Ägypten Halt mal die Luft an!

Fisch werden für Anfänger: Beim Apnoetauchkurs erlebt man die Ruhe des Ozeans – und den Rausch, nicht atmen zu müssen

Die Kunst, wie ein Fisch zu schwimmen, beginnt mit einer vergleichsweise plumpen Übung. Um zehn Uhr morgens ziehen die Schüler Neoprenanzüge an, tapsen ins Rote Meer und spielen toter Mann. Es ist ein milder Dezembertag in Dahab, einem Ferienort am Rand der Sinai-Wüste. Das Wasser ist warm, die Schüler dümpeln bäuchlings an der Oberfläche, wenige Meter vom Ufer. Arme und Beine hängen schlaff herab, nur Rücken und Schnorchel lugen hervor. Vom Meer verschluckt, erlöschen die Geräusche Ägyptens, das Hupen der nahen Taxis, das Getümmel an den Beachbars. Stille.

Tiefes und gleichmäßiges Einatmen in den Bauch, drei, vier Sekunden, gefolgt von doppelt so langem Ausatmen. Das verlangsamt den Herzschlag. Die Schüler schließen die Augen. Sie sollen versuchen, an nichts zu denken, so wie sie es eine Stunde zuvor, auf Matten liegend, in der Tauchschule Freedive Dahab geübt haben. »Wichtig ist totale Entspannung«, sagt Katya Smirnova. Freitauchen sei vor allem Kopfsache. Die 28-jährige Ukrainerin steht neben ihren Eleven im Wasser, sie trägt passend zum Gummianzug einen großen schwarzen Sonnenhut. Ihr Hobby war jahrelang das Speerfischen, sie tauchte in den dunklen Seen der südlichen Ukraine, um Fische zu jagen, mit Harpune, aber ohne Atemflaschen oder Lungenautomaten.

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Neben Smirnova ist Dean Spahic ins Meer gestiegen. Spahic, 27, ist Kanadier, auch er steckt in einer mattschwarzen zweiten Haut. Die beiden sind ausgebildete Apnoelehrer und bringen ihren Kunden das Freitauchen bei. Das lange und tiefe Tauchen nur mit Flossen und Maske. Kaum ein Revier eignet sich dafür so gut wie das Rote Meer. Das Wasser ist klar, und man muss sich nicht weit von der Küste entfernen, um an die geeigneten Stellen zu kommen.

Seit zehn Minuten liegen die Schüler nun im seichten Wasser, die Körper schweben einen Meter über dem sandigen Grund, inzwischen seltsam schwerelos. Dann sind von oben die gedämpften Stimmen der Lehrer zu hören. »Wenn ihr so weit seid, könnt ihr anfangen.« Wer ganz bei sich selbst ist, atmet jetzt noch zweimal kräftig aus, saugt dann alle Luft in sich hinein – und verharrt regungslos an der Oberfläche. Jetzt gilt es, die Luft so lange wie möglich anzuhalten. Nach einer halben Minute berührt Smirnova mit einem Finger den Nacken eines ihrer Schüler. Das Zeichen, dass er dort noch verkrampft. Er soll alles locker lassen. Kein Muskel darf sich mehr spannen, nicht mal ein Verziehen der Mundwinkel soll jetzt Sauerstoff vergeuden.

Smirnova blickt auf ihre Stoppuhr. Eine Minute. Das entspannte Driften im Wasser erlaubt es, die Luft länger anzuhalten als an Land. Die kleinen Wellen schaukeln den Geist davon, es ist wie ein tiefer Fall in die große Ruhe, in ein inneres Nichts.

Der Erste hebt seinen Kopf nach einer Minute und vierzig Sekunden aus dem Wasser – James, ein Engländer mit zotteligen Haaren und rundem Bauch. Der Zweite schnappt bei eins fünfzig nach Luft. Dank Bauchatmung und Konzentration werden die Zeiten immer besser. Anna aus Schweden schafft zwei Minuten zwanzig Sekunden, Johann aus Hamburg fast drei Minuten. Keiner der Schüler hat jemals zuvor so lange die Luft angehalten. Ein stilles Staunen über sich selbst liegt in den Gesichtern. Einer sagt: »Ich kann es kaum glauben.«

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