Politische Buch BUCH IM GESPRÄCH Amerikas Schande

Philip Gourevitch und Errol Morris haben erforscht, was in Abu Ghraib geschah

Die im Gefängnis Abu Ghraib entstandenen Bilder gedemütigter und gefolterter Gefangener sind zu Symbolen des amerikanische Scheiterns im Irak geworden: Dort, wo zuvor die Schergen Saddam Husseins das Zentrum ihres Schreckensregimes hatten und wo Tausende politische Gefangene gestorben waren, haben sich die als Befreier Gekommenen selbst desavouiert. Neben den Bildern der brennenden Twin Towers in New York ist die Aufnahme des an Stromkabel angeschlossenen und auf einer Kiste stehenden »Kapuzenmannes« zur Ikone für die Stellung Amerikas in der Welt geworden. Neben den Symbolen amerikanischer Verletzlichkeit steht die der Schändlichkeit, die der Reputation der USA weltweit mehr Abbruch getan hat, als es deren Feinde hätten tun können.

Die Frage, wie es dazu hatte kommen können, hat Untersuchungskommissionen der Armee wie des Kongresses beschäftigt. Philip Gourevitch und Errol Morris, ein Journalist und ein Dokumentarfilmer, haben ihre ganz eigene Untersuchung angestellt, indem sie die an den Vorfällen im innersten Bereich von Abu Ghraib beteiligten Amerikaner wochenlang befragt und deren jeweilige Sicht neben die objektivierte Darstellung der Ereignisse gestellt haben. Die trockene Sprache der Untersuchungsberichte, in der die offiziellen Ergebnisse fixiert sind, wird dadurch nicht nur multiperspektivisch aufgelockert, sondern regelrecht konterkariert: Sichtbar wird das organisatorische Chaos, die panische Angst, aber auch die arrogante Überheblichkeit der Beteiligten und Verantwortlichen.

Von Anfang an stand die Wiederinbetriebnahme von Abu Ghraib unter keinem guten Stern: Das Gefängnis lag in erheblicher Entfernung von den Gerichten, sodass gefährliche Überführungsfahrten erforderlich waren; es befand sich in einer Zone aktiven irakischen Widerstands und wurde zeitweise täglich mit Mörsergranaten attackiert; schließlich war es infolge der unspezifischen Festnahmepraxis der amerikanischen Militärpatrouillen bald um ein Vielfaches überbelegt, und die Wachmannschaften fürchteten einen koordinierten Angriff von außen und innen. Es kam hinzu, dass sie sich des irakischen Unterstützungspersonals nicht sicher sein konnten: Wie sich bei einer späteren Untersuchung herausstellte, besaß die Hälfte von ihnen Verbindungen zu Saddams Husseins altem Sicherheitsapparat. Dementsprechend groß war die Nervosität der amerikanischen Militärpolizisten. Obendrein standen sie unter dem Druck, schnellstmöglich Informationen über den irakischen Widerstand zu beschaffen, dem tagtäglich Kameraden zum Opfer fielen.

Ob unter diesen Umständen eine stärkere Verpflichtung auf die Genfer Konvention dazu geführt hätte, dass die Demütigungen und Folterungen der Gefangenen unterblieben wären, muss offen bleiben. Fest steht jedoch, dass weder die politische noch die militärische Führung ihrer Verantwortung gerecht wurde, auf die Einhaltung der kriegsrechtlichen Bestimmungen zu achten. Seitens der Politik wurden sie aufgeweicht, und die militärischen Vorgesetzten interessierten sich nicht für ihre Einhaltung. Vermutlich wären die grausamen Praktiken jedoch nie bekannt geworden, hätten die daran Beteiligten sie nicht in Tausenden von Fotografien dokumentiert. Es waren die von den Militärpolizisten selbst gemachten Bilder, durch die Abu Ghraib zunächst zum Skandal und dann zum politischen Desaster der USA wurde. Warum wurden diese Fotografien gemacht? War es das Gefühl des Unrechts, das man dokumentieren wollte, wie die MPs selbst behaupteten? Oder gaben Prahlerei und Geltungssucht den Ausschlag? Manches ist auch durch eine noch so sorgfältige Recherche nicht zu klären. Herfried Münkler

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service