USA
Das Monsterbudget
Barack Obamas Haushaltsentwurf treibt Ausgaben, Schulden und Steuern gefährlich in die Höhe
Zwei Zahlen, die nicht alle Tage vorkommen: ein Haushaltsdefizit von 1,75 Billionen Dollar, das 12,5 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) entspricht. Werfen wir einen Blick nach Europa, um Barack Obamas Budgetvorlage einzuordnen: Brüssel wollte 2004 hohe Strafen gegen Deutschland und Frankreich verhängen, weil die schon wieder die Defizitgrenze von drei Prozent durchbrochen hatten. Ein doppelstelliges Defizit – das hat Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt. Ein Trost für Obama: 1944 klaffte eine Lücke von 50 Prozent – sieben Billionen (heutige) Dollar. Die Europäer, die den Amerikanern schon bei fünf Prozent gern und ausgiebig die absolute Verantwortungslosigkeit bescheinigt haben, zucken heute mit den Schultern. Trotzdem wollen 1,75 Billionen Dollar erst einmal geborgt sein. Die US-Bundesobligationen werden, das bedenkt derzeit niemand, auch in Europa platziert werden, also hier die Zinsen hochtreiben und Kapital absaugen.
Die Kommentatoren auf dieser Seite des Atlantiks haben das Monsterbudget des Obama sogar wohlwollend aufgenommen. Auch hier ein wenig Perspektive: Die vier Billionen des Haushalts sind noch etwas mehr als das gesamte deutsche BIP und sehr viel mehr als nur ein »stimulus«, eine Konjunkturspritze, mit Goodies für viele und vieles – zum Beispiel für Stipendien, aber auch für die Armee (plus vier Prozent).
Der Kern des Programms (wenn denn alles durch den Kongress geht, was nicht geschehen wird) ist ein Stück »Sozialdemokratisierung« Amerikas – wenn auch nicht so radikal wie unter Roosevelt (1933 bis 1945). Der Bund allein wird nun 28 Prozent des BIP verbrauchen – acht Punkte mehr als 2007. Das ist ein europäischer Wert.
Der Bund zahlt heute schon 587 Milliarden Dollar für die staatliche Gesundheitsversicherung (ja, die gibt es), da will er in den nächsten zehn Jahren noch 634 Milliarden drauflegen, um auch den 30 bis 40 Millionen Unversicherten staatlichen Schutz zukommen zu lassen.
Wie das alles bezahlt werden soll? Mit Wachstum (das ist die Reagan-Antwort) und mit Steuern (das ist die linke Antwort). Der Reagan-Teil basiert auf schierem Optimismus: dass sich die Wirtschaft noch in diesem Jahr drehen werde. Schon im nächsten Jahr – 2010 – werde sie um 3,2 Prozent (!) wachsen. Dann geht’s bis 2013 mit einem Tempo von vier Prozent im Jahr weiter. Folglich werde sich in vier Jahren das Defizit auf 533 Milliarden dritteln. Simsalabim! Hier ist in der Tat magisches Denken im Spiel. Das zeigen die Zahlen für das letzte Quartal, in dem die US-Wirtschaft ein Minus von 6,2 Prozent aufwies.
Der zweite, »sozialdemokratische« Teil der Antwort heißt: Steuern und Subventionsabbau. Die Steuererhöhung beißt von 2011 an, und zwar Leute mit 200000 Dollar/250000 Dollar Jahreseinkommen (Single/Ehepaar). In diese Kategorie fallen nicht nur die flotten Jungs des Kasino-Kapitalismus, sondern auch die meisten Mittelständler. Neue Jobs entstehen so nicht. Insgesamt will Obama in zehn Jahren eine Billion kassieren – der höchste Steuerauftrieb der Geschichte. Erst recht, wenn man die CO₂-Abgabe dazunimmt, die jährlich 80 Milliarden einbringen soll. Amerika ein Niedrigsteuerland? Nicht mehr bei einem Höchstsatz von 40 Prozent (und bis zu zehn Prozent an Land und Kommune).
