Sachbuch Vertrieben ins Paradies
Aus dem Asyl in Princeton schrieb der Kunsthistoriker Erwin Panofsky geistreich und traurig
Dass eine deutsche Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts bislang trotz verschiedener Versuche nicht geschrieben wurde, liegt unter anderem an den Auswirkungen der Emigration. Zu viele Akteure, ohne die eine solche intellektuelle Geschichte nicht zu schreiben wäre, mussten das Land verlassen. Was verloren ging, ist immer wieder durch reflektorische Vorgänge spürbar, die uns vor allem aus dem Englischen erreichen. Für Rückwirkung dieser Art ist der Kunsthistoriker Erwin Panofsky ein herausragendes Beispiel. Er steht für jene Personen, die Deutschland nach der Katastrophe nicht oder nur mehr zu seltenen Anlässen betreten haben. Panofsky, Professor der Kunst an der Universität Hamburg, wurde 1933 nach Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Amt entfernt und emigrierte nach Amerika, wo er zuletzt in Princeton lehrte und 1968 starb. Seit acht Jahren macht sich der Wiesbadener Harrassowitz Verlag um die Edition seiner Briefe verdient, nun ist der vierte, weit über tausend Seiten umfassende Band erschienen. Er bietet mit den Jahren 1957 bis 1961 eine äußerlich weniger stark erschütterte Zeitspanne als die ersten drei Bände, die mit den Studienjahren 1910 beginnen, die Karriere an der Hamburger Universität verfolgen, dann der Emigration nach Princeton sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit gewidmet waren. Aber auch in diesem vierten Band bekennt Panofsky, dass er sich am Institute for Advanced Study in Princeton, wo er nach 1934 neben Albert Einstein wirken konnte, wie »in das Paradies vertrieben« fühle.
Panofsky äußert sich zwar mit schwarzer Illusionslosigkeit über den Systemkampf des Kalten Krieges, doch immer wieder wird sein kämpferischer Liberalismus deutlich, der ihm eine Einladung zur Inauguralfeier des neuen Präsidenten John F. Kennedy einbrachte. In diesem Band überwiegen die Erörterungen persönlicher und fachlicher Fragen, aber gerade aus diesem beruhigten Horizont ergibt sich eine ungeahnte Wirkung auf die internen Auseinandersetzungen in der frühen Bundesrepublik.
Die Konflikte um die Zeit des »Dritten Reiches« bestimmen noch selbst scheinbar unverfängliche Unternehmungen wie etwa einen Beitrag zur Gedenkschrift für Panofskys verehrten Lehrer, den Freiburger Kunsthistoriker Wilhelm Vöge. Als Panofsky es ablehnte, auf der 500-Jahr-Feier der Universität Freiburg zu sprechen, weil mit Martin Heidegger auch der Autor der Rektoratsrede von 1933 auftreten sollte, antwortete ihm der Herausgeber Kurt Bauch, dass Heidegger Vöge nicht weniger verehrt habe wie Panofsky auch. Er selbst sei von Panofskys Weigerung betroffen, weil er seinerzeit Heidegger zur Übernahme des Rektorates geraten habe, um das Schlimmste zu verhüten. Der Zusatz, dass sich dies als naiv herausgestellt habe, markiert eine trotzig-verzweifelte Haltung, die dem Kritiker der Kollaboration ein intolerantes Verhalten vorwerfen zu können glaubte. Panofsky antwortete zunächst unversöhnlich, merkt dann aber ironisch an, dass, wenn »Herr Heidegger von Vöge so begeistert war, wie Sie schreiben, ihm anderes verziehen sein« solle.
Eine besondere Wirkung ergab sich durch Panofskys immer wieder generös vermittelte Einladungen an das Institute for Advanced Study in Princeton, so etwa an alte Schüler und Freunde wie Ludwig H. Heydenreich, an einen Opponenten wie Otto Pächt oder jüngere Kollegen wie Willibald Sauerländer, den Panofsky in diesen Jahren gleichsam geistig zu adoptieren scheint. Sie alle kamen verwandelt zurück.
Die Doppelposition Panofskys und anderer Emigranten, die mit der Bildung in der deutschen Muttersprache eine eigene Denktechnik entwickelt haben, um diese im Sprachkosmos des Englischen aufgehen zu lassen, durchzieht den Band. Selbst die an Freunde der Jahre vor der Emigration gerichteten Passagen sind in der Regel in Englisch verfasst. Panofsky hat die Komplexität des Deutschen in einer Mischung aus Befreiungsfreude und Entsagungstrauer hinter sich gelassen, um jene Sprachwelt, die ihm ein kostbares Asyl geboten hat, in ihrem eigenen Rahmen zu ehren. Es blieb jedoch ein innerer Konflikt. Panofsky war darauf stolz, dass ihm sein Essay über den Film den Preis des bestgeschriebenen wissenschaftlichen Englisch einbrachte. Andererseits aber bekannte er, dass ihm nichts über den Austausch mit deutschen Muttersprachlern gehe, »denn es macht einen Unterschied, ob man von Mörike zu Keats oder von Keats zu Mörike, von Ringelnatz zu Auden oder von Auden zu Ringelnatz ginge«.
