Denk-Sport

Podolskij kann sie alle schlagen

Kein Kinderspiel: In Berlin kämpfen 20 Europäer um die Teilnahme an der Dame-WM in Brasilien

Dame gilt in Deutschland als ein Kinderspiel. Die meisten Erwachsenen haben es mal gelernt, aber seit Langem nicht mehr gespielt oder allenfalls mit den eigenen Kindern und Enkeln. Organisierte Anhänger gibt es nur ein paar Dutzend. Von der Anerkennung, die ihr Spiel in Russland, der Niederlande oder Brasilien genießt, können sie nur träumen. Wer nicht im hessischen Korbach oder im thüringischen Mühlhausen, in Aachen oder Berlin wohnt, muss weite Wege in Kauf nehmen, um auf starke Spieler zu treffen.

Mark Podolskij fuhr bis über die niederländische Grenze nach Eindhoven. In Bochum, wohin er 1995 mit seinen Eltern aus dem russischen Elektrostal übersiedelt war, hätte er das Spiel, das er seit seinem sechsten Lebensjahr im Verein ausübte, vergessen können. Anpassen musste sich der Junge mit den dichten schwarzen Locken auch so: In Russland hatte er Dame auf 64 Feldern gespielt. Die Niederländer bevorzugen das 100-Felder-Brett, dem auch im deutschen Verband und international die größte Bedeutung zukommt.

Als Kind habe er die Kombinationen geliebt, erzählt Podolskij. Es gibt Aufgaben, in denen man einen Stein nach dem anderen opfert, um am Ende mit seinem allerletzten Stein die ganze gegnerische Armee aus dem Feld zu schlagen. Heute, mit 29, treibt ihn mehr das Streben nach Fehlerlosigkeit, nach der optimalen Lösung. Auf 64 Feldern wurde er zweimal U16- und zweimal U19-Weltmeister, auf 100 Feldern dreimal Deutscher Meister und zweimal Europacupsieger mit der Mannschaft. Seit er auf dem größeren Brett spielt, hat Podolskij überhaupt nur gut ein Dutzend Wertungspartien verloren.

Bei der Weltmeisterschaft 2007 im niederländischen Hardenberg führte er punktgleich mit dem Russen Alexander Schwarzman. Weil er in den verbleibenden Runden die leichteren Gegner hatte, war er optimistisch. Doch immer wenn er selbst gewann, landete auch sein Rivale einen Sieg. Am Ende hatten sie immer noch gleich viele Punkte. Podolskij hatte im Unterschied zu dem Russen keine Partie verloren, aber eine weniger für sich entschieden. So ist er gemäß den Regeln nur Vizeweltmeister geworden, es war verdammt knapp.

Die nächste WM findet im September im brasilianischen Recife statt. In Berlin-Marzahn laufen jetzt, in dieser Woche, die europäischen Ausscheidungsspiele. Bis Samstag werden im Schloss Biesdorf unter zwanzig Teilnehmern sechs Tickets zur WM ausgespielt. Zuschauer sind willkommen (auch unter www.dame-online.de). Vizeweltmeister Podolskij wird man allerdings nicht zu Gesicht bekommen.

"Meine Karriere geht vor", sagt der promovierte Mathematiker. Als einziger Spieler in den Top Ten ist er nicht Profi. Sein Spezialgebiet sind stochastische Prozesse. In der Finanzmathematik geht gerade die Post ab. Dame kann warten. Podolskij ist an der ETH Zürich. Wo er im September sein wird, weiß er noch nicht. Mehrere Institute haben ihm Angebote gemacht. Brasilien ist keine Option.

"Wenn ich in Form wäre, hätte ich eine Chance. Aber dazu müsste ich bis zur WM Turniere spielen – auch um die anderen Dinge aus dem Kopf zu kriegen", erklärt Podolskij, warum er einen neuen Titelanlauf scheut. