Kairos wüste Rufer
Die meisten der 30000 Muezzins in Ägyptens Hauptstadt sollen wegrationalisiert werden. Drei von ihnen erzählen jetzt ihre Geschichte – auf einer Theaterbühne in Berlin
Nur schreiend können sich die beiden Männer am Zeitungsstand unterhalten. Sie sitzen an einer der lautesten Ecken der lautesten Stadt der Welt: Kairo. Über ihnen donnert der Verkehr über eine Hochbrücke, direkt neben ihnen hupen Autos im Stau, gegenüber nagt ein Presslufthammer an Beton. Trotzdem vermissen die Männer ein Geräusch. »Er ist verreist«, sagt der eine, »nach Deutschland oder so. So Gott will, kommt er wieder.« – »Er hat eine besondere Stimme«, sagt der andere, »wir vermissen sie.« Sie sprechen von Hussein Goda, dem Muezzin der Zamalek-Moschee auf der gleichnamigen Nilinsel, der normalerweise fünfmal am Tag die Gläubigen zum Gebet ruft. Nun ist er zu einer besonderen Reise aufgebrochen: Ab nächster Woche steht er im Berliner Hebbel Theater auf der Bühne. Radio Muezzin heißt das Stück des Regisseurs Stefan Kaegi.
Sein Thema ist der Klangteppich von Kairo, an dem auch die rund 30000 Muezzins mitweben, die alle gleichzeitig ihren Ruf erschallen lassen – oder fast gleichzeitig, je nachdem, wie schnell sie rufen und wie genau ihre Uhren gehen. Ein kollektives Brausen, das anschwillt, in einem Sturm gipfelt und schließlich verebbt: »Allahu Akbar – Gott ist groß! Kommt zum Gebet!« Von Weitem hört es sich an wie eine Sinfonie; wer mittendrin wohnt, spricht von »talaus al sama’a«: Lärmverschmutzung.
Die Anarchie der Muezzins ist seit Langem ein Thema, und nun plant das Ministerium für Religiöse Stiftungen, Ordnung in die Kakofonie zu bringen. »Das hat mich interessiert«, sagt Stefan Kaegi. »Der Gebetsruf ist etwas Spirituelles, das durch Technik ersetzt werden soll. Da werden Stimmen verstummen, und mich hat interessiert, welche Geschichten sich dahinter verbergen.« Also hat der Regisseur drei amtierende Muezzins gecastet, dazu einen Radiotechniker und eine Stimme der neuen Generation. In Zukunft soll nur noch ein Muezzin in Kairo rufen, seine Stimme wird über Radiowellen zu den Megafonen an den Minaretten in der ganzen Stadt übertragen. Absolut synchron, versteht sich.
Zur Generalprobe am Nil schickt das Religionsministerium einen Späher
Hussein Goda trägt eine große schwarze Brille. Er ist seit seiner Kindheit blind, konnte aber früh den Koran auswendig; mit seiner süßen Stimme fand er schließlich einen Platz in der Moschee. Früher, als die Muezzins zu den Gebetszeiten noch auf das Minarett stiegen, waren die meisten von ihnen blind – damit sie nicht bei den Nachbarn in den Hof spannten. Muezzin ist ein typischer Blindenberuf, auch wenn Hussein Goda heute nur ein Mikrofon zur Hand nimmt und seine Stimme per Megafon in Kairos Himmel schallt. In Radio Muezzin erzählt er von seinem Alltag, er nimmt die Zuschauer mit in sein Leben. »Das ist meine Moschee, das ist meine Wohnung, hier meine Familie«, sagt er, während hinter ihm auf der Bühne Dias eingeblendet werden. Seine Moschee ist mit besonders schönen Malereien verziert, seine Wohnung schlicht, freundlich blickt die Familie in die Kamera. » Fursa saida, sagt man in Ägypten, sehr angenehm, Sie kennenzulernen!« Das Theaterstück gibt den Zuschauern das Gefühl, den Protagonisten persönlich zu begegnen.
Auftritt Abdel Mursi Abdel Samia. Früher war er Elektriker, »auf Montage, überall«. Dann verletzte er sich am Bein, war arbeitslos und vertrieb sich die Zeit in einer Moschee. Da gerade ein Muezzin fehlte, bat man ihn auszuhelfen. Die Zuhörer waren begeistert, seither ist er die Stimme seiner Moschee. Wüst sieht er aus: langer Bart, ein paar Zähne fehlen, er humpelt. Sein Grinsen und die geduldige Art, wie er seinen Glauben erklärt, nehmen die Zuschauer aber gleich für ihn ein. »Es ist wichtig, zu merken, dass Menschen mit einer Galabija nicht unbedingt einen Sprengstoffgürtel darunter tragen«, sagt der Regisseur über seine Arbeit wider alle Klischees.
