Hochschulbau Ein Neubau im Nirgendwo

Die Hamburger Wissenschaftssenatorin prüft den kompletten Umzug der Universität auf das Hafengelände. Ein Neubau würde der Stadtentwicklung dienen, nicht aber der Hochschule

Findet die Uni Hamburg ein neues Zuhause an der Elbe?

Findet die Uni Hamburg ein neues Zuhause an der Elbe?

Der Plan verspricht einen visionären Neuanfang, der die jahrzehntelange Vernachlässigung der Universität Hamburg beendet: Hamburgs neue Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach lässt prüfen, ob die gesamte Universität in das bisherige Hafengelände verlagert werden soll. Ein hochmoderner Campus könnte dort entstehen, der den Sprung der Stadt über die Elbe voranbringt und dem Neubaugebiet HafenCity neue Impulse gibt. Doch Gundelachs Vorschlag hat heftige Kontroversen hervorgerufen. In ihnen spiegelt sich ein Interessenkonflikt zwischen staatlicher Planung und Universitätsentwicklung.

Welche Ziele verfolgt dieser Vorschlag wirklich? Offensichtlich erwartet die Senatorin von der Verlagerung der Universität in das Hafengelände einen Beitrag zur Entwicklung eines sozialen Problemgebietes sowie zum Zusammenwachsen der nördlich und südlich der Elbe gelegenen Stadtregionen. Diese Erwartungen sind zunächst plausibel. Allerdings ist zu fragen, ob die Belebung eines problematischen Stadtteils rechtfertigen kann, das lebendige Universitätsviertel einem tief greifenden Strukturwandel auszusetzen, dessen Ergebnis völlig offen ist.

Es macht einen Unterschied, ob bei der Neugründung einer Universität der Standort auch nach Gesichtspunkten der Stadtentwicklung gewählt wird oder ob die über Jahrzehnte gewachsene Symbiose einer Hochschule und ihres Stadtteils zerstört wird, um sie in einem anderen Stadtteil erst neu zu entwickeln. Es stellt sich die Frage, ob eine Verlagerung die Entwicklung der Hochschule fördert. Die Senatorin macht es sich leicht, indem sie sagt: »Alles ist besser als das, was wir jetzt haben.«

Stimmt das wirklich? Der Baubestand der Universität Hamburg ist keineswegs so marode, wie Gundelach annimmt. Die Universität hat durch effizientes Immobilienmanagement bereits einen beachtlichen Teil der notwendigen Sanierungs- und Baumaßnahmen möglich gemacht und den Gebäudebestand im Universitätsviertel konzentriert. Etwa die Hälfte der Gebäude befindet sich in ordentlichem, teils hervorragendem Zustand.

Trotz gravierender staatlicher Versäumnisse hat die Hochschule im vergangenen Jahrzehnt durch den Verkauf wertvoller, aber für Universitätszwecke nur eingeschränkt nutzbarer Stadtvillen wichtige Neubauten und Sanierungsmaßnahmen finanzieren können. Die Rechtswissenschaftliche Fakultät und die Erziehungswissenschaft etwa arbeiten in beispielhaft sanierten Gebäuden.

Weitere Neubauten und Sanierungen hat sie durch erfolgreiches Fundraising ermöglicht. So bilden das altehrwürdige Hauptgebäude und die gestifteten Flügelbauten ein durch mehrere Architekturpreise ausgezeichnetes kulturwissenschaftliches Zentrum. Hinzu kommt: Im Universitätsviertel befinden sich fast alle unverzichtbaren Kooperationspartner – die Staats- und Universitätsbibliothek, die Max-Planck-Institute, mehrere Leibniz-Institute, das Klimarechenzentrum, weitere Forschungseinrichtungen und das Congress Centrum Hamburg. Die Universität aus diesem Netzwerk herauszulösen würde ihr nachhaltig schaden.

Können finanzielle Vorteile die Verlagerung rechtfertigen? Unstreitig liegen die Kosten der am gegenwärtigen Standort notwendigen Sanierungs- und Neubaumaßnahmen bei 400 Millionen Euro. Demgegenüber verschlingt der Neubau aller von der Verlagerung betroffenen Universitätsgebäude mehr als eine Milliarde Euro. Die Herrichtung des Hafengebietes für die Bebauung dürfte mindestens eine weitere Milliarde Euro erfordern. Verkauft die Stadt die bisher von der Universität genutzten Grundstücke oder Gebäude, kann sie Einnahmen in Höhe von allenfalls 300 Millionen Euro erwarten.

Insgesamt kostet demnach die komplette Verlagerung mindestens das Doppelte, wahrscheinlich das Dreifache der Sanierung und der Neubauten am jetzigen Standort. Wenn die Senatorin dagegen einwendet, bei einer Verlagerung würden die Neubauten durch private Investoren finanziert, von denen die Stadt die Gebäude anmiete, so beeinflusst das die Kostendifferenz nicht. Und die private Finanzierung ist eine verdeckte Verschuldung.

Wägt man die unterschiedlichen Aspekte eines Umzugs ab, so ergeben sich für die Universität nur Nachteile und für die Stadt erhebliche Mehrkosten. Beides wäre – wenn überhaupt – nur durch überragende Vorteile für die Stadtentwicklung zu rechtfertigen. Der Verlagerungsplan entpuppt sich als Nutzung der Universität für Ziele der Stadtentwicklung. Der Neubau im bisherigen Hafengelände würde die Entwicklung der Universität Hamburg mindestens 20 Jahre lang behindern. Allein die Bauzeit beträgt etwa 15 Jahre.

