Nachruf Ein Herz mit Brüchen

St. Pauli gedenkt Domenica, der ehemaligen Prostituierten. Ein vertrauter Blick zurück von ihrer Nachbarin Tania Kibermanis

Auf St. Pauli ist Prominenz nicht wichtig. Wo andernorts die Fotohandys gezückt werden, wenn sich bekannte Gesichter ins Bild schieben, ist der St. Paulianer unbeeindruckt. Er schert sich nicht darum, wie berühmt, wie medienpräsent einer ist. Hier zählt vor allem, ob man ein Herz hat oder keins. Und so wird diesen Freitag nicht der "berühmtesten Hure Deutschlands" gedacht, sondern der Nachbarin und Freundin Domenica Niehoff.

Trauerzüge hat es auf St. Pauli bisweilen schon gegeben. Einen durchs Sperrgebiet und durch die Herbertstraße gab es noch nie. In der Straße mit der roten Sichtblende, zu der weibliche Besucher keinen Zutritt haben und in der ansonsten die Gesetze des Marktes und der Geilheit regieren, wird eine Gedenkminute stattfinden. Begleitet von einer Trauerkapelle wird hier der Frau gedacht, die bis zu ihrem Tod immer wieder ihr Herz verschenkt hat. Ein kleines Staatsbegräbnis im alten Grenzbereich zwischen den Städten, dort, wo diejenigen eine Heimat fanden, die sonst keiner haben wollte – die Huren, die Andersgläubigen, das fahrende Volk. Nichts anderes bedeutet der Begriff "Kiez".

Der Fotograf Günter Zint war seit Jahrzehnten Domenicas engster Freund. Er hat die Trauerfeier organisiert, dafür gesorgt, dass Domenica auf dem Ohlsdorfer Friedhof im "Garten der Frauen" beigesetzt wird. Würdig. Neben der Theaterintendantin Gerda Gmelin, "dann können die beiden sich was erzählen".

Eine Menge Freunde werden kommen. Im Kielwasser der Berühmtheit schwimmt ja so manches Treibgut mit, das posthum der beste Freund gewesen sein will. Doch Domenica hat tatsächlich jedem Menschen eine Wichtigkeit verliehen, sich ganz zugewandt und ihre Freundschaft angeboten. Sie war verbindlich, echt und ganz da – wenn auch nur für zehn Minuten oder eine Nacht.

Wenn man auf St. Pauli in die Gesichter schaut, kann man deutlich sehen, wer hier schon lange lebt und wer nur mal kurz zum Gucken herkommt. Die älteren Damen aus dem Milieu erkennt man sofort. Da ist dieser Zug um den Mund, diese fein gefrästen Kanten, die ein Tagesgesicht von einem Nachtgesicht unterscheiden.

Wenn man von Domenica spricht, dann meist mit der Berufsbezeichnung "Hure". Sicherlich macht das den größten Teil ihrer Berühmtheit aus – aber nur deshalb, weil sie im herkömmlichen Sinne keine war. Die Huren auf St. Pauli setzen ihre Grenzen deutlich, zeigen ganz klar: Hier bin ich, da bist du, zwischen uns ist ein Graben, dessen Breite man mit Geld variieren kann. Völlig verschwinden wird er nicht.

Domenica hat zwar Geld genommen, sich selbst aber hat sie verschenkt

Domenica war anders. Sie hat jede Grenze zwischen sich und dem anderen völlig aufgelöst. Und die anderen konnte man aus ihrem Gesicht lesen, jeden Einzelnen. Ob Prostitution eine Sache des freien Willens ist, darüber lässt sich natürlich streiten. Eine Sache des freien Herzens ist sie ganz sicher nicht. Domenica hat zwar Geld genommen, sich selbst aber hat sie verschenkt.

Seitdem sie 1991 als Streetworkerin auf dem Straßenstrich in St. Georg arbeitete, war sie öffentlich, auch im Privaten. Leute kamen, wollten mal eine saubere Hose, mal einen Platz zum Pennen, oft einen Fünfer oder mehr. Meist jeden Tag. Und Domenica gab – immer mehr, als sie hatte.

Jeder auf St. Pauli kannte sie, die Frau, die es wie nur wenige geschafft hat, ohne Nachnamen genannt zu werden. Ihre Stimme war schon von Weitem zu hören, rau, als hätte sie sich am Leben schrundig gerieben. So eine Stimme hat nur, wer sein Geld nicht mit Büroarbeit verdient. Ein Lachen, das Räume füllte. Rasselnd von den vielen Kippen, die sie rauchte. Eine Seele, die mit den Pennern quatschte und nicht unterschied zwischen obdachlos und Elbchaussee. Aber auch grantig konnte sie sein, pöbeln und keifen, wenn ihr einer dumm kam. Da war sie grenzenlos.

Auf St. Pauli gibt es eine besondere Nachbarschaft. Man kennt sich verschlafen, versoffen und ungeschminkt. Man trifft sich in der Sparkassen-Filiale, bei Penny oder beim Arzt. Und man redet miteinander, das gehört dazu.

Ich kann nicht sagen, ich hätte Domenica gut gekannt, aber sie war meine Nachbarin. Wir trafen uns immer wieder beim Spazierengehen mit unseren Hunden. Ihre Kneipe am Fischmarkt war gerade pleitegegangen, in TV-Shows war sie schon lange nicht mehr zu sehen gewesen. Domenica im Trenchcoat, eine Dose Bier in der Hand. Über ihre fast 20 Jahre in der Herbertstraße sprachen wir kaum. Manchmal brach etwas aus ihr heraus. Die Herbertstraße hatte sie unter der Haut, und manchmal schwappte etwas von dort nach oben. Ihr Mund bekam dann diesen Zug, als müsse sie etwas schlecht Schmeckendes ausspucken. Für diese Momente sah sie bitter aus, und ich fragte nicht nach.

Unsere Themen waren andere – der Hundevergifter ist wieder unterwegs, den müsste man zwingen, das ausgelegte Fleisch selber zu fressen, und die Miete wird auch immer teurer. Dazwischen ein paar Lebensweisheiten.

Günter Zint wollte ihre Biografie schreiben. Aber sie konnte nie beim Thema bleiben, sagt er, schweifte ab, war nach zwei Minuten schon wieder ganz woanders. Ihr Gesicht war das einer Hundertjährigen, ihr Herz eins mit Brüchen, Narben und Furchen, wie so viele hier. Ein Herz wie eine Heimat, vertraut und voller Seele.

Von der Autorin Tania Kibermanis, 36, erschien zuletzt ein Beitrag in der Anthologie"»St. Pauli – Streifzüge auf dem Kiez" (Nautilus)

 
Leser-Kommentare
  1. Ihr Herz [war] eins mit Brüchen, Narben und Furchen, wie so viele hier. Ein Herz wie eine Heimat, vertraut und voller Seele...

    Ein wunderbarer Nachruf auf eine Frau, die das Bild von St. Pauli wohl wie kaum eine andere geprägt hat. Vielen Dank für dieses besondere Stück Hamburger Geschichte!

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  • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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