Bücher machen Politik Die wahre Angela

Warum haben wir auch nach vier Jahren kein klares Bild von der Kanzlerin? Der Essay eines Merkel-Kenners gibt eine Antwort

Vier Jahre ist die Frau jetzt Kanzlerin, und wäre nicht demnächst Bundestagswahl, würde uns womöglich gar nicht auffallen, dass wir immer noch kein klares Bild von Angela Merkel als Kanzlerin haben. Einerseits war genügend Zeit und genügend los, als dass sich ein jeder sein Bild machen konnte. Andererseits war auch so viel los, dass das Entscheidende schnell zu übersehen war. Man konnte schlicht vergessen, sich zu fragen: Wie finde ich Angela Merkel?

Oder gibt es in Deutschland inzwischen gar kein annähernd gemeinsames Bild mehr davon, wer Angela Merkel ist, nun, da ihre Kanzlerschaft von der aktiven Phase in den Sinkflug zum Wahlkampf übergeht? Am Anfang von Merkels Amtszeit stand jedenfalls ein selten einmütiger Eindruck. Bei denen, die sie gewählt hatten, wie bei vielen der anderen herrschte ein Wohlwollen, ein Grundgefühl, da habe jetzt eine Interessante, jedenfalls eine wirklich Neue eine Chance bekommen zu zeigen, was sie kann: eine Frau, aus dem Osten, und das mit der ersten Großen Koalition seit bald 40 Jahren, was kommt da jetzt? Dass dieses Wohlwollen sogar zunahm in den ersten Monaten, in denen sie viel unterwegs war und – irgendwie auch überraschend – international eine gute Figur machte, verlängerte den Anfang. So besteht Angela Merkels Kanzlerschaft rückblickend zunächst einmal aus einem langen Anfang – und dann?

Es gibt jetzt ein Buch, das eine Antwort unternimmt. Das Buch ist keine Biografie ihrer Person, es ist eine Biografie ihrer Kanzlerschaft. Und es lässt einen radikalen Schluss zu: Nicht in unserer Optik ist etwas verwischt, dass es nicht recht gelingen mag, ein klares Bild der Kanzlerin zu gewinnen, sondern es liegt an Angela Merkel, dass sie uns als Kanzlerin bloß verschwommen vor Augen steht.

»Gibt es hinter ihren Fassaden so etwas wie eine wahre Merkel? Ich muss zugeben, dass ich das nicht weiß, obwohl ich sie oft beobachte und manchmal mit ihr rede«, schreibt Dirk Kurbjuweit, Büroleiter des Spiegels in Berlin. Aber guckt, wer seinen Kanzler nicht versteht, vielleicht nur nicht genau hin?

Auch Kurbjuweits Buch kommt zunächst wie eine Untersuchung unter ungünstigen Umständen daher. Zwei bedeutende Ereignisse bestimmten Merkels Zeit an der Macht, der Georgienkrieg und die Weltfinanzkrise, dazu kommt ein bedeutendes Nicht-Ereignis, ihr unterlassenes Bemühen, zu der Reformkanzlerin zu werden, von der sie zu Oppositionszeiten geträumt hatte. Ungünstig sind die Umstände für eine Untersuchung, weil Kurbjuweit über das eine Ereignis nicht viel mitteilt, wie nämlich Merkel die Georgienkrise gehandhabt hat, und weil das zweite Ereignis, die Wirtschaftskrise, noch nicht abgeschlossen war, ja sich vielleicht noch nicht einmal voll entfaltet hatte, als der Autor Ende Januar sein Manuskript abschließen musste. Trotzdem hat Kurbjuweit eine wahrere Biografie der Kanzlerschaft Angela Merkels geschrieben, als viele Faktenhuber es vermocht hätten, aber eben auf die Weise, wie Literatur manchmal wahrhaftiger ist als ein Lexikon. Er hat den besonderen Ton eingefangen, der diese Frau umgibt und in der Folge auch ihr Regieren. Die Untersuchung einer Kanzlerschaft wird zu einer Poetik-Vorlesung – zur Erklärung des Rätsels unserer kollektiv verschwommenen Wahrnehmung: Warum es am Ende ihrer ersten Amtszeit fast schwerer fällt als zu ihrem Anfang, die Kanzlerin zu lesen. »Es war eine seltsame Zeit mit ihr.«

Während wir Kanzler aus ihrem Handeln verstehen wollen, muss man Angela Merkel aus ihrem Warten verstehen. Auch wenn es zunächst absurd klingt: Angela Merkel hat ihre Kanzlerschaft mit Warten verbracht – und darin zu eigener Meisterschaft gefunden. Ihre Ambition ist es nicht, zu vollenden. Regieren bedeutet ihr nicht, Vorhaben zum Abschluss zu bringen, sondern Möglichkeiten offen zu halten. Ihre »Selbstauflösung« als Reformerin, wie der Autor es nennt, ist ihre dramatischste Niederlage: »Angela Merkel frisst sich selbst.« Nach ihrem ersten gelungenen Anfang hat sie begonnen, auf den nächsten ersehnten Anfang hin zu leben, auf eine Bundestagswahl mit einer anderen, eindeutigeren Mehrheit und einem klareren Auftrag. »So wurde Warten auf Angela Merkel ein großer Sport für alle Beobachter ihrer Kanzlerschaft.«

Kurbjuweit hat ein Gefühl für Merkel, es ist sein Gefühl für ihre ständige Gefährdung: für die Demütigungen, die Anfeindungen, die Zweifel der anderen, die sie stets immer als Ganzes angriffen, als Frau, als Zugereiste, als Mensch. Und so schildert er Merkels Selbstauflösung weder als unklug und nicht einmal als opportunistisch (aus ihrer Sicht hält sie an ihren Zielen fest). Sie folgt nur einer falschen Rationalität, der Binnenrationalität des politischen Betriebs. Sie war »als Kind der Diktatur ganz gut gerüstet für die Mediendemokratie«: Im Kosmos der totalen Öffentlichkeit bedeutet Klarheit Festlegung und Festlegung Angreifbarkeit. Und also verschiebt sie den Vorsatz der Klarheit auf die Zukunft, eine ungewisse Zukunft: »Merkel ist vom Gestern ins Morgen gesprungen unter Vermeidung der Gegenwart.« Kein Wunder, dass wir sie so oft zu sehen bekommen und so wenig zu fassen.

Dass sie sich unserem Urteil entzieht, ist also nicht der Kollateralschaden ihrer ersten Amtszeit, es war ihr Ziel, es ist ihr Erfolg. So tritt im Herbst eine Frau zur Wiederwahl an, die seltsam unbeschrieben ist, von Neuem offen für unsere Hoffnungen wie unsere Befürchtungen wie kaum ein Kanzler vor ihr.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Angela Merkel | Literatur | Biografie | Berlin
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