In dieser Zeit würde die Hochschule am gegenwärtigen Standort günstigstenfalls stagnieren – wahrscheinlich verfallen –, während sich gleichzeitig in weiteren Exzellenzwettbewerben die Leistungshierarchie unter den deutschen Universitäten verfestigt. Die Aufgabe ihres gegenwärtigen Standortes würde die Chancen der Universität in den Wettbewerben erheblich mindern. Hier zeigt sich das grundlegende Problem einer Hochschulpolitik, die nicht nach dem Besten für Forschung und Lehre fragt, sondern zulasten der Universitäten andere Probleme lösen will.

Damit wird die Hamburger Debatte exemplarisch für die Herausforderungen der Hochschulpolitik in Deutschland insgesamt: Es geht um die Entscheidung, ob man Hochschulen fördern oder sie anderen Zwecken dienstbar machen will, die Politik muss daher den Stellenwert von Bildung und Wissenschaft klären. Werden beide als Grundlagen der Zukunftschancen unserer Gesellschaft angesehen, dürfen sie nicht zum Instrument hochschulfremder Planungen werden. Wenn Länder und Städte exzellente Universitäten wollen, müssen sie deren Entwicklung Priorität vor anderen Zwecken einräumen.

Jürgen Lüthje war bis 2006 Präsident der Universität Hamburg

 
Leser-Kommentare
  1. Eine Universität im Hafenviertel wäre allerdings etwas Enormes, Fabelhaftes, noch nie Dagewesenes, eine weltweite Novität, und darauf kommt es schließlich an. Wen interessieren schon akademische Belange, geschweige denn die Interessen der Studenten? Um einem dringenden politischen Bedürfnis nachzukommen, würden hier wieder Millionen vertan. Glücklicherweise hat momentan sowieso niemand Geld, so daß damit zu rechnen ist, dass dieses Projekt ebenfalls im Eimer der bereits ad acta gelegten Geldvergeudungspläne landen dürfte.

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    dass daraus nichts wird. Ich habe aber meine Bedenken. Auch Hamburger Politiker haben ihre Prestigeprojekte und wollen in die Geschichte eingehen.

    dass daraus nichts wird. Ich habe aber meine Bedenken. Auch Hamburger Politiker haben ihre Prestigeprojekte und wollen in die Geschichte eingehen.

  2. Eine Umfrage des Hamburger Abendblatts am vergangenen Wochenende hat ergeben, dass 83% der Befragten den Umzug der Universität in den Hafen ablehnen. Auch die Mehrheit der Universitätsangehörigen möchte den Standort in Eimsbüttel behalten. Der Bezirk Eimsbüttel hat kürzlich eigene Pläne vorgelegt, die den Beweis erbringen, dass die gewaltige - in diesem Ausmaß unrealistische - räumliche Erweiterung, wie sie von den Umzugsbefürwortern gefordert wurde, auch am gewachsenen Standort in verträglicher Weise möglich ist. Die Kosten wären erheblich niedriger als bei der Neuerschließung einer Elbinsel.

    An ihrem traditionellen Standort ist die Universität von bedarfsgerechter Infrastruktur und hochschulnahen Einrichtungen umgeben. Das Uni-Viertel ist beliebt und hat seine eigene kulturelle Szene hervorgebracht. Cafés und Kneipen, Hochschulgruppen und Studentenverbindungen, Buchhandlungen und Galerien, Musikpflege, Kino, Theater und Sport sind hier ansässig. Etwas Gleichartiges kann sich auf dem Kleinen Grasbrook nicht entwickeln, weil das Areal begrenzt, isoliert und abgeschieden ist. Dort droht die Entstehung eines Neubau-Ghettos für U-Bahn-Pendler. Die Wege zu den Wohngebieten und zu den anderen Universitätsstandorten (Medizin in Eppendorf, Physik in Bahrenfeld, Biologie in Flottbek) würden sich verlängern.

    Der Standort in Eimsbüttel ist durchaus repräsentativ und aus allen Richtungen mit allen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Die Einbettung in Grünflächen und historische Wohnbebauung sorgt gleichermaßen für Charme, Lebensqualität und Sicherheit. Die Universität verdient ihren angestammten Platz im Herzen der Stadt. Es wäre schlechter Stil, die Akademiker auf eine Insel in den Hafen auszulagern, zumal die Hafenbetriebe die Kaimauern des Kleinen Grasbrook weiterhin nutzen möchten.

    Schließlich wird die Universität auch von Bürgern genutzt, die dort nicht forschen oder studieren, sondern in einer Bibliothek recherchieren oder einen interessanten Vortrag hören wollen. Die meisten dieser Bürger wohnen oder arbeiten nördlich der Elbe, erreichen den bisherigen Hochschulstandort problemlos und wollen nicht künftig mit dem Auto über die Elbbrücken fahren oder in eine neue U-Bahn steigen müssen.

    Von einem Umzug würde nur die Immobilienwirtschaft profitieren, die bereits ein Auge auf die Universitätsgrundstücke geworfen hat und dort an der Errichtung von Luxuswohnungen verdienen will. Die Stadtentwickler sollten sich ein anderes Opfer für ihren Sprung über die Elbe suchen, die Aufforstung der südlichen Problemstadtteile mit akademischem Jungvolk wird nicht gelingen. Außerdem würde das Umfeld eines Industriehafens weder die Lernbedingungen noch das Ansehen der Universität Hamburg fördern.

    Darum sollte jetzt die Modernisierung am Standort in Eimsbüttel fortgesetzt werden. Ein Teil der eingesparten Milliarden könnte in Personal- und Sachmittel investiert werden. Das würde den Interessen der Universität und dem Wunsch der Bürger entsprechen.

  3. eine Wissenschaftssenatorin ?

  4. dass daraus nichts wird. Ich habe aber meine Bedenken. Auch Hamburger Politiker haben ihre Prestigeprojekte und wollen in die Geschichte eingehen.

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