Amateurfussball Aufstand am Spielfeldrand
Der Sonntagnachmittag gehört im Fußball den Amateuren. Nun hat die Bundesliga ihren Spielplan geändert – und die Basis droht mit Streik

© photocase / Suze
Haben Amateurklubs Mitsprachrrechte oder: Wer hält heute die große Fliegenklatsche des deutschen Fußballs in der Hand?
Das Vereinsheim des Kreisligisten SC Schaffrath ist ein Hort der Tradition. Pokale zeugen von früheren Erfolgen, an der Backsteinwand hängen Mannschaftsfotos aus vier Jahrzehnten Vereinsgeschichte. Auf den Bildern aus den sechziger Jahren stehen die Spieler noch mit der Hand an der Hosennaht in Reih und Glied, in den Achtzigern ziert fast jedes Gesicht ein Schnauzbart.
Der Amateurfußball, das ist bekannt, ist ein konservatives, apolitisches Milieu. Aber seit Kurzem ist das Vereinsheim des SC Schaffrath auch ein Ort der Revolution. Das liegt vor allem am 56 Jahre alten Vorsitzenden Reiner Grundmann. Der ehemalige Libero sitzt an einem dunklen Holztisch mit Satindeckchen und Kunstblume und redet von Streik und Demonstrationen. Sein Spezialgebiet ist seit Dezember nicht mehr die Verteidigung, er ist jetzt zum Angriff übergegangen.
Was ihn so aufgebracht hat, ist der neue Bundesliga-Spielplan. Er sieht vor, dass von August an sonntags um 15.30 Uhr ein Spiel der Profis stattfinden wird. Doch Sonntag von 15 bis 16.45 Uhr ist seit Jahrzehnten die Kernzeit des Amateurfußballs. Der SC Schaffrath und all die anderen Amateurvereine der Republik befürchten nun, dass in Zukunft weniger Zuschauer zu ihnen kommen werden, weil die auf dem Pay-TV-Sender Premiere den Profis zugucken wollen, anstatt im Stadion des Lokalvereins zu stehen. Damit gehen den kleinen Vereinen Eintrittsgelder verloren. Im Ruhrgebiet, wo mit BVB Dortmund, Schalke 04 und VfL Bochum gleich drei Erstligisten spielen, ist das Problem besonders groß.
Aber es geht nicht nur ums Geld. »Der Sonntag gehört den Amateuren« lautete einst das Motto des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In den letzten Jahren mussten Vereinsvorsitzende wie Grundmann dabei zusehen, wie diese Regel immer weniger galt, wie die Amateure von Jahr zu Jahr weniger beachtet wurden. Erst gab es ein Spiel am Sonntag, dann zwei. Erst war um 18 Uhr Anstoß, dann um 17.30, dann um 17 Uhr und von August an noch früher. Die Deutsche Fußball Liga (DFL), die für die Vermarktung des Profifußballs zuständig ist, streut die neun Ligaspiele über das Wochenende, weil sich so angeblich mehr TV-Millionen einnehmen lassen. Es ist vor allem das, was die Amateure nun so stört: Sie glauben, dass das Geld aus der Vermarktung der Profispiele wichtiger sei als ihre Bedürfnisse.
Die kleinen Vereine erbringen einen Beitrag zur Gesellschaft, der nicht in Geld zu messen ist: Sie kümmern sich um den Nachwuchs, leisten Jugend- und Sozialarbeit. Sie sollen die Kinder von der Straße holen und Ausländer integrieren. Auch daran wollen Leute wie Grundmann den DFB mit ihrem Protest erinnern.
Deshalb setzten sie nun zum ersten Mal zur Gegenwehr an. Der Vorsitzende des SC Schaffrath schloss sich mit dem benachbarten Verbandsligisten SSC Buer zusammen. Man sprach auch mit anderen Vorsitzenden, schrieb E-Mails, gründete einen Arbeitskreis. Grundmann gelang es gar, seine Ligakonkurrenten zu einem gemeinsamen Streik zu bewegen. Der erste Spieltag nach der Winterpause, der 1. März, sollte boykottiert werden, stattdessen wird am Sportgelände Buer demonstriert. Ein Podium ist bestellt, Lokalpolitiker haben sich angekündigt, Solidaritätsreden werden gehalten. Und so werden aus Grundmann und den anderen Vorsitzenden, die bei Heimspielen sonst am Kassenhäuschen sitzen und den Teams in der Halbzeit Wasser bringen, Fußball-Revolutionäre.
DFB-Chef Theo Zwanziger versuchte die Protestler schon mehrfach zu besänftigen. »Ich kann die Kritik am Sonntagsspiel um 15.30 Uhr nachvollziehen«, sagte er, bat aber um Verständnis für die andere Seite. Außerdem schlug Zwanziger Ausgleichszahlungen vor, wenn die Vereine nachweisen könnten, dass ihre Zuschauerzahlen sänken. Grundmann fragt sich, wie er diesen Nachweis erbringen solle. »Und wie viel Geld bliebe denn für den einzelnen Verein übrig?« Es gibt immerhin mehr als 26000 Vereine in ganz Deutschland. Ein anderer Funktionär bot den Amateuren als Kompensation Gastspiele von Bundesligateams an. »Glauben Sie wirklich, dass sich Kevin Kurányi unseren Hartplatz antut?«, sagt Grundmann dazu.
Hermann Korfmacher, als DFB-Vize verantwortlich für die Amateure, hat den ersten Spieltag im März, den Grundmann bestreiken will, einfach verlegt. »Ein Streik ist keine Lösung«, sagt er. Grundmann versteht diese Äußerung ganz anders. »Man will uns den Triumph nehmen«, sagt er. Er und sein Kollege Norbert Bauer vom SSC Buer fühlen sich von ihren Verbandsvertretern nicht genügend unterstützt. »Manche geben uns hinter vorgehaltener Hand recht, mucken aber nicht auf. Es gibt wohl einige, die noch Karriere machen wollen.«
Inzwischen hat sich der gesamte Fußballkreis 12, rund 60 Vereine, dem Protest angeschlossen. Teile Hessens haben sich mit den Westfalen solidarisiert. Auch aus Stuttgart haben Bauer und Grundmann Mails erhalten. »Ein Sturm im Wasserglas«, wie der DFL-Chef den Protest vor drei Wochen noch bezeichnete, ist das nicht mehr. Und DFB-Präsident Theo Zwanziger traf sich am Mittwoch mit den Aufständischen.
Es ist erstaunlich, wie unnachgiebig sich die Protestierer geben. Sie glauben, dass sie den Spielplan der großen Bundesliga kippen können. »Auf Kompromisse lassen wir uns nicht ein«, sagt Reiner Grundmann am Tisch seines Vereinsheimes. Es sieht ganz so aus, als mache dem ehemaligen Libero auch der Angriff Spaß.
- Datum 26.02.2009 - 18:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Die wackeren Streiter aus dem Ruhrgebiet sollten sich ein Beispiel an "Kein Kick vor zwei" nehmen. Denn in einer Woche wird von der Demonstration nicht mehr viel im Bewußtsein der Menschen sein. Deswegen müssen die vielen kleinen Stimmen zu einer großen Stimme gebündelt werden. Bei der oben genannten Gruppe scheint dies ganz gut zu funktionieren, obgleich das bei den Funktionären anscheinend noch keinen richtig zu berühren scheint. Aber aus einer Position der Unterschätzheit den Gegner mit seiner eigenen Arroganz zu schlagen, das könnte bei Amateurvereinen vielleicht noch besser klappen als im Profifußball, weil die Basis viel breiter ist.
Vielleicht kann der Autor des Artikels, soweit er sich auch wirklich mit dem Thema verbunden fühlt, da mal einen Kontakt herstellen. Die Amateurvereine würden sicher von den bereits vorhandenen Erfahrungswerten profitieren.
So weit ich weiß, stehen beide Gruppen in Kontakt. Kein Kick vor Zwei hat seine Leute zur Unterstützung der Demonstration am Sonntag aufgerufen.
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