Ich habe einen Traum Der Welt zeigen, wer man ist

Frida Giannini, Chefdesignerin von Gucci, wollte früher am liebsten Madonna sein. Heute bewundert sie Roberto Saviano und wünscht sich die Liberalität der Hippie-Kultur zurück

Ich hatte über lange Zeit einen Traum, wie ich vor Tausenden Menschen auf der Bühne stand, ich schulterte eine Gitarre, spielte Musik – und die Zuschauer kreischten beigeistert. Damals war ich 20 Jahre alt, meine Leidenschaft für Madonna entfachte den Traum, denn ich träumte, wie ich mit schwarzen Leggings und langen blonden Haaren das Publikum verrückt machte, wie meine dunklen Augen die Menschen fixierten, sie in den Bann zogen – wie ich Madonna kopierte.

Die einzige Abweichung bestand in der Wahl der Kleidung. Manchmal zog ich Lederhosen an, dann hohe Absatzschuhe oder Vintage-T-Shirts – es war eine richtig ausgeklügelte Fantasie. In der Realität musste ich den Traum schnell begraben, weil ich eine schreckliche Singstimme habe.

Dahinter steckte für mich der Traum, die Freiheit zu haben, der Welt zu zeigen, wer man ist. Da ich nicht auf der Bühne stehen konnte, lebte ich damals diese Vorstellung in den Clubs von Rom aus, wenn ich mit meinen Freundinnen ausging und tanzte. Am liebsten gingen wir ins Goa an der Via Ostiense, gar nicht weit weg von der Pyramide an der alten Stadtmauer. Jeden Freitag fuhr ich kurz vor Mitternacht mit meinem kleinen Auto los, holte die anderen Mädchen ab, wir umgingen die Schlange, weil einer der Organisatoren damals mein Freund war – und feierten die ganze Nacht. Stundenlang tanzten wir zu House Music. Ich weiß noch, wie verschwitzt ich jedes Mal nach Hause kam.

Manchmal träume ich von der Energie dieser Nächte, von der Freiheit des Tanzens. Vor ein paar Jahren brach ich mir ein Bein, danach konnte ich nie wieder so wie früher tanzen. Die Ausgelassenheit fand ich dann in der Hippie-Musik wieder, die mich zu einigen Kollektionen inspirierte. Ich erinnerte mich an meine Mutter, wie sie in den siebziger Jahren mit Schlaghosen, bestickten Blusen und viel Schmuck durch das Haus lief.

Manchmal wünschte ich, es gäbe die Liberalität der Hippie-Kultur wieder. Wenn ich mir anschaue, wie Schriftsteller um ihr Leben fürchten müssen, mitten in Europa, mitten in Italien, das macht mir Angst. Ein Mann wie Roberto Saviano muss das Land verlassen, weil er Gomorrha geschrieben hat. Das Buch beschreibt von der ersten bis zur letzten Seite wahre Zustände. Es ist eine Schande, dass er flüchten muss. Saviano ist ein mutiger Mann, von ihm kann man lernen, auch in gefährlichen Zeiten zu provozieren.

Die Italiener sollten sich stärker bewusst werden, welche Konsequenzen er tragen muss – er hat kein Privatleben, steht ständig unter Bewachung. Er lebt wie ein Gefangener. Ich hoffe, er findet ein Gleichgewicht in seinem Leben, ein Privatleben und verliert nie den Mut und das Vertrauen in seine Arbeit. Ich wünsche mir, dass er eines Tages eine Freiheit genießen kann, die er heute nicht kennt.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Frida Giannini steht als Chefdesignerin dem Modehaus Gucci vor. Die 36-jährige Römerin studierte Modedesign, begann 1997 ihre Karriere bei Fendi, leitet seit 2006 das Kreativteam von Gucci – und gilt als legitime Nachfolgerin des Designers Tom Ford

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
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