Filmkunst Seelenwanderung in Bildern

Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ist eine Kultfigur des internationalen Autorenkinos. In München ist eine seiner Installationen und eine Retrospektive seiner Filme zu sehen

Es hat einen gewissen Reiz, in einer zugigen deutschen Museums-Cafeteria über Seelenwanderung zu reden. Hier, im Münchner Haus der Kunst, zwischen Bistrotischen, erschöpften Besuchern und einem schreienden Kleinkind, bedauert der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul mit leiser Stimme, dass der menschliche Geist die Fähigkeit verloren habe, sich an seine früheren Existenzformen zu erinnern. Er weist auf eine Dame am anderen Tisch und sagt lächelnd: »Vielleicht sind wir beide die wiedergeborenen früh verstorbenen Geschwister dieser Frau und wissen es nicht einmal.« Und wenn wir es wüssten? Was würde geschehen? »Unsere Eltern sterben und irgendwann unsere Kinder, dann sind unsere Erinnerung und die Erinnerung an uns ausgelöscht«, sagt Weerasethakul. »Was aber, wenn man sich bei jeder Wiedergeburt an alles erinnern könnte? Ich glaube, dass diese Fähigkeit in uns angelegt ist, wir aber nur zu primitiv dafür sind. Wenn wir uns auf diese Weise erinnern könnten, dann brauchten wir keine Filme. Dann wäre unser Geist ein Kino, eine spirituelle Leinwand, auf der wir die Bilder der Vergangenheit sähen.«

Im Zentrum stehen zwei Themen: Transformation und Erinnerung

Bis der Mensch eines Tages womöglich doch noch zu seinem Erinnerungskino gelangt, sammelt Apichatpong Weerasethakul schon mal die Bilder und Geschichten dafür. Der 38-Jährige ist eine der erstaunlichsten Figuren des internationalen Autorenfilms. Museen und Kulturinstitutionen buhlen um seine Arbeiten, gerade zeigt das Münchner Haus der Kunst eine neue Installation, und demnächst beginnt im Wiener Filmmuseum eine Retrospektive seiner Kurz- und Spielfilme, die durch Deutschland touren wird. Letztlich sind alle diese Arbeiten ein Ganzes, einzelne Teile eines offenen Kunst- und Lebensprojekts, in dessen Zentrum zwei große Themen stehen: Transformation und Erinnerung.

Welche transformatorische Freiheit sein Kino erreichen kann, zeigte Weerasethakul einem größeren Publikum zum ersten Mal mit seinem Film Tropical Malady, der vor fünf Jahren beim Festival von Cannes einschlug wie eine lautlose Bombe. Er beginnt mit einer zarten Liebesgeschichte zwischen einem Soldaten und einem Jungen vom Lande. Nach einer langen Schwarzblende befinden wir uns plötzlich in einer alten Khmer-Erzählung, in der derselbe Soldat einen riesigen Tiger jagt. Während sich das Insektengezirpe auf der Tonspur zu einer geheimnisvollen Wand auftürmt, während der Mann seine Uniform hinter sich lässt, Schnecken isst, sich mit Schlamm beschmiert und immer tiefer in den dunklen Wald hineingeht, begreift man, dass etwas Unerhörtes im Gange ist. Man könnte die Dschungelgeschichte als mythologischen Exkurs sehen, in dem Jagd und Gefressenwerden die andere, grausame Wahrheit der Liebe symbolisieren. Aber in Weerasethakuls Kino gibt es keine Hierarchie der Symbole, keine Zeichen und Metaphern, die sich über die Erzählung legen. Hier kann eine Geschichte ganz einfach in neuer Gestalt eine andere fortsetzen, ohne sie zu deuten.

»Kunst ist immer auch Reinkarnation«, sagt Weerasethakul, »denn es geht um den Erhalt von Bildern und Erinnerungen. Und um ihre Verwandlung.« Je lauter das Kind am Nebentisch schreit, desto sanfter wird sein Thai-Englisch.

Weerasethakuls auf den ersten Blick hermetische und auf den zweiten Blick wunderbar durchlässige, offene Filme sind seit 17 Jahren beharrliche Agenten dieser Verwandlung. In Mysterious Object at Noon (2000) reist eine Frau durch die thailändische Provinz. Sie fängt an, eine Geschichte zu erzählen, die sie von Zufallsbegegnungen, Bauern, und Fischverkäuferinnen, Müttern, Kindern, fortsetzen lässt. So entsteht eine Kollektiverzählung, in der sich Volkssagen mit Kindheitsgeschichten und persönlichen Anekdoten, dokumentarische mit inszenierten Szenen mischen.

In Syndromes and a Century (2006), der spirituellen Variante einer thailändischen Krankenhaus-Soap, inszeniert Weerasethakul Freundschafts- und Flirtszenen in einer Provinzklinik. Nach einem Schnitt in der Mitte des Films beginnt die Geschichte mit den gleichen Schauspielern von vorn, diesmal in einer hochmodernen Klinik in Bangkok. Die fließenden Übergänge zwischen Träumen, Sehnsüchten und Wirklichkeit, die immerwährende Vorläufigkeit des Daseins durchdringen hier auf heitere Weise auch die Figuren selbst: Ein Zahnarzt versucht sich als Thai-Countrysänger, der seine Patienten zart mit Liedern beruhigt. Ein buddhistischer Mönch gesteht auf dem Behandlungsstuhl seine tiefe Sehnsucht, ein DJ zu sein. Und zwei Männer freunden sich an, weil der eine vielleicht der wiedergeborene Bruder des anderen ist. Manchmal schweift der Blick der Figuren aus den Räumen in die Natur, als liege in den Wäldern am Horizont ein Versprechen.

