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Stephen Daldry hat Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser« verfilmt. Im Film wie im Buch ist Auschwitz eine lästige Erinnerung, die den Deutschen den Zutritt zu ihrer kulturellen Identität verwehrt
© CENTRAL FILM Verleih GmbH

Kate Winslet lauscht ihrem Vorleser Michael (David Kross)
Wer Bernhard Schlinks Weltbestseller Der Vorleser verfilmen will, benötigt vor allem einen erfahrenen Bademeister. Zwei von Schlinks Helden leiden unter Waschzwang und müssen immerzu baden. Blitzsauber wollen sie sein, und immer wieder springen sie hinein in die Lethe, den Fluss des Vergessens. Doch alles Bürsten, Schrubben, Rubbeln, Scheuern hilft nicht, der Schmutz sitzt tief unter der Haut. Der Schmutz ist Schuld, deutsche Schuld, und diesen Schmutz müssen sie loswerden. Aber wie?
Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser ist ebenso berühmt wie berüchtigt, wobei die Frage, warum das Buch weltweit so erfolgreich ist, das weitaus größere Rätsel darstellt. Die Konstruktion ist aberwitzig, man könnte auch sagen: Sie ist tückisch und wie mit der Brechstange hingebogen. Die von dem amerikanischen Regisseur Stephen Daldry (The Hours) verfilmte Geschichte geht so: Der Gymnasiast Michael (David Kross) bekommt Scharlach und erbricht sich bei strömendem Regen in einem Hauseingang, woraufhin eine Bewohnerin herbeieilt und das Malheur mit einem bereitstehenden Eimer Wasser fortspült. Die beiden treffen sich wieder, und nachdem Michael ein Bad genommen hat, verführt ihn die geheimnisvolle, zwanzig Jahre ältere Unbekannte noch an der Wanne. Mit wachsendem Vergnügen erlebt Michael ein Frühlingserwachen in den Feuchtgebieten der jungen Bundesrepublik, doch das Schönste daran ist: Nach jedem gelungenen Akt bittet ihn Hanna (gespielt von der für diese Rolle mit dem Oscar ausgezeichneten Kate Winslet), ihr aus einem Klassiker vorzulesen, meistens Homer, manchmal tut es auch Lessing. Danach wieder ein Vollbad.
Die Lustreise ins Quellgebiet der abendländischen Kultur plätschert eine Weile vor sich hin, und bevor die Alphabetisierung ein Ende hat und Hanna vorerst aus Michaels Leben verschwindet, wird der Schulbub noch einmal kräftig eingeseift, denn er ist eine saubere Haut und soll es bleiben. Einige Jahre später begegnen die beiden sich wieder. Hanna steht vor Gericht, sie war eine KZ-Aufseherin. Zugleich erfährt der Zuschauer, dass sie nie lesen und schreiben lernte, also fern jener deutsch-abendländischen Kultur war, die ihr der unbescholtene Liebhaber mit seinen literarischen Betthupferln nahegebracht hatte.
Nach seinem Erscheinen 1995 kritisierten vor allem jüdische Intellektuelle Schlinks Roman als beispiellosen Fall von »Kultur-Pornografie«. Der in Oxford lehrende Germanist Jeremy Adler warf Schlink im Times Literary Supplement vor, er füge der Schmach jüdischer Opfer eine neue hinzu. Ausgerechnet eine ungebildete Frau personifiziere die deutsche Schuld; Schlink mache aus einer SS-Schergin eine virtuelle Heilige und verwandele eine Täterin in ein Opfer. Das einzige Leiden, das sich der Vorstellungskraft seines eiskalten Erzählers erschließe, sei das Leiden am eigenen, am deutschen Trauma.
Adlers Kritik griff weit aus, aber in einem entscheidenden Punkt nicht weit genug. Warum Homer? Warum zitiert der Junge mit dem sympathischen Griechenfimmel ständig die Odyssee? Stephen Daldrys Film suggeriert: Weil das Schicksal der deutschen Nation dem des homerischen Helden vergleichbar ist. Odysseus erlebte auf seiner Reise schlimme Dinge, auch viel Tragik, aber nun hat er »Sitte« gelernt und alles Recht, aus der Fremde nach Hause zurückzukehren, nach Ithaka, an den Ort seiner kulturellen Identität. Aber warum ist Deutschland/Odysseus die glückliche Heimkehr verwehrt? Warum versäumt der von Ralph Fiennes gespielte ältere Michael, ein Jammerlappen, sein Leben? Warum fallen die Deutschen in der »Neustadt« in kollektive Depression? Ganz einfach: Weil zu Hause ein fremder Gast hockt, der ihnen den Zutritt verwehrt. Es ist die lästige Erinnerung, die Erinnerung an Auschwitz.
