Das neue Album von U2 Mission Menschenfischen

Vier leicht aus der Übung geratene Rampensäue auf Experimentierkurs: »No Line On The Horizon«, das neue Album von U2

Als Überzeugungstäter und Großkommunikator ist Bono nicht zu toppen. Erinnern wir uns nur an die Bekehrung des Jesse Helms: Jahrelang hatten Schwulenverbände den Senator von North Carolina davon zu überzeugen versucht, dass Homosexualität nicht des Teufels ist. Bis ER kam, mit der Bibel winkte – Jesus sprach, kleidet die Nackten und speiset die Hungrigen –, und siehe, ein Rotz und Wasser heulender Helms gelobte Besserung. Oder das Wunder von Gleneagles. Drinnen ein Häuflein Politiker beim Krisengipfel, draußen Heerscharen Einlass begehrender Demonstranten, verhärteter können Fronten nicht sein. Auftritt Bono: Wenige Minuten bevor er mit U2 ein flammendes Konzert gab, brachte er ausgewählte Globalisierungsgegner mit den Herren Wolfowitz und Clooney an ein Kaminfeuer. »Ich musste ihn dauernd anstarren«, gab George Clooney zu Protokoll, »du fühlst dich, als seist du zu Hause mit einem Kumpel, der zufällig ein globaler Rockstar ist«. Schon war der Schuldenerlass für die Dritte Welt beschlossen.

Die Serie ließe sich fortsetzen: Bono beim Papst, Bono mit Bush dem Jüngeren, Bono als Coverboy des Time -Magazins, das ihn 2005 zur »Person of the year« kürte, weil »kein anderer lebender Kulturschaffender so große Aufmerksamkeit erzeugen kann«. Als Arbeiter im Weinberg des Charitainments ist Paul Hewson, den Freunde wie Feinde nur Bono nennen, konkurrenzlos, als Musiker ist die Bilanz nicht ganz so beeindruckend. Ein paar Benefizkonzerte, der ein oder andere Einsatz in der Stadionmission, das war’s. Jetzt ist auch diese Versorgungslücke geschlossen.

Anzeige

No Line On The Horizon heißt das neue U2-Album, überflüssig zu erwähnen, dass im Vorfeld sehr viel Kommunikation stattgefunden hat. Man gebe alles, hieß es in Meldungen, die Band zeige sich kreativ wie nie. Nein, stopp, Burnout-Erscheinungen, alles wieder auf Anfang. Jetzt gehe es zu Inspirationszwecken erst mal nach Marokko, von dort über Südfrankreich und London wieder zurück nach Dublin. Zuletzt brachte die Fachpresse Werkstattberichte, die einfühlsam die Seelenlage jedes U2-Mitglieds ertasteten. Bis Daniel Lanois, einer von drei Topproduzenten, das vorläufige amtliche Endergebnis verkündete. Es handle sich um eine fantastisch innovative Songsammlung.

Was daran stimmt: No Line On The Horizon ist eines der besseren Alben von U2. Die Band hat sich auf ihre Kernkompetenz besonnen, das Herstellen volltönender Hymnen für den alltäglichen Pathosbedarf. Im Gegensatz zum müden Vorgänger How To Dismantle An Atomic Bomb darf der Gitarrist The Edge seine Qualitäten in Sachen Klangkathedralik unter Beweis stellen, die Rhythmusgruppe knüppelt das Geschehen voran, hier und da gibt es sogar den Ansatz einer Melodie. Bono vermeidet die einschlägigen Bono-Klischees, statt zu knödeln, versucht er sich am Crooning eines Frank Sinatra oder der Lakonik Johnny Cashs.

Zwei Maßnahmen zur Modellauffrischung sind erkennbar: Zum einen bedient sich die Band ohne falsche Scham im Baukasten neoprogressiver Frickelfreunde wie Radiohead; wenn das Stück schon zu Ende ist, schwebt immer noch ein verirrtes Sample im Raum. Zum Zweiten war der Marokkotrip für eine Handvoll mitgeführter Ethno-Grooves gut: Es bommelt, bimmelt und rappelt im Karton, die Karawane zieht munter gen Osten. Zusammengenommen ergibt das einen Sound zwischen Innovationsandeutung und klassischer Rockdröhnung, interessiert verfolgt man, wie vier leicht aus der Übung geratene Rampensäue sich selbst auf Experimentierkurs bringen – um dann festzustellen: Nein, es geht nicht.

Leser-Kommentare
    • astrik
    • 28.02.2009 um 1:25 Uhr

    ...offensichtlich war der Autor des Artikels ja noch nie ein großer Fan der Band, also kann man wohl nicht mehr erwarten als eine (fast schon lächerliche und für Fans leicht zu ignorierende) Bezeichnung Bonos als "Nervensäge".

    Ehrlich - Musik ist Geschmackssache, aber Manches geht gar nicht. Das ist dann doch unter der Gürtellinie...

  1. Da gebe ich meinem Vorredner recht. Allerdings wundere ich mich über Artikel wie die des Herrn Gross nicht mehr wirklich. Es ist doch alle vier Jahre das Gleiche: sobald ein neues U2-Album erscheint wird dies von den obersten Vertretern der Fach(!)presse (Rolling Stone, Q-Magazine etc...) gefeiert, während deutsche Tages- und Wochenzeitungen - zu meinem Erschrecken meist vor allem solche mit linksintellektuellem Anspruch - dieses zum Anlass nehmen, um über Bono und sein politisches Engagement herzufallen.
    Was dabei allen gemein ist sind drei Dinge:

    a) Die Autoren schaffen es alle, in ungefähr zwei Dritteln ihrer Platten(!)kritik nicht über die Musik zu schreiben, sondern wie von einem Magneten angezogen immer wieder abzudriften, um sich auf inzwischen ermüdende Art und Weise über Bono und seine außermusikalischen Aktivitäten auszulassen.

    b) Sie überkommt dabei das Selbstverständnis, wahnsinnig kreativ und witzig zu sein und man merkt schnell, dass sie mehr Zeit damit verbracht haben, sich eine "originelle" Überschrift einfallen zu lassen, als damit, sich die Platte anzuhören.

    c) U2 werden dabei zumeist auf Bono reduziert, die wenigen objektiven Angaben zu Geschichte und Umfeld der Band sind in der Regel so mangelhaft recherchiert, dass sich einem die Haare sträuben.

    Übrig bleiben in der Regel Artikel, die vor allem eines sind: überflüssig! Alles schon einmal gelesen, jeder Seitenhieb auf Bono ein Imitat, über jeden pseudointellektuellen Witz schon einmal nicht gelacht, über jeden Spott schon einmal den Kopf geschüttelt, gähn, langweilig.....

    Was die Art und Weise von Bonos Engagement angeht, kann man davon halten was man will. Selbst unter den treuesten U2-Fans gibt es Stimmen, die einen gewissen Narzissmus ihres Frontmannes nicht leugnen wollen.
    Die meisten Kritiker der schreibenden Zunft ziehen sein Wirken jedoch ins Lächerliche, wohlwissend dass ein einziger Auftritt Bonos mehr bewegen kann, als sie in ihrer gesamten journalistischen Laufbahn. Rockstar sein und Gutes tun - damit kommen viele nicht klar.
    Doch das ist eine andere Diskussion - sollte ich an dieser Stelle weiterschreiben, würde ich damit ebenso abdriften, wie Herr Gross es von seinem Ursprungsmotiv getan hat, eine Kritik über das neue U2-Album zu schreiben. Herausgekommen ist dabei wie bei so vielen selbstverliebten Kollegen folgendes: eine platte Kritik statt einer Plattenkritik.