Der Zwiespalt taucht immer neu auf. Einerseits der Vorschlag, die Berufsvereinigung der Kunsthistoriker in »Verband deutscher und ehemalig deutscher Kunsthistoriker« umzubenennen, andererseits der Umstand, dass Panofsky bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde seitens der Harvard University im Juni 1957 jenen Talar trug, unter dem zehn Jahre später der »Muff von tausend Jahren« zu stecken schien: die Ehrenrobe der Hamburger Professoren, die ihm als Emeritus geschneidert worden war. Panofsky hat sie im Sinne einer »durch nichts getrübten Erinnerung« getragen. Dass ihm der politisch belastete Dekan Otto Brunner die Erlaubnis zum Tragen des Talars mitteilte, ist eine Ironie der Geschichte. Als er ihm als Vorsitzender der Joachim-Jungius-Gesellschaft die Ehrenmedaille dieser akademischen Vereinigung verlieh, war Panofsky abwesend, wobei er seinem Freund Wolfgang Pauli, Nobelpreisträger der Physik, anvertraute, dass seine Weigerung, in der Hansestadt aufzutreten, auch an der Scheu lag, einigen Liebschaften begegnen zu müssen, die inzwischen ein Vierteljahrhundert gealtert seien – wie er selbst auch.
Zahlreiche Briefe bieten kleine wissenschaftliche Abhandlungen, die in der Freiheit der Briefform oftmals sprühender wirken als die an sich schon inspirierten Artikel Panofskys. Dies gilt insbesondere für den Briefwechsel mit Meyer Schapiro, um dessen Freundschaft sich Adorno vergeblich bemühte. Meyer Shapiro, überragender Interpret der romanischen Kunst und zugleich neben Clement Greenberg wohl einflussreichster Interpret und Befürworter der modernen Kunst, stand auch hinter Panofskys nun im Zusammenhang dokumentierten Streit mit Barnett Newman über die Korrektheit dessen Titels Vir heroicus sublimis. Newmans höchst gelehrte, einem Altphilologen würdige Antworten, die von erfrischender Schärfe sind, bieten zusammen mit den Entgegnungen Panofskys einen der Höhepunkte der Korrespondenz.
Panofsky, der stets die objektgebundene Kunst verteidigte, hat seine tiefe Abneigung gegenüber der Gleichsetzung von Moderne und Abstraktion nie abgelegt. Diese Disposition hat mit der Wiederkehr der gegenständlichen Kunst der letzten Jahre ihren befremdlichen Gestus verloren. Es bleibt ein wunder Punkt, dass Panofsky nicht verzichten mochte auf eine denunziatorische Konfrontation von Gemälden des abstrakten Expressionismus mit Malereien der Äffin Betsy, die 1957 in Baltimore Furore machten. Über lange Zeit wurde Panofskys Ablehnung der Abstraktion als grundsätzliche Absage an die Moderne gedeutet oder gar als Unfähigkeit der Ikonologie, die Avantgarden zu begreifen. Der vorliegende Korrespondenzband hat seinen Wert darin, dass er diese Einschätzung geradezu in das Gegenteil kehrt. Besonders die Briefe an den Kunstkritiker der New York Times, John Edward Canaday , machen deutlich, dass Panofsky seine Kritik des abstrakten Expressionismus nicht vorbrachte, weil dieser zu weit gegangen sei, sondern weil er ihn für unfähig erachtete, den Herausforderungen der Moderne begegnen zu können.
Wie die moderne Musik die traditionellen Kompositionsformen zwar verlassen habe, an den alten Instrumenten aber festhalte, so habe die abstrakte Malerei die objektbezogene Bestimmung der Malerei verworfen, ohne damit wirklich unabhängig geworden zu sein. Statt mit dem Film und der Fotografie zu konkurrieren, habe die Malerei, wie Panofsky dem Wiener Emigranten Heinrich Schwarz entwickelte, die Flucht in ein Niemandsland vollzogen.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Panofsky unermüdlich für eine neu einzurichtende Filmgeschichte warb, weil er die Malerei nicht auf der Höhe der Zeit wähnte. Diesem Ziel dienten sein mehrfach neu aufgelegter Filmessay von 1936 und seine Initiative zum Aufbau eines Filmarchivs am New Yorker MoMA. Tatsächlich konnte eine erste Professur für Filmgeschichte an der New York University durch Robert Gessner eingerichtet werden, der als Gründer der Society of Cinematologists Panofsky im Jahre 1959 die Ehrenmitgliedschaft antrug.
Die mustergültige Edition der Briefe durch Dieter Wuttke erschließt auf singuläre Weise ein Archiv der europäisch-amerikanischen Geistesgeschichte, in dem von Erich Auerbach bis zu Ernst Kantorowicz und von Giulio Carlo Argan in Italien bis zu André Chastel in Frankreich, Jan Białostocki in Polen und den Mitgliedern des Londoner Warburg Institute ein dichter Kreis europäischer Forscher sichtbar wird, die die Zertrümmerung Alteuropas nicht in die Resignation trieb. Naturgemäß hat die Korrespondenz auch seichte Stellen, die aber durch eine Fülle amüsanter Passagen kompensiert werden.
Mit jedem Band der Korrespondenz Panofskys wächst unsere Entfernung gegenüber einer Kultur, in der Briefe sorgfältig wie Publikationen formuliert waren. Ob es gelingt, die nur mehr als Folter zu beschreibende heutige Praxis der E-Mail-Kommunikation in Bahnen zu lenken, die den Namen Korrespondenz verdienen, dürfte darüber entscheiden, ob auch unsere Gegenwart einmal als wert erachtet wird, in ihrer Schreibkultur erschlossen zu werden.
- Datum 26.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren