Zittern um die Nachbarn
Jahrelang verdienten Österreichs Banken prächtig in Osteuropa. Jetzt drohen 31 Milliarden Euro Verlust
Freitag vergangener Woche war einer der schwersten Tage in der Karriere von Andreas Treichl. Frühmorgens musste der Chef des Wiener Bankhauses Erste Group einen Vertrag über 1,89 Milliarden Euro Staatshilfe für sein wankendes Unternehmen unterzeichnen, wenige Stunden später berichtete er vor der Presse über einen tiefen Gewinneinbruch im abgelaufenen Geschäftsjahr. »Hoffentlich gibt es bald mehr zu lachen«, raunte der 56-Jährige in die Kameras.
Österreichs Banker sind die größten Investoren in Osteuropas Finanzsektor – und gehören damit auch zu den großen Verlierern der durch den Kontinent rollenden Wirtschafts- und Finanzkrise. 300 Milliarden Euro Kredit haben Erste Group, Raiffeisen International (RI) und Bank Austria – eine Tochter der italienischen UniCredit – in der Region vergeben, eine Summe, die fast dem österreichischen Bruttosozialprodukt entspricht. Jetzt drohen hohe Abschreibungen und Kreditausfälle. Das trifft nicht nur die Institute und ihre Mitarbeiter. »Wenn die Töchter österreichischer Banken in wirkliche Schwierigkeiten kommen, kann das auf das ganze Land zurückschlagen«, warnt Kurt Bayer, ein Direktor bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD).
Dabei konnte Andreas Treichl, ähnlich wie seine Kollegen in den anderen Banken, jahrelang über hohe Profite berichten, die er im Osten Europas erzielte. Wie einst die Habsburger hatten die Wiener Banker ein ehemaliges Kronland nach dem anderen erobert. Die Erste Group, Mitte der neunziger Jahre eine beschauliche Regionalbank mit 600000 Kunden, hat heute 16,6 Millionen Namen in ihrer Kartei und kaufte noch 2006 für 3,75 Milliarden Euro den rumänischen Marktführer BCR – in Osteuropa die teuerste Bankübernahme aller Zeiten.
Jetzt aber muss der österreichische Staat mit einem 100 Milliarden Euro schweren Hilfspaket einspringen. Die dramatischen Abwertungen von polnischem Złoty, ungarischem Forint oder rumänischem Leu sowie der Einbruch der Konjunktur schlagen auf die Bilanzen der Banken durch. Weil ein großer Teil der Kredite in Euro vergeben wurden, steigt mit dem Wertverlust der lokalen Währung auch das Risiko der Kreditausfälle. Zudem schmilzt das Eigenkapital der Bankentöchter. Die EBRD schätzt, dass Österreichs Kreditinstitute insgesamt 20 Milliarden Euro Verlust machen könnten, internationale Analysten rechnen gar mit bis zu 31 Milliarden Euro. In Rumänien und der Ukraine würde mehr als jeder zehnte Kredit notleidend werden, glauben Experten.
Deshalb erhält die Erste Bank eine Kapitalspritze vom Staat. Auch der Mehrheitseigentümer der Raiffeisen International, die Wiener RZB-Gruppe, verhandelt über staatliche Hilfe, genau wie die UniCredit in Italien. Dazu fordern die Banker seit Langem paneuropäische Hilfe; RI-Chef Herbert Stepic war Anfang Dezember einer der Ersten, der in einem Brief an die Europäische Kommission ein Unterstützungsprogramm für Osteuropa verlangte. Die österreichische Regierung griff diesen Vorstoß gerne auf – und wurde Ende der vergangenen Woche mit einem von EBRD, Weltbank und Europäischer Investitionsbank aufgelegten Hilfspaket über 24,5 Milliarden Euro belohnt. Österreich hofft auf weitere Zusagen – vielleicht schon beim Treffen der EU-Finanzminister an diesem Sonntag.
In Osteuropa wächst derweil die Angst, dass Österreichs Banken Kapital von ihren Töchtern abziehen und so die östlichen Volkswirtschaften weiter schwächen. Die Kreditinstitute dementieren dies scharf, die Erste etwa verzeichnete 2008 noch insgesamt ein Kreditwachstum. Allerdings gab es schon im vierten Quartal keine neuen Kredite mehr. »Wir werden die rumänische Wirtschaft weiter unterstützen«, antwortete Andreas Treichl vergangenen Freitag auf die Frage eines besorgten rumänischen Journalisten knapp, »klar ist aber auch, dass wir Geld vom österreichischen Staat bekommen.« Übersetzt könnte das heißen: Jetzt geht es erst einmal um den Heimatmarkt. Und dann um die Märkte, die gestern noch so profitabel waren.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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