  2. Ich finde den Artikel ebenfalls unerträglich, obwohl ich kein ausgesprochen großer U2-Fan bin. Dieses Album, zu diesem Schluss kommt jeder objektive Betrachter, ist allerdings tatsächlich ein Geniestreich.
    Herr Gross vergeht sich hier verantwortungslos an gleich mehreren journalistischen Grundsätzen, in dem er seine persönliche Abneigung gegen Bono zum Anlass nimmt, um die gesamte Band und das Album zu diskreditieren.
    Und -da muss ich Daniel Gerke im Kommentar zuvor Recht geben- man könnte meinen, bei allem was er so zu sagen hat, hat der Herr Gross eines vergessen - das Album über das er spricht, einmal anzuhören. Ich nehme ihm, tatsächlich nicht ab, dass er dies getan hat. Und das hat nichts mit persönlichen Vorlieben, Geschmäckern oder ähnlichem zu tun, selbst wenn mir das Album nicht gefallen würde, diese Art von Kritik hat nicht einmal den Namen verdient. 6 - setzen!

    [Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich/ Redaktion; svb]

  3. Herr Gross,

    ich habe mir - ähnlich wie Sie in Ihrer intensiven Recherche zu ihrem Madonna Artikel - die Mühe gemacht "zu googlen". Nicht in der ganzen weiten Welt wie Sie es bewundernswerterweise gewagt haben, sondern nur auf zeit.de, um zu schauen, was Sie sonst noch schreiben wenn Sie nicht gerade U2 beackern. Der Madonna Artikel stellte sich dann als genau das heraus was ich gesucht hatte.

    "Madonna ist eine überschätzte Zicke, die in den gesamten Nullerjahren nur Nullstatements von sich gegeben hat"

    So fangen Sie an und entblöden sich dann über sich selbst zu schreiben. Und dann auch noch über die Web-Recherche, wirklich! - melancholisch, darüber, dass das "heute nur noch im Internet geht". "Heutzutage" wäre als Wort noch geiler gewesen.

    Zu U2 ist Ihnen dann auch etwas geiles eingefallen. "Aus der Übung gekommene Rampensäue". Wenn Sie geschrieben hätten das Vorgängeralbum wäre ja noch OK gewesen, hätte das mit der Übung ja sogar ein wenig Restsinn gemacht. Sie schreiben aber das Vorliegende sei besser als das davor - hauptsächlich wegen Radiohead und Ethno-FEZen. Können Sie mir das bitte mal erklären? Im gesamten Text findet sich keine Erklärung Ihrer Vortext-These. Stattdessen ein glatter Wiederspruch.

    Meine Fresse bin ich sauer über diese Artikel und diese "Kulturjournalisten" die über "uns Journalisten" schreiben und die mich damit nerven, dass sie gezwungen werden (von wem auch immer) über populäre Kultur zu schreiben. Und dann auch noch drohen es wieder zu tun, wenn Madonna 60 wird.

    Hören Sie doch bitte einfach auf! Sie finden Madonna ist eine überschätze Zicke und Bono, inklusive U2 hätten nichts hinbekommen, musikalisch, ausser einiger Charitainment-Konzerte in Stadien. Prima! Ich denke es ist eine "kognitive Dissonanz" in Ihnen entstanden bei Ihrem Selbstversuch: Madonna Konzert. Sie haben sich entfernt. Warum bloss sind Sie denn wieder zurückgekommen und belabern uns weiter? Sie könnten doch einfach weitergehen. Sie müssten doch bei derart klarer journalistischer Evolution (Web-Recherche mit Output der gefundenen Headlines), Befähigung zur Ein-Satz-Abkanzelung von Musikerkarrieren, faszinierender Integration von amerikanischen du jour Effekten (Trickle Down) inzwischen viel weiter gekommen sein. Über wirklich relevante Musik schreiben oder sogar über echte Kultur!

    Süddeutsche fand ich in Ordnung, Spiegel-O ein wenig zu langweilig aber aber OK - von meiner "Zeit" hatte ich etwas Gutes erwartet.

    "Der heilige Bono"
    "Mission Menschenfischen"
    "Rampensäue auf Experimentierkurs"

    Schon bevor Sie loslegen - textlich - ziehen Sie alle Register!

    Herr Gross-Geist - "Rampensäue" haben U2 nicht verdient - das haben wirklich nur Rampensäue verdient. Lassen Sie den Scheiss einfach, bevor Ihnen zum 60 von irgendeinem Rockstar noch eine schlimmere "Endsieg"-Headline einfällt.

    Ich würde mich sehr freuen mal etwas Neues von Ihnen zu lesen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service