Der Fritzl in uns

»Pension F.«, das erste Stück zum Drama von Amstetten

Dass ein Vater seine Tochter 9000 Tage im Keller gefangen hält, sie Tausende Male vergewaltigt, ihr sieben Kinder aufzwingt und dann seine »Story« für 4000000 Euro an den Boulevard verhökern will, dass solch Unfassbares die Welt zum Schaudern bringt – wundert das wen? Dass aber der mediale Globus vibriert auf die bloße Ankündigung hin, in einem Kellertheater eines Wiener Gemeindebezirks werde dieses Drama auf die Bühne gestellt – das setzt in Verwunderung. Kommt die universale Seele mit diesem Verbrechen nicht zurecht? Welche Anteile an der Verarbeitung haben die Medien in ihrer Doppelrolle als Instrument der Information und der Bewältigung?

Das ist das Thema des Hubert Kramar. Der 60 Jahre alte etablierte Wiener Bürgerschreck, juvenil immer noch »Hubsi« genannt, Prinzipal des 3raumtheaters in den Anatomie-Aulen der aufgelassenen Veterinärmedizin, hat Instinkt für das Faule im Staat. Berühmt wurde der Berüchtigte, als er vor acht Jahren den Opernball mit perfekt inszeniertem Hitler-Auftritt aufrührte und telegen verhaftet wurde. Der Strasberg- und Savary-Schüler, Student von Film-, Musik- und Schauspielschule, hat 30 Stücke geschrieben, 40 Film- und Fernseh-Rollen gespielt und 50 Mal inszeniert, in eigenen Theatern, die der Havard-Akademiker in »Art Administration« seit 30 Jahren leitet. Nun nimmt er sich des Falls Fritzl an, des Kellerdramas von Amstetten. Während die Justizmaschine für den Prozess Mitte März anrollt, schießt sich der Boulevard täglich auf »Hubsi« und sein Stück Pension F., ehemals Pension Fritzl ein. 120 Journalisten aus aller Welt wohnten der Pressekonferenz bei, die, wie auch die Uraufführung, wegen Morddrohungen und Vandalismus-Attacken auf das Theater unter Polizeischutz stattfand. Kramar wird die klassische Rolle des Nestbeschmutzers verpasst, der im explosiven Gemisch austriakischer Scham und Wut über die internationale Bloßstellung einer nationalen Schande agiert. Diesen Part gibt er ebenso professionell wie passioniert mit seinem Lebens-Prinzip »Fuck Fuck Fuck, but so is Hubsi Kramar – I’m not proud that I live in Austria!« .

Während die Massenpresse hinter dem medialen Begreifen nur mühsam ihre pornografische Gier kaschiert und auf eine saftige Inzest-Kommödie hofft, verweigert die Inszenierung diese Befriedigung und konfrontiert die Medien mit einer Mediensatire. Kramar will nicht »Fritzln gehn!«; er präsentiert den zahllosen Kameras, Diktafonen und Schreibblocks bei der Premiere sein Gegenprogramm: Der Fritzl in mir! »Erwarten Sie nichts außer das, was Sie selber sind!«

Unendliche 60 Minuten ergeht sich die zirzensische Nummernrevue in austria-erotischem Selbst- und Heimathass, unendliche 60 Minuten ergeht sie sich in der großen Abrechnung mit den Fernsehformaten und -figuren von Big Brother, Bohlen, Pocher & Poier, Koch & Kerner, bevor es endlich zur Sache Fritzl geht. Der Kramar-Crew aus Laien, Halb- und Vollprofis gelingen nur selten kompakte Travestien und Parodien von Elendscastings und Opfershows: Geiler Geiler tönt der Jingle von Brutal am Montag. Auf treten Wetterfrosch und Ficknudel, Zarah-Transe, Hansi Hinterseer, ein Bulle, ein Agent, Vergewaltigte mit ihren Bildschirm-Juroren. Und alle dirigiert vom Dompteur »Hubsi«, der den Moderator schneidigst gibt als Falco-Verschnitt mit Goldsakko, Gel & Dunkelbrille. Ein galliges Aufklärungsspektakel, in dessen Zentrum Kramar sich selbst stellt.

Jedoch! Der Agitprop-Prediger mit dem großen 68er-Vorschlaghammer kloppt die Wahrheit auf die Köpfe in repetitiver Dauererregung à la Bernhard, Thomas. Mühelos an die Wand gespielt wird er jedoch vom christkonservativen Herrn Volker, Kultursprecher der neuen Bundesregierung, in dessen Figur der Schriftsteller Peter Matejka die Entdeckung des Abends ist: kongenialer Phänotyp des biedermännisch-brutalen Zensors mit Wert-Sprech und Kunst-Sinn.

Hubsi Kramar ist allgegenwärtig als höhnischer Cicerone seiner »Opfer macht Quote«-Show, der immer noch den einen Event mit dem nächsten toppen will: Hochzeit zwischen Fritzl und Kampusch im schwul-klerikalen Maria Zell des österreichischen Knabenmissbrauchs-Kardinals Groer. So mutiert das Feindbild des Abends, die Kronen-Zeitung, zur »KZette« dieses öffentlichen Meinungsterror-Raumes der vierten Gewalt im Staat. Und, wie es der Zufall will, der nie Zufall ist: Kramars Koautor und -regisseur heißt auch noch Fritzl, Hermann Fritzl. Tritt auf die Bühne und gibt den geilen Gaffern hinter Kamera und Mikro Interview um Interview.

Und warum das alles und zu welchem Zwecke? Zweifellos! Jedes ästhetische Mittel muss recht sein, Aufmerksamkeit zu schaffen und Bewusstsein zu schärfen für Machtmissbrauch, wo immer. Jedes dramaturgische Mittel muss recht sein, um das Schweigetabu zu brechen und Würdigung für die Opfer zu erkämpfen. Das ist gelungen. Es ist klassische Aufklärung, die den getragenen Gestus der Belehrung in bitteres Vergnügen packt und dem Affen Zucker gibt. Aber zwischen gut gemeint und gut gemacht klafft ein Hiat. Immer wieder ist der Weg zum Ziel verschüttet vom parodistischen Schrott des Originalschrotts, von Gesinnungsklamauk, von plattesten Klischees und wohlfeilstem Gutmenscheln. So global von Thailand bis Turkmenistan, von Amsterdam bis Amstetten Gewalt gegen Kinder und Frauen ist, so fassungslos beobachtet der ausländische Betrachter hier in Wien auch an diesem Fall wieder einmal, wie ein zutiefst internationales Problem hier zutiefst binnen-österreichisch weggesperrt wird. In einem unfassbaren Maß ist dieses Land noch in seinen oppositionellsten Köpfen in sich selbst eingesperrt wie in einem Fritzlschen Keller. So wird Amstetten zur Metapher einer traditionell höchst prekären kollektiven Identität, die Affären wie Fritzl und Kampusch als nationale Charakteristika erst wahrnehmbar macht.

 
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