Der Pfad ist ausgetreten. Weiß getünchte Steine markieren den Weg, durch die Gebirgskiefern sieht man die Zacken des nordindischen Dhauladhar-Massivs mit dem Hanuman Ka Tiba, dem 5600 Meter hohen »Weißen Berg«. Majestätisch zeichnet er sich vor dem tiefblauen Himmel ab.

Kein Pass führt zwischen diesen Gipfeln hindurch. Kein Mensch lebt dort. Zu steil, zu karg und zu hoch ist der Himalaya. Erst 1500 Kilometer weiter östlich, in der Nähe von Lhasa, der Hauptstadt Tibets, ist wieder Leben. Unerreichbar für die Pilger auf diesem ausgetretenen Kreispfad. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als an Tibet, ihre Heimat, nur zu denken. So laufen sie ein ums andere Mal im Kreis um die Exilresidenz des Dalai Lama im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh.

Die Residenz Seiner Heiligkeit, wie der Dalai Lama hier genannt wird, ist den ganzen Rundweg über nicht zu sehen. Zunächst wird sie durch Bäume geschützt, dann durch eine zweieinhalb Meter hohe Mauer. Ein Mann nimmt den Hut ab und berührt die Mauer mit der Stirn. Näher ist Seiner Heiligkeit nicht zu kommen. Ein paar Esel schleppen Kies für ein neues Hotel am Pilgerpfad herbei. Am Wegesrand stehen Gebetsmühlen aus Holz, in den Bäumen hängen Stofffahnen, beschrieben mit Gebeten. Am Ende des Pfades verkaufen Bauern Spinat.

Anfang und Endpunkt des Kreisweges ist der Tempelkomplex Tsuglag Khang. Hier öffnet sich der Pfad und verbindet den Hügel des Dalai Lama mit einem Nachbarhügel. Dort leben seine Anhänger in dem Dorf McLeod Ganj, 1800 Meter hoch gelegen. Wie zwei ungleiche Höcker eines Kamels liegen die beiden Kuppen in der Landschaft, der Residenzhügel und der Dorfhügel. Momentan ist Seine Heiligkeit verreist.

Tenzin Gyatso ist der Mönchsname des 14. Dalai Lama, des Oberhaupts der Tibeter. Wie so oft, kämpft der mittlerweile 73-Jährige gerade irgendwo auf der Welt für die Anliegen seines Volkes, ein Kampf, der am 10. März 50 Jahre währt. 1959 hatten sich die Tibeter zu einem Aufstand gegen die chinesische Armee erhoben und verloren. Der Dalai Lama floh nach Indien ins Exil, rund 100000 Anhänger folgten. Sein Vorgänger hatte gleich zweimal ins Ausland fliehen müssen, 1904 vor der britischen Kolonialarmee und 1910 vor den kaiserlichen chinesischen Truppen. Aber beide Male konnte er nach wenigen Jahren wieder zurückkehren. Tenzin Gyatso jedoch sitzt seit 50 Jahren mit seiner Exilregierung und einigen Tausend verbliebenen Exiltibetern in McLeod Ganj fest. Im Dorf geht nun die Angst um, die Exilbewegung könnte in Vergessenheit geraten. Die Welt hat in diesem Jahr andere Sorgen, nicht nur den Klimawandel scheint sie vergessen zu haben. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise haben es Minderheiten nicht leicht.

McLeod Ganj liegt nur wenige Kilometer von dem indischen Städtchen Dharamsala entfernt. Es wurde 1815 von dem britischen Offizier David McLeod als Sommerfrische gegründet. Die Häuser hier sind im Winter zugig und kalt, die Straße ist schlecht befahrbar; immer wieder wird sie vom Monsun weggespült. Dicht gedrängt stehen Flachdachbauten am Wegrand, einst waren sie doppelstöckig, inzwischen haben sie vier Stockwerke. Stromkabel spannen sich wie Spinnweben über die Straßen. In den Gassen flanieren Esoteriktouristen aus Europa, tibetische Mönche in roten Gewändern mischen sich darunter, geschäftstüchtige Inder, Händler aus Kaschmir. Junge Tibeter mit modisch ins Gesicht geföhnten Haaren umgarnen Touristinnen aus dem Westen. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift Never give up.

Lange forderten die Exiltibeter von Indien aus die Unabhängigkeit Tibets und suchten weltweit Verbündete. Aber China wurde den Weltmächten als Partner immer wichtiger. Der Westen wollte billige Produkte – und Zugang zum riesigen chinesischen Markt. Zwar wurde der Dalai Lama zu einer der weltweit beliebtesten Persönlichkeiten, doch keine wichtige Regierung wollte seine Unabhängigkeitsforderungen offen unterstützen. So ist McLeod Ganj inzwischen zu einem 50 Jahre währenden Provisorium geworden. Während sich die Tibeter in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in ihrem indischen Exil einrichteten, war ihr Oberhaupt gezwungen, seine politische Strategie anzupassen. Seit 1988 fordert der Dalai Lama nur noch kulturelle Autonomie innerhalb eines chinesischen Nationalstaates. Doch China und der Dalai Lama haben unterschiedliche Vorstellungen von Autonomie. Bis heute konnten sie sich nicht einigen.

Während die Exiltibeter in Indien festsitzen, kann die chinesische Regierung in Tibet fast ungehindert agieren. So versucht sie, dort möglichst viele Han-Chinesen anzusiedeln. Neue Straßen und Eisenbahnen sollen die entlegene Region eng an Peking binden. Die Tibeter fühlen sich in die Enge getrieben. Vor einem Jahr verschärfte sich die Lage deshalb dramatisch: Wieder schlug die chinesische Armee einen Aufstand nieder, Dutzende Menschen kamen um, Hunderte verschwanden in Gefängnissen. Exiltibeter störten daraufhin weltweit den Fackellauf im Vorfeld der Olympischen Spiele. Auf internationalen Druck hin wurden Verhandlungen aufgenommen. Mittlerweile sprechen die chinesische Regierung und die Exiltibeter nicht mehr miteinander.

Da hilft kaum mehr als Beten, glauben viele Exiltibeter.