Spielen Lebensgeschichte
Obwohl die Realität fast immer dagegen sprach, traute er sich zu träumen. Denn seine Ideen aufzugeben wäre ihm als Verrat erschienen, an sich selbst und an allen Mitstreitern. Und dann war es ja auch so, dass er in anderen Kategorien dachte als die meisten. Ihn interessierte nicht, was am nächsten Tag oder im nächsten Monat passieren würde, er glaubte an die Zukunft, an künftige Generationen. Sie, so hoffte er, sollten es einmal besser haben. »Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unserer Gehälter und der Größe unserer Autos zu bestimmen als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit«, mahnte er. Er war gegen jedes kleinliche, im Alltag verhaftete Denken.
Dabei glaubte er an einen tieferen Sinn, der über alles Vordergründige hinausging. Der Mensch sei mehr als »treibendes Strand- und Wrackgut im Strom des Lebens«: »Alles, was wir sehen, ist nur ein Schatten, geworfen von den Dingen, die wir nicht sehen.« Und doch waren es irdische Dinge, die ihn bedrohten. Der Gefahr war er sich bewusst, und falls mal eine Sekunde lang nicht, gab es wieder irgendwo einen Knall, der ihn erneut daran erinnerte. Nichts sei gefährlicher als die Ignoranz, meinte er zwar – aber hätten ihn bestimmte Leute einfach nur ignoriert, wäre sein Leben gewiss friedlicher verlaufen.
Da sie ihn hassten, lebte er auf Messers Schneide. Aber es gab auch andere, die ihn achteten, respektierten, liebten. Noch in relativ jungen Jahren zeichnete man ihn mit höchsten Ehren aus. Nur war es ein Irrtum, zu glauben, die Ehrung böte Schutz, weit eher schürte sie noch den Hass seiner Gegner. Er aber wurde nicht müde, für seine Sache zu kämpfen, und nahm dafür viele Unannehmlichkeiten in Kauf. Zum Beispiel sah er oft über Monate weder Ehefrau noch Kinder, weil er unentwegt durch die Lande tourte.
Was wohl alles anders gelaufen wäre in der Welt, hätte er länger gelebt? Sein Vater, der in jungen Jahren als Automechaniker und Feuerwehrmann gearbeitet hatte, bevor er den Glauben zu seinem Beruf machen konnte – dieser Vater überlebte den eigenen Sohn noch um ganze 15 Jahre. Und musste dabei miterleben, wie sein zweiter Sohn ebenfalls brutal aus dem Leben gerissen wurde. Zwar war die Ursache diesmal ein Unfall, doch die Gerüchte, dass es in Wahrheit anders gewesen sei, wollten nicht verstummen; im Grunde wurde der Fall nie ganz geklärt.
Der Verlust der beiden Söhne muss den Vater unendlich geschmerzt haben. »Wer die Lebensgeschichte des Vaters liest, wird den Sohn besser verstehen. Beide sind aus demselben Holz geschnitzt«, sagte einer dazu. Lebte er, jener Sohn, noch heute, wäre er vielleicht endlich glücklich. Denn dann wüsste er, dass es sich zu träumen lohnt, auch wenn man manchmal lange warten muss und einen verdammt hohen Preis bezahlt. Wer war's?
Frauke Döhring
Lösung aus Nr. 9:
Der Gastwirt Andreas Hofer (1767 bis 1810) aus St. Leonhard im Südtiroler Passeiertal führte im Frühjahr 1809 als »Kommandant« den Aufstand gegen Bayern, die Herren Tirols seit 1805. Der Mann mit dem schwarzen Vollbart nahm selbst nicht an den legendären Schlachten am Bergisel teil. Trotz spektakulärer Erfolge über Bayern wie Franzosen brach der Aufstand im Herbst 1809 zusammen. Der fanatische Kapuzinerpater Haspinger und der Fantast Kolb trieben Hofer in letzten Widerstand. Am 28. Januar 1810 wurde er gefangen genommen, in Mantua zum Tode verurteilt und am 20. Februar erschossen
- Datum 02.04.2009 - 14:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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