Die Frage ist, wie viel Wachstum die neue Steuerlast vernichten wird. Oder ob der Kaufkraftverlust wettgemacht wird durch radikal steigende Staatsausgaben für Breitband, Eisenbahn, Stipendien, Gesundheit, grüne Technologien… Zunächst aber kommt ein hässlicher Binnenkrieg. Die Republikaner schreien »Klassenkampf!«, die Business- und Agro-Lobbyisten haben sich zur Schlacht formiert. Wobei Obama der Klassenkampfvorwurf nicht ganz erspart werden kann, wenn er etwa sagt: »Unser System funktioniert wohl für die Mächtigen und die gut vernetzten Sonderinteressen, die Washington viel zu lange beherrscht haben. Doch ich arbeite für das amerikanische Volk.« Gut gebrüllt, aber kann Obama den Agro-Kombinaten, die mehr als eine halbe Million verdienen, die Subsidien wegnehmen? Den Mittelständlern die Steuererleichterungen? Den Multinationalen die 210 Milliarden (über zehn Jahre), die sie im Ausland vor dem Fiskus schützen?
Entscheidend aber ist: Wird diese Billionen-Spritze wirken, wenn in diesem Jahr nur 25 Prozent der Gelder aus Washington abfließen können? »Es dauert lange«, notiert der frühere Zentralbanker Lawrence Lindsey, »bevor der Staat in die Gänge kommt.« Obamas Haushalt will zu viel – zugleich die Rettung und die Revolution. Die Rettung erfordert »viel Geld sofort«. Die Revolution – der Umbau Amerikas nach europäischem Modell – braucht etwas länger. Eine ICE-Trasse entlang der Ostküste wird vielleicht 2020 stehen. Die Gesundheitsreform, die Bill Clinton schon versucht hat, wird auch nicht morgen greifen. Das US-System, das teuerste auf Erden, das auf Verschwendung und Bürokratie beruht, ist schlichtweg reformresistent. (Die USA leisten sich 16 Prozent des BIP für die Gesundheit, Deutschland etwa elf.)
Der Obama-Haushalt ist eine hochriskante Wette auf Wachstum schon im nächsten Jahr. Und wenn nicht? 2010 sind wieder Kongresswahlen. Der Denkzettel könnte fürchterlich sein.
Das Budget steht unter http://online.wsj.com/public/resources/documents/budgetblueprint02262009.pdf
- Datum 6.3.2009 - 19:28 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Kommentare 48
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Und was sollte Obama stattdessen tun? Das desaströse Erbe der Bush-Adminstration verwalten und tatenlos zuschauen wie die US-Ökonomie absäuft? Übrigens, ist das Konzept "(Stimulierung des) Wachstum(s)" nicht etwa den "Reaganomics" entliehen, sondern Roosevelts "New Deal" und somit J.M. Keynes.
Nur weil Obama "etwas" macht, heißt es noch lange nicht, dass es damit per se die -richtige- Antwort ist. Die Krise gibt ihm keinen Blankoscheck und seine Pakete bleiben was sie sind, egal wie man es dreht und wendet: die größte staatliche Spekulation in der Geschichte der USA
Die Wirtschaftskrise ist bereits Realität. Keine Regierung der Welt kann sie ungeschehen machen. Dass es Schmerzen geben wird, steht fest, diese lassen sich nicht mehr vermeiden.
Wenn Obama Billionen riskiert wäre es interessant zu wissen welche Schmerzen er durch ein sogenanntes "Nichthandeln" fürchtet - denn Schulden dieser Höhe wird ganz bestimmt eines nicht: schmerzfrei
Amerika ist das erste Land seit langem, das einen durch demokratische Wahlen herbeigeführten Paradigmenwechsel erreicht. Als schwarz-gelb in Deutschland 1998 durch rot-grün abgelöst wurde, handelte es sich nicht um einen Richtungswechsel – im Gegenteil. Nur den Amerikanern scheint der radikale Wandel zu gelingen. Fraglich bleibt allerdings, wie Obama das Wirtschaftswachstum in die Gänge kriegen will, wenn er sich vor der vorübergehenden Verstaatlichung der größten Banken scheut.
"Die Frage ist, wie viel Wachstum die neue Steuerlast vernichten wird." Das kommt ganz darauf an. Nach Überwindung der Krise sind Steuererhöhungen absolut kein Problem: die höchsten Steuersätze gab es während der wirtschaftswunderähnlichen Nachkriegszeit in Amerika. Aber selbst während der Krise kann der Staat z.B. die Vermögensteuer erhöhen, ohne damit den privaten Konsum zu belasten. Denn vom Vermögen wird nur ein verschwindend geringer Teil jährlich verbraucht.
Nur weil Obama "etwas" macht, heißt es noch lange nicht, dass es damit per se die -richtige- Antwort ist. Die Krise gibt ihm keinen Blankoscheck und seine Pakete bleiben was sie sind, egal wie man es dreht und wendet: die größte staatliche Spekulation in der Geschichte der USA
Die Wirtschaftskrise ist bereits Realität. Keine Regierung der Welt kann sie ungeschehen machen. Dass es Schmerzen geben wird, steht fest, diese lassen sich nicht mehr vermeiden.
