ARGUMENT Die Lehrer sind es wert
Es ist falsch, beamtete und angestellte Lehrer gegeneinander auszuspielen. Pädagogen sollten vor allem eines sein: Profis
Lehrer sollten Vorbild sein und soziale Verantwortung übernehmen. Bei den Tarifverhandlungen, die am vergangenen Wochenende zum Abschluss kamen, haben sie das getan. Sie eiferten nicht den Ärzten, Piloten und Lokführern nach, die nur für die eigene Berufsgruppe Vorteile erkämpfen. Die Lehrer stritten auch für Sachbearbeiter und Sekretärinnen. Nun gibt es für alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst der Bundesländer 3 Prozent mehr Geld und in einem Jahr noch mal 1,2 Prozent; hinzu kommt ein einmaliger Betrag von 40 Euro. Die Warnstreiks der Lehrer zeigten Wirkung.
Wenn Mitarbeiter in Ministerien und Statistikämtern die Arbeit niederlegen, dann stört das kaum jemanden. Deshalb konnte sich der Streik im öffentlichen Dienst 2006 über 14 Wochen hinschleppen, ohne dass sich die Bundesländer als Arbeitgeber groß beeindrucken ließen. Wenn aber der Unterricht an den Schulen ausfällt, bleibt das der Bevölkerung nicht verborgen. Es entsteht Druck, den Tarifkonflikt schnell zu lösen. So hat es sich bewährt, dass sich die Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gemeinsam mit der großen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di an den Verhandlungstisch setzte und ihre Mitglieder zum gemeinsamen Warnstreik aufrief.
Vor zwanzig Jahren hätten die Lehrer noch nicht streiken können, sie waren fast alle Beamte. Das hat sich geändert. Lehrer bilden inzwischen die größte Berufsgruppe unter den 700000 Angestellten der Länder, für die jetzt verhandelt wurde. Anders ausgedrückt: Deutschlandweit gibt es heute 200000 Lehrer, die als Angestellte unterrichten – und deshalb streiken dürfen.
Der Ärger, der die angestellten Lehrer jetzt auf die Straße trieb, bezog sich allerdings nicht in erster Linie auf ein paar Prozent mehr Gehalt für alle Länderangestellten – auch wenn er genau das bewirkte. Vor allem fühlen sie sich benachteiligt gegenüber ihren verbeamteten Kollegen. Denn die haben jeden Monat bis zu 900 Euro netto mehr, weil sie nicht in die Sozialversicherungen einzahlen. Der Staat kommt später für ihre Pensionen auf und übernimmt mindestens die Hälfte der Krankheitskosten; den Rest versichern sie privat. Deswegen wünschen sich die angestellten Lehrer vor allem den Beamtenstatus – oder zumindest eine drastische Erhöhung ihrer Gehälter.
Sie können hoffen. Die Höhe von Gehältern ist nicht nur eine Frage der gesamtwirtschaftlichen Lage. Sie ist auch abhängig von Angebot und Nachfrage. Und Lehrer werden langsam rar. Bis vor Kurzem glaubte beispielsweise Berlin, das nicht bei der Tarifgemeinschaft der Länder mitmacht, es könne bei den Lehrergehältern sparen. Jetzt sah sich die Bundeshauptstadt gezwungen, dem pädagogischen Nachwuchs auf einen Schlag bis zu 1200 Euro brutto im Monat mehr zu zahlen. Denn andere Bundesländer hatten dort massiv Lehrer abgeworben. Sie boten mehr Geld und den Beamtenstatus. Schon jetzt ist zwischen den Ländern, zumindest in einigen Unterrichtsfächern, ein Kampf um den Lehrernachwuchs entbrannt. Er wird sich verschärfen.
Die Kollegien an Deutschlands Schulen sind überaltert. Innerhalb der nächsten 15 Jahre wird über die Hälfte der Lehrer in Ruhestand gehen. Besonders dramatisch ist die Lage in Ostdeutschland: Nur drei Prozent der Pädagogen dort sind jünger als 35 Jahre. Gleichzeitig setzen gerade die neuen Länder auf angestellte Lehrer. In Sachsen etwa, wo jetzt besonders viele Schulen bestreikt wurden, sind sie grundsätzlich keine Beamten. Diese Länder geraten immer mehr unter Druck. Für sie wird es mittelfristig nur drei Alternativen geben: Entweder verbeamten auch sie künftig ihre Lehrer, oder sie zahlen ihnen erheblich mehr Gehalt, um im Wettbewerb mithalten zu können. Oder sie greifen verstärkt auf Aushilfskräfte ohne pädagogische Ausbildung zurück, wie es heute schon vielerorts geschieht – zulasten des Unterrichts und der Schüler.
Es gibt nur ein Argument für den Beamtenstatus von Lehrern: Der Unterricht ist jederzeit gesichert, weil sie nicht streiken dürfen. Andererseits müssen die Länder viel Geld aus dem laufenden Haushalt für die Pensionen ehemaliger Lehrer aufbringen. Es ist deshalb viel verantwortungsbewusster, wenn sie ihre Lehrer heute anstellen und deren Alters- und Krankheitsvorsorge über Beiträge in die gesetzlichen Kassen finanzieren. Eine Rückkehr zum Beamten darf es nicht geben. Die Kosten für die Pensionen würden dabei einfach den kommenden Generationen aufgeladen.
Doch es darf auch nicht derart krasse Einkommensunterschiede geben. Sofern Beamte und Angestellte im selben Kollegium sitzen, vergiftet es das Klima. Und wenn bei den Bundesländern unterschiedliche Prinzipien herrschen, wird umso mehr unguter Wettbewerb entfacht, je dringender Lehrer gesucht sind. Die reichen Länder, wie heute schon Baden-Württemberg, zahlen Zuschläge; die armen können womöglich ihre Stellen nicht besetzen. Die Leidtragenden sind die Kinder.
Wenn aber, wie es jetzt unbedarfterweise Bundesbildungsministerin Annette Schavan vorschlug, noch mehr Lehrer ohne pädagogische Ausbildung angeheuert werden, dann ist das in doppelter Hinsicht eine Katastrophe. Zum einen müssen Lehrer heute mehr denn je Pädagogen sein, um familiäre Defizite ihrer Schüler aufzufangen oder den geballten Stoff an den Gymnasien didaktisch in verdaulichen Happen zu präsentieren. Zum anderen verliert der Beruf immer mehr an Profil und damit an Attraktivität, wenn ihn jeder ausüben kann. Dabei beklagen wir schon heute, dass für viele Lehrer die Berufswahl eine Verlegenheitslösung war. Man muss das Besondere an dem Beruf betonen, um junge Menschen für ihn zu interessieren. Und das liegt nun mal im pädagogisch versierten Umgang mit Kindern, nicht in der Beschäftigung mit Mathematik oder Physik.
Eine gute Schulbildung unserer Kinder ist von großer Bedeutung. Das betonen Politiker aller Parteien, besonders gern im Wahlkampf. Doch dafür braucht es gut ausgebildete und engagierte Pädagogen. Lehrer, die sich weder benachteiligt noch missachtet fühlen.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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