Auch wenn Daldrys amerikanische Verfilmung gewisse literarische Fixierungen des Romans aufgibt, so bringt er dessen Obsession, seinen Reinheitswahn, erschreckend genug ans Licht. Es ist die Behauptung, deutscher Geist und deutsche Kultur seien sauber geblieben und hätten mit dem Faschismus nichts zu schaffen. Hanna, die SS-Frau mit dem jüdischen Namen, konnte nicht lesen, sie war ein unbeschriebenes Blatt und hat dieses mit ihren Taten nicht befleckt. Das heißt: Mit einem scharfen Schnitt trennt der Vorleser den Nationalsozialismus von seiner geistigen Vorgeschichte ab. Die kulturelle, irgendwie griechisch-christliche Substanz der Deutschen ist unschuldig und nicht zu belangen. Vermutlich soll niemand auf falsche Gedanken kommen und fragen, warum »abendländische« Eliten dem Nationalsozialismus zur Macht verhalfen, warum Goethes Weimar Hitlers Buchenwald nicht verhindert hat. Und niemand soll fragen, warum eine Nation, die sich dem »Griechentum« am nächsten fühlte, einen historisch präzedenzlosen Massenmord begangen hat.
- Datum 02.09.2009 - 15:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Thomas Assheuer hat diesen tief berührenden Film in bester Mahner- und Warner-Manier rezensiert. Ganz politisch korrekter Nachkriegsfeuilletonist, kann er es einfach nicht durchgehen lassen, dass ein Stück Kultur sich nicht voll und ganz und unmittelbar mit den Verbrechen der Nazis befasst und keine eindeutige Zuweisung von Täter- und Opferrolle vornimmt, denn es könnte sich dahinter, gottbewahre, Relativierung oder gar Verharmlosung verbergen! Wehe demjenigen, der da nicht "Feurio" schreit (und schreibt).
Dieser Film verharmlost und relativiert nichts. Hanna hat unsagbare Schuld auf sich geladen, dies stellt der Film zu keiner Zeit in Frage. Dass sie sich selbst zusätzlich falsch belastet und dadurch das Strafmaß erhöht, relativiert ihre Schuld keineswegs, es wird daran lediglich deutlich, dass zwischen moralischer Schuld und justiziablen Verbrechen manchmal nur ein oberflächlicher Zusammenhang besteht, das ist aber nicht das Hauptthema des Films. Es geht auch nicht, wie Assheuer vermutet, um den Umgang mit reuigen SS-Tätern in der BRD. Hanna zeigt Reue, wenn überhaupt, nur sehr zögerlich, konsequenterweise erhält sie auch keine Vergebung. Der Film will keine abschließende Bewertung und Verurteilung ihrer Taten abliefern. Er erzählt eine Geschichte von einem Menschen, der große Schuld auf sich geladen hat und von einem Menschen der diesen liebt und daran zerbricht, er erzählt von einem Menschen, der bei der Beurteilung des eigenen Versagens falsche Maßstäbe anlegt. Er erzählt von falscher Scham, jugendlichem Liebeskummer und von der Feigheit und ihren Folgen, seine Verletzungen vor denen, die man liebt, zu verbergen. Er erzählt von dem von Verdrängung, Verleugnung und Selbstgerechtigkeit geprägten Verhältnis zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration und von uns allen, die wir uns niemals ein abschließendes und umfassendes Bild der Geschehnisse der NS-Zeit zu machen im Stande sein werden, sofern wir uns nicht auf die Farben Schwarz und Weiß beschränken wollen. All das sieht Assheuer vor lauter kaninchenhafter Angst vor den beiden Unworten "Relativierung" und "Verharmlosung" nicht und wird dadurch dem Film nicht einmal im Ansatz gerecht.
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