Wenn Obama Billionen riskiert wäre es interessant zu wissen welche Schmerzen er durch ein sogenanntes "Nichthandeln" fürchtet - denn Schulden dieser Höhe wird ganz bestimmt eines nicht: schmerzfrei
Der wird doch sonst immer an dieser Stelle geliefert, um zu zeigen, wie viel schlechter Rußland doch da steht. Vielleicht darf ich aushelfen, Herr Joffe?
http://de.biz.yahoo.com/2...
Durch den gesunkenen Ölpreis könnte das Budgetdefizitin diesem Jahr erstmals auf 8 % des BIP steigen. Könnte, denn voraussichtlich dürfte der Ölpreis demnächst wieder über 60 US-Dollar steigen und sich dann um diesen Wert einpendeln, bei dem das russische Budget ausgeglichen sein dürfte. Welchen Anteil am BIP entspricht das amerikanische Haushaltsdefizit von 1,75 Bio Dollar noch mal, 12,5 %?
Vielleicht noch ein paar andere Wirtschaftsdaten?
http://www.boerse-go.de/n...
Die russischen Devisenreserven betragen immer noch ca. 390 Mrd. Dollar, die dritthöchsten weltweit. Eine schwierige Situation sicherlich, aber verglichen mit der amerikanischen Wirtschafts- und Finanzlage noch vergleichsweise komfortabel.
ist eigentlich nicht das Thema hier, aber:
1. Woher wissen Sie, wann der Ölpreis wo steht? Hellseher?
2. "Die russischen Devisenreserven betragen immer noch ca. 390 Mrd. Dollar, die dritthöchsten weltweit."
Obama--->Notenpresse---->Inflation. Klingelts? Dollareserven sind nicht so der Brüller im Moment, die Chinesen können den Dollarkurs nicht ewig stützen. Irgendwann geht's ab nach unten, und dann wohl dem, der Dollarschulden hat! Und wer hat die wohl?
erwecken den Eindruck, dass sozialdemokratische Politik "riskant" ist, "Schulden in die Höhe treibt" und einer "hochriskanten Wette auf Wachstum" ähnelt.
Sie haben sich selbst übertroffen Herr Joffe.
...zumindest in Deutschland.
Wenn viele etwas verlieren,eine Wirtschaftskrise da ist,da wächst manchesmal
manches,dass niemand will:Das Gespenst der Xenophobie,der Neid etc.
Die Wirtschaftskrise in 1930 in Mitteleuropa war der
Nährboden für Fürchterliches.Erst die Politkergeneration nach dem Wahnsinn
hat Gesundheitssysteme Soziale Sicherheitssysteme aufgebaut,damit der Wahnsinn
nie wieder passiert.Warum soll man also einmal nicht schon früher denken bevor
etwas passiert.Ausserdem sind die Sponsoren von Obama z.B.die Google
boys oder Gates eine jüngere Generation mit gewissem Weitblick.
Ich denke in der USA ist man viel veränderungsbereiter als derzeit in Russland oder
in der Ukraine,wo der Antisemitismus Xenophobie und Gewalt leider tragisch
zunimmt.Womit kann der Plan Obamas finanziert werden:Durch das Betätigen
der Notenpresse.Das ist das Tragische.Es ist sehr schwer in so einer schwierigen
Situation alles richtig zu machen.Doch die Richtung in der USA gibt Hoffnung und
Freude,vielleicht sollten wir unsere Brüder,die uns nach dem Wahnsinn
nicht in Stich gelassen haben wirklich genauso großzügig unterstützen,
damit Obamas Plan im Sinne der Menschen und der Natur gelingt !
Ein Politiker, der seine Wahlkampf-Versprechen tatsächlich einzuhalten sucht, mag ein Novum sein. Aber Obama hält, was er während der Wahlkampagne versprach. Sein Problem ist nur, dass er enorm viel versprach, und jetzt versuchen will, alles gleichzeitig durchzudrücken. Mit Recht befürchten seine Kritiker, dass er weit mehr auf dem Teller hat als er essen kann.
Obama hat es aber deswegen so eilig, weil er weiß, dass er schon in zwei Jahren wie Bill Clinton seine absolute Mehrheit in beiden Häusern wieder einbüßen kann.
...zumindest in Deutschland.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren