Rauchen Die allerletzte Zigarette

Die Schriftstellerin Judith Hermann über das Denken und Schreiben ohne Nikotin

Mit einer vierteiligen Serie verabschiedet sich das ZEITmagazin von der "Zigarette mit Helmut Schmidt". Mit der "allerletzten Zigarette" sprachen wir mit der Schriftstellerin Judith Hermann

ZEITmagazin: Frau Hermann, wann haben Sie Ihre letzte Zigarette geraucht?

Judith Hermann: Vor zweieinhalb Jahren. Ich war eine Woche mit einem gebrochenen Ellenbogen im Krankenhaus und konnte nicht rauchen. Ich hatte mit 16 damit angefangen und bis auf die Schwangerschaftszeit immer geraucht. Nach der Woche im Krankenhaus habe ich auch draußen nicht mehr geraucht, von Tag zu Tag. Bis heute also. Aber ich weiß, dass ich im Leben nie wieder rauchen darf, sonst bin ich unversehens wieder bei über einer Schachtel am Tag.

ZEITmagazin: Wie veränderte sich Ihr Leben?

Hermann: Mit dem Rauchen aufzuhören ist ein richtiger Abschied, auch von einer bestimmten Art des Lebens. Rauchen das ist ja was ganz Alltägliches und zugleich etwas sehr Poetisches. Aber es war auch eine Befreiung, damit aufzuhören ich dachte immer, ich könnte nicht denken, ohne zu rauchen, und dann konnte ich merken, dass etwas geht, was ich zuvor gar nicht für möglich gehalten hatte. Das macht auch Mut. Für andere Dinge, von denen man denkt, sie gingen ganz und gar nicht. Und dann gehen sie eben doch.

ZEITmagazin: Wann fehlte Ihnen das Rauchen denn am allermeisten?

Hermann: Beim Schreiben, am Anfang war ich fast hilflos. Ich hatte für jeden Satz drei Zigaretten gebraucht eine fürs Denken, eine fürs Aufschreiben und die dritte fürs Ansehen des Satzes.

ZEITmagazin: Was machen Sie heute, statt zu rauchen, wenn Sie arbeiten?

Hermann: Ich esse Äpfel. Und ich trinke Tee.

ZEITmagazin: Schreiben Sie anders, seitdem Sie nicht mehr rauchen?

Hermann: Der Atem des Textes ist anders. Ohne Zigarette scheint mir alles knapper, lakonischer, sachlicher vielleicht auch. Ich habe einfach weniger Nerven für lange, elegische Sätze. Und im nächsten Buch wird kaum noch geraucht. Nur einmal darf jemand eine schöne, kostbare Zigarette rauchen.

ZEITmagazin: Sie haben auch einmal selbst in einer Zigarettenfabrik gearbeitet?

Hermann: Ja, mit zwanzig, am Anfang meines Studiums. Ich war eine Hostess und habe Öffentlichkeitsarbeit und Führungen durch die Fabrik gemacht.

ZEITmagazin: Und wen haben Sie durch die Fabrik geführt?

Hermann: Schrebergartenvereine und Kegler, Hausfrauen, Seniorenclubs und Medizinstudenten. Zum Stundenlohn gab es zwei Schachteln Zigaretten.

ZEITmagazin: Was verbinden Sie mit Helmut Schmidt?

Hermann: Dass er immer da war? Dass er, seitdem ich mich erinnern kann, eine Rolle gespielt hat. Es beeindruckt mich, in welchem Maß er um Veränderungen weiß, nicht weil er darüber gelesen hat, sondern weil er sie erlebt hat. Vor Jahren habe ich ihn einmal am Berliner Hauptbahnhof gesehen, auf dem Bahnsteig in der untersten Ebene. Ein Freund holte mich vom Zug ab. Schmidt nahm die verschiedenen Rolltreppen hoch ans Licht, ich hatte relativ viel Zeit, ihm nachzusehen.

ZEITmagazin: Was haben Sie dabei gedacht?

Hermann: Er hat etwas sehr Auratisches, etwas Isoliertes auch. Mein Freund sah mich an, wie ich Schmidt ansah, und sagte dann zu mir: Du siehst aus, als wärst du berührt worden vom Atem der Geschichte. Und ich dachte: Genauso ist es.

Das Gespräch führte Christine Meffert

Judith Hermann, 38, wurde mit dem Buch "Sommerhaus, später" bekannt, 2003 erschien "Nichts als Gespenster"

 
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