Der Dschungel ist die eigentliche Verwandlungsmacht von Weerasethakuls Kino, der Ort, an dem seine Helden eins mit sich und ihren Begierden werden, Sinnlichkeit, Sanftheit, Berührungen, aber auch die Gewalt der Sexualität erleben. Insektensummen, Blätterrascheln, die Lichtwechsel in den Baumkronen werden zum vorzivilisatorischen Raum, der die menschlichen Festlegungen auflöst – oder ins Absurde treibt. Etwa in dem Kurzfilm Worldly Desires , in dem eine Truppe Showgirls im nächtlichen Wald einen Popsong aufführt. »Ich drehe so gerne in der Freiheit des Dschungels, ohne die Ecken des Raumes«, sagt Weerasethakul. »Ich mag die Natur, weil wir dort so vieles nicht kontrollieren können: die Sonne, das Licht, die Hitze. Oft denke ich, meine Filme sind nur ein Vorwand, um immer wieder in den Dschungel zu gehen.«

Bei der Filminstallation Primitive , die im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist, heißt dieser Vorwand Nabua. Es ist der Name eines Dorfes in den Wäldern von Nordthailand. Weerasethakul gelangte durch Zufall dorthin, bei der Arbeit an einem anderen Projekt, als er mit einem Mann, der sich an die lange Geschichte seiner Reinkarnationen erinnern kann, durch die Natur wanderte. Nabua ist auch ein Ort des Traumas, über Jahrzehnte hinweg verwüstet vom Terror des thailändischen Militärs. Von den Sechzigern bis in die achtziger Jahre wurden hier angeblich kommunistische Bauern verfolgt, gefoltert, getötet, in die Wälder getrieben. Doch aus der offiziellen Erinnerung Thailands wurde das Dorf verdrängt. »Da war dieser Mann, der sich Hunderte von Jahren zurückerinnern kann«, sagt Weerasethakul, »und in diesem Dorf wollten die Bewohner nicht einmal über Ereignisse sprechen, die dreißig Jahre zurückliegen. Dabei ist der Schauplatz mit Erinnerungen überzogen. Auf einer Lichtung fanden Erschießungen statt, auf einer anderen landeten die Hubschrauber. Das alles hat mich verstört, denn ich hatte ja noch nie einen direkt politischen Film gedreht.«

Ein vom Terror versehrtes Dorf wird mit neuen spielerischen Szenen gefüllt

Weerasethakul drehte nicht nur einen, sondern mehrere Filme in Nabua. Er drehte sie gemeinsam mit den Teenagern des Ortes, die sich ihm und seiner Crew neugierig und vorbehaltlos näherten. Eine lange Videosequenz zeigt Jugendliche, die im Dorf eine Art Raumschiff bauen, aus Holz, Nägeln und Farbe. »Dieses Raumschiff war eigentlich nur ein Vorwand, um etwas gemeinsam zu tun«, sagt Weerasethakul. »Es ist Traum, aber auch Handwerk. Einerseits Flucht, aber eben auch Wirklichkeit, denn es kann nicht wirklich abheben. Solche Widersprüche in einem einzigen Konzept gefallen mir.« Ein weiterer Film des Primitive- Projekts zeigt die Halbwüchsigen beim nächtlichen Kicken mit einem Feuerball. Es ist eine Mischung aus Spiel, Geisterbeschwörung und Exorzismus. Ein anderer Film stellt die Jagd nach den »Kommunisten« auf verfremdete Weise nach: mit Feuerwerk und Leuchtmunition, die den Himmel erhellen. Er habe die Einwohner von Nabua nicht zur Erinnerung nötigen wollen, sagt Weerasethakul. »Ohnehin hat es auch Vorteile, dass unser Geist zu primitiv ist, um seine früheren Existenzen ins Gedächtnis zu rufen, dass diese Erinnerung ausradiert ist, wenn wir geboren werden. Wenn wir uns an alle erinnern, die uns verletzt oder umgebracht haben, würden wir vielleicht Rache suchen und nie mehr zur Ruhe kommen.« Im Grunde ist Primitive das Projekt einer Reinkarnation des Verdrängten, durch Umdeutung und Umwidmung. Ein versehrtes Dorf wird mit neuen spielerischen Szenen, Bildern und Erinnerungen gefüllt – und durch das Kunstwerk dennoch als Ort des Terrors in die Welt getragen.

In dieser Spannung zwischen Leichtigkeit und Schwere steht auch der schönste Film des Projekts. An seinem Ende sieht man einen Jugendlichen im Abendlicht im Raumschiff schlafen. Nur sein Oberkörper ragt aus der Einstiegsöffnung. Hinter der Silhouette des Gefährts liegt der schwarze Dschungel. Man fragt sich, wovon der Junge wohl träumt.

Die Filminstallation »Primitive« ist im Münchner Haus der Kunst bis 17. Mai zu sehen. Film-Retrospektiven: Österreichisches Filmmuseum Wien 26.3. bis 2.4.; Arsenal Berlin 1.4. bis 15.4.; Filmmuseum München 3.4. bis 15.4 .

 
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