Der dritte Muezzin kann kein Foto aus seiner Kinderzeit vorzeigen. »Tut mir leid. Ich wurde als Kind nicht fotografiert«, sagt Mansur Abdel Salam. Er kommt vom Land und hat viele Geschwister. Nur ein halber Feddan Land stand ihm zu, zu wenig zum Leben; darum ging er in die Stadt, wo er eine Stelle als Moscheediener und Muezzin bekam. Offiziell ist er – wie viele seiner Kollegen – Angestellter des Religionsministeriums und verdient knapp 50 Euro im Monat. Das reicht natürlich nicht, deshalb arbeitet er nebenbei in einer Bäckerei. Er zeigt Bilder von sich am Ofen und einen Film, wie er mit dem Minibus durch Kairo fährt, von der Wohnung zur Bäckerei und dann zur Moschee.
»Als Kind träumte ich davon, Fußballspieler zu werden«, erzählt Mohammed Aly Farag. Stattdessen wurde er preisgekrönter Koranrezitator. Er zeigt Bilder von sich bei Wettbewerben in der ganzen Welt. Er im Motorboot in Malaysia, er mit dem Präsidenten, beim Empfang einer Medaille. Welten liegen zwischen ihm und dem struppigen Abdel Samia. Mohammed Aly Farag – das ist die neue Zeit, die des einstimmigen Gebetsrufs. Er ist einer von 30 ausgewählten Muezzins, die in Zukunft Kairo zum Gebet locken werden. Wann genau freilich diese Zukunft beginnt, ist noch nicht bekannt.
Von Moschee zu Moschee ist Stefan Kaegi gegangen auf der Suche nach seinen Protagonisten. Er hat sich Geschichten angehört und danach die passenden Typen für sein Stück ausgewählt. »Ich will etwas aus dem Leben erzählen und nicht eine Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, über die Welt stülpen«, sagt Kaegi. »Anders als beim Dokumentarfilm, wo die Interviewten zusammengeschnitten werden und keine Macht über ihren O-Ton haben, muss man auf der Bühne Kompromisse schließen. Die Muezzins müssen sich mit ihrem Text identifizieren. Zugleich habe ich sie überzeugt, dass zu glatte Honigtexte bei den Zuschauern nicht gut ankommen.«
Doku-Theater in Kairo ist für viele gewöhnungsbedürftig. Und natürlich braucht man für so etwas eine Genehmigung. »Wir haben von Anfang an mit dem Religionsministerium gesprochen und um Vertrauen geworben«, erklärt Heiko Sievers, der Leiter des Goethe-Instituts in Kairo. Die Idee, ein Stück über den Islam in Europa zu zeigen, sei beim Minister gut angekommen, nur habe man lieber besser gebildete und weniger wüste Muezzins auf der Bühne sehen wollen. »Man stellte dem Regisseur immer neue Kandidaten vor. Es war nicht leicht zu vermitteln, dass er die Besten für sein Stück nach anderen Kriterien aussucht, nach der Bühnenpräsenz zum Beispiel.« Sein offizielles Einverständnis hat der Minister für Religiöse Stiftungen bis zuletzt nicht gegeben, aber er hat auch nicht widersprochen. »Ein Vertreter war bei der Generalprobe in Kairo«, erzählt Sievers, »er hat eine Aufzeichnung für den Minister mitgenommen, und die Muezzins haben tatsächlich Urlaub bekommen. Das werten wir als Zustimmung.« Um die Tournee nach Berlin und dann weiter zu verschiedenen Theaterfestivals nicht zu gefährden, wurde das Stück nur ein einziges Mal in Kairo gezeigt. Eigentlich waren mehr Heimspiele geplant und erst dann die Europatournee. »Aber wir wollten keine Öffentlichkeit herstellen, die dem Ministerium vielleicht Probleme bereitet hätte«, sagt Sievers. »Wenn man beobachtet, wie hier manche Sachen aufgenommen werden, muss man Befürchtungen haben.«
Die Gläubigen in den Moscheen vermissen schon die vertrauten Stimmen
Herr Nabil jedenfalls findet das Theaterprojekt eine gute Sache. Er ist Diener in der Moschee von Zamalek und damit für die Reinigung der Teppiche und die Aufbewahrung der Schuhe der Betenden zuständig. In diesen Tagen wurde er befördert: Während Hussein Goda in Deutschland auf Tournee ist, ruft Herr Nabil zum Gebet. »Es ist kein Problem, das kann ich auch gut und andere ebenso.« Die Männer im Café gegenüber sehen das anders: »Nein, Hussein Godas Stimme ist schon etwas Besonderes. Sie gehört hierher, ohne sie fehlt etwas.« Und was, wenn der Gebetsruf jetzt zentralisiert wird? »Na, schade wär’s«, sagt der eine, doch der andere knufft ihm in die Seite. »Das ist doch ein Projekt der Regierung, wie kannst du so was sagen?«, wispert er seinem Sitznachbarn ins Ohr. »Wir finden die Vereinheitlichung gut, denn sie bringt Ordnung ins Chaos«, sagt daraufhin brav der Erste. Kairo ist wirklich ein perfekter Ort für dokumentarisches Theater.
»Radio Muezzin« vom 3. bis zum 9. März täglich im Theater Hebbel am Ufer in Berlin
- Datum 26.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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