Diskothek HÖRBUCH Der Fisch, der uns überlebt

Wer Darwin verstehen will, muss den Buntbarsch verstehen: Einsichten eines Zoologen

Hörbuch

Sie werden uns überleben. Das Leben selbst wird in ihnen triumphieren, in den irrwitzigsten Farben schillernd. Schon bald könnte die Zeit der Buntbarsche gekommen sein.

Das ist einer der Schlüsse, die man aus dem Bericht des Buntbarsch-Experten Axel Meyer ziehen kann. Die Fischfamilie ist ein Erfolgsmodell der Evolution, allein im afrikanischen Victoriasee haben sich in nur hunderttausend Generationen 500 hoch spezialisierte Arten entwickelt, in Europa gibt es von Aal bis Zander nur 200 Fischarten. Der Konstanzer Zoologe hält einen wundersamen, witzigen Vortrag und erschließt den bunten Bogen des Lebens samt seinen Rätseln durch ein einziges Thema – die Welt in einer Fischschuppe. Der Mitschnitt des Vortrags ist Klaus Sander zu verdanken, der mit seinem supposé Verlag langsam zum legitimen Enkel des enzyklopädischen Interviewers Alexander Kluge wird. Diese CD eines begeistert aus der Forschung plaudernden Biologen ist einer der schönsten Beiträge zum Darwin-Jahr.

Man wird der Welt der Buntbarsche zunächst mit kindlichem Staunen verfallen. Da gibt es Arten, deren ältere Junge die Geschwisterchen pflegen. Arten, deren Männchen für ihren Harem Schneckenhaus-Wohnblöcke bauen. Arten, deren schneckenknackende Kiefer im Entwicklungswettlauf mit den Schneckenhäusern immer stärker werden. Feinschmecker, die anderen Barschen einen kinderfressenden Todeskuss aufzwingen, bei dem sie maulbrütenden Weibchen die Jungen aus dem Mund saugen und, und, und…

All dies aber nur als Naturschauspiel zu sehen wäre, als würde man Lévi-Strauss’ Traurige Tropen als Reiseführer lesen. Meyer zeigt von Anfang an, dass die Evolution eine große Erzählung ist, räumt aber mit dem vulgärdarwinistischen Märchen auf. Tatsächlich erweist sich Evolution als Prozess mit finsterem Anfang und dunklem Ende, ohne Ziel, ohne Perfektion und Schöpfungskrone. Nur das evolutionäre Schicksal jeder Art steht fest: das Aussterben zugunsten besser angepasster Arten. Während wir Menschen aber unsere vielfältigen Kulturen gerade antievolutionär vereinheitlichen, spezialisieren sich die Fische in neuen Lebensnischen immer weiter. Und wenn man ihre freundliche Brutpflege oder ihre quasi selbstreferenzielle Farbenpracht genauer betrachtet – blitzt einen da nicht etwas wie Altruismus oder Ästhetik an? Wer sagt eigentlich, wie »Kultur« im freien evolutionären Spiel auszusehen hat?

Im Victoriasee hat der eingeschleppte Nil-barsch heute die Hälfte der Buntbarscharten ausgerottet – und damit seine Futtergrundlage, womit sein Ende abzusehen ist. Die Buntbarsche, diese Evolutionsweltmeister, werden den Nilbarsch überstehen. Warum sollten sie nicht noch viel weiter kommen? Wer ein Aquarium hat, kann sich schon mal ein Testbild der Welt ansehen, die nach uns Menschen, nach uns großen Nilbarschen kommen wird. Es könnte eine sehr schöne, sehr bunte Welt werden.

Algenraspler, Schneckenknacker, Schuppenfresser

Der Zoologe Axel Meyer über den evolutionären

Erfolg der Buntbarsche; supposé; 2 CDs, 80 Min., 18,– Euro

 
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