Arzt wollte er nie werden. Ärzte, dachte Boris Zernikow, sind spießig und fahren Cabrio. Wer wirklich etwas bewegen wolle, müsse Umweltschützer sein und gegen Atomkraftwerke kämpfen. Heute ist er Chefarzt, trägt ein weißes Hemd zur Jeans und verfügt über diese beruhigende Ausstrahlung, die man sich von jedem Arzt wünscht. In Datteln, in der Nähe von Dortmund, leitet er die deutschlandweit erste Schmerzambulanz für Kinder, das Vodafone Stiftungsinstitut für Kinderschmerztherapie, und ist seit einem halben Jahr Inhaber des weltweit einzigen Lehrstuhls für pädiatrische Palliativmedizin an der Universität Witten/Herdecke. »Ich bin da so reingerutscht«, sagt der 44-Jährige; er sei einfach an seiner ehemaligen Zivildienststelle hängen geblieben, der Kinderklinik in Datteln, und habe dann das gemacht, was sonst keiner getan habe: sich mit den Schmerzen beschäftigt, deren Ursache man nicht sehen könne.

Am Eingang der Schmerzstation steht »Leuchtturm«. Die Zimmertüren sind durchnummeriert von »Kajüte 1« bis »Kajüte 15«, und auch dahinter sieht es nicht aus wie in einem Krankenhaus; Bücherregale und Möbel erinnern eher an eine Jugendherberge. In Kajüte 5 liegt ein Schulranzen neben dem Bett. Kinder, die hierherkommen, leiden an solch starken Schmerzen, dass sie kein normales Leben mehr führen können. Die Qual hat sie oft depressiv gemacht. Eltern und Geschwister sind hilflos und sind manchmal selbst krank geworden durch die Belastung.

Auf der Station sollen die Kinder lernen, mit ihren Schmerzen zu leben. »Menschen, die zu mir kommen, wollen, dass ich ihnen etwas gebe, was den Schmerz wegmacht«, sagt Zernikow. »Ich versuche ihnen beizubringen, dass sie ihn selber wegmachen müssen.« Schmerzmittel seien immer nur der Anfang, ein Teil der Behandlung. Auf der Suche nach dem Grund des Schmerzes arbeiten in seinem Team Krankenschwestern, Psychologen, Physiotherapeuten und Ärzte zusammen.

Mehr als 200.000 Kinder leiden in Deutschland an chronischen Schmerzen. Viele von ihnen können nicht sagen, wie und wo es wehtut, weil sie zu klein oder stark behindert sind. Lange interpretierte man ihre mangelnden Reaktionen auf Verletzungen als Schmerzfreiheit und erklärte diese mit einem unreifen Nervensystem. Zernikow erzählt, noch während seiner Ausbildung habe ein Oberarzt Eingriffe bei Frühgeborenen ohne Schmerzmittel durchgeführt. Mittlerweile weiß man, dass auch deren Nervensystem, so wie das eines Dementen oder Schwerstbehinderten, auf Schmerz reagiert – nur teilen sie dies anders mit. Um ihre Ausdrucksweise zu entschlüsseln und um den Schmerz und die notwendige Dosierung der Opiate zu erkennen, braucht es viel Erfahrung und Geduld.

Er setze mit der Schmerzstation eine Vision um, die aus eigenen Erlebnissen entstanden sei, sagt Zernikow. Im Medizinstudium hatte der gläubige Katholik vergeblich nach einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen gesucht. Er ging nach China und lernte Akupunktur, weil er wie so viele hoffte, die östliche Medizin setze tiefer an. Doch auch sie enttäuschte ihn. »Wenn Menschen Schmerzen haben, bieten verschiedene Kulturen unterschiedliche Methoden dagegen an: Manche beten, manche geben Pillen, und in China piekst man Nadeln in den Körper. Im Grunde ist das alles das Gleiche, es geht immer um Schmerzverdrängung und nicht darum, nach den Ursachen zu fragen.« Ein Großteil der Schmerzbehandlung bestehe aber darin, Zeichen zu erkennen und zu deuten.

Wie sagt man einer Mutter, dass ihr Kind sterben wird?

Katrin ist die erste Patientin an diesem Tag. Bei der Visite erfüllt ihr Schreien den Raum – ein lang gezogener, gepresster Ton. Katrin hängt im Arm der Mutter. Das magere kleine Mädchen ist ganz in Rosa gekleidet, mit aufgenähten Herzchen auf der Hose und goldenen Haarspangen in den Locken. Die Hand ist zur Faust geballt, ihre Lippen zittern.