anarcho-Palast. Ein weißes Plastikpferd bäumt sich zur Begrüßung neben der Gartenpforte auf, ausrangierte Fernseher, in Agavenbeeten arrangiert, flankieren die Einfahrt. Auf einem Betonplateau züchtet er in defekten Toilettenbecken und Bidets Kakteen. Die Hausfassade ist mit Spruchbändern bedeckt, aufgespießte Bücher rahmen ein Nashorn aus Pappmaché. Und im vollgestopften Atelier hängt eine Sonnenbrillensammlung auf der Wäscheleine.
Gerade im Jubiläumsjahr hätte der Alte Lust gehabt, noch einmal beim Umzug auf der Promenade mitzumischen. Einen wilden Mummenschanz mit Gegröle anzetteln, Blumenmädchen mit zähnefletschenden Lachmasken defilieren lassen, die nach der Demaskierung ihr wahres Gesicht zeigen: tränenüberströmt, trostlos. »Das wäre meine Art, uns allen eine frohe Krisenzeit zu wünschen«, sagt Ben. Aber er ist allenfalls als Gast erwünscht, nicht als Ideengeber.
Doch selbst wenn man ihn verlässt, um rechtzeitig zum Jubiläum von König Karneval ins Zentrum zu gelangen, bleibt Ben präsent. Jedenfalls solange man in der Straßenbahn sitzt. Seit vor gut einem Jahr die moderne Tram in Betrieb genommen wurde, weht der Geist des Künstlers auf der ganzen Linie. Als Poet und Aphorist war Ben gefragt, um jeder Haltestelle einen kurzen Denkspruch zu verpassen. Mal auf Französisch, mal in der Regionalsprache des Nissart: »Wer nicht sucht, wird finden«, steht da. »Der Süden ist blau.« Und: »Das Neue ist das Alte« – eine kleine Traditionskritik.
Ihr Sinngehalt erfüllt sich in Vieux Nice, der italienisch anmutenden Altstadt hinter der Promenade. An den Marktständen auf dem Cours Saleya ziehen tout Paris und halb Europa vorbei, wie jedes Jahr, wie immer. Die Karnevalstouristen sind eingetrudelt, denn am Nachmittag um halb drei soll die Bataille de Fleurs steigen. Vor der ockergelben und sardischroten Kulisse der barocken Stadtpaläste treten manche Gäste auf wie Komparsen aus einer Commedia dell’Arte: Bajazzos mit Zylinder, Maskenträger im Federschmuck. Und unter ihnen die Granden in Zivil: Monegassen in Kamelhaarmänteln, Spanier mit Borsalino, kleine Mädchen mit Schmetterlingsflügeln aus Tüll auf den Rücken, Olmis fliegende Töchter.
Auf überfüllten Caféterrassen heben Sonnenbrillenschlangen die Champagnerkelche. Wäre Ben dabei, er müsste nur zugreifen, um seine Brillensammlung auf der Wäscheleine zu verlängern. Und vielleicht würde er sich sogar anstecken lassen von der allgemeinen Heiterkeit, von der Leichtigkeit jugendlichen Irreseins. Hinterrücks garnieren Söhne aller Länder Passanten mit Gumminudeln aus Sprühflaschen.
Die Altstadt leert sich, die Menge wogt zur Promenade hin, zu den Tribünen, die den Strand jetzt auf über einem Kilometer Länge säumen. Mit dem Rücken zum Meer erwarten die Zuschauer den Blumenkorso. Kurz schiebt sich die Sonne selbst hinter eine Maske aus Wolken, doch als der Wagen der Königin anrollt, gleißt die Promenade wieder im Licht. Flirrend bunter Regen ergießt sich aus Konfettikanonen.
Dann übernehmen Blechtrompeter und Pfeifer das Kommando. Ein Jazzpianist greift in die Tasten seines rollenden Klaviers. Wie aufgezogen defiliert die exotische Menagerie: Stelzengänger, Luftschlangenpuster, bleich geschminkte Chinesen im Prachtornat. Von den Blumenwagen lassen Mannequins in Reifröcken und Purpurmänteln Gladiolen, Margeriten und den ersten Flieder regnen. Die Menge johlt und buhlt um Blumen. Aus Schubkarren werfen Kinder in provenzalischer Tracht Mimosenzweige. An ihren leuchtend gelben Blüten auf Haar und Kleidung wird man später die Gäste des Spektakels erkennen. Und an ihren strahlenden Gesichtern. Auch wenn, wie Ben behauptet, das Neue das Alte ist und jeder Karneval nur ein Dacapo des vorherigen. Zumindest für die Dauer eines Nachmittags kann das Leben ein sorgenfreier Promenadentraum sein.
Anreise: Air Berlin fliegt von mehreren großen deutschen Flughäfen nach Nizza
Unterkunft:
Empfehlenswerte Hotels in der Nähe der Promenade des Anglais:
Hotel Villa Victoria (3 Sterne), 33, Boulevard Victor Hugo, Tel. 0033-4/93883960,
www.villa-victoria.com
. DZ ab 90 Euro
Hotel Villa Rivoli (2 Sterne), 10, rue de Rivoli, Tel. 0033-4/93889625,
www.villa-rivoli.com
. DZ ab 54 Euro
Restaurant: Eine Trouvaille ist das Au Petit Gari, ein familiär geführter Betrieb mit regionaler Küche. Alles bio, freundliche Atmosphäre. 2, Place Garibaldi, Tel. 0033-4/93268909, www.aupetitgari.com
Literatur: Der Roman »Die Promenade« von Véronique Olmi erscheint am 4. März im Münchner Verlag Antje Kunstmann (240 S., 18,90 Euro)
Auskunft: Fremdenverkehrs- und Kongressamt Nizza, Tel. 0033-892707407, www.nicetourisme.com . Maison de la France, Tel. 0900-570025, www.franceguide.com
- Datum 26.02.2009 - 09:52 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Sehr schöne Artikel über den Karneval meiner Kindheit. es ist so in nizza, wir feiern in Familie und dieses Jahr war der Karneval ein schönen Erfolg.
die helle Stille des Klostergartens von Cimiez aus dem 16. Jahrhundert, da kann ich nur zustimmen: dort habe ich geheiratet. meine Frau ist deutsch und ich wohne nun in Lüneburg aber immer verbunden mit mein Heimatstadt.
dann kommen Sie nächstes Jahr: die Krise mit dem Lachen vergessen, in einer schöne Fewo wie die Einheimiche den Karneval erleben
bis bald
Philippe Raimondi
[entfernt, bitte verzichten Sie auf kommerzielle Werbung/ Redaktion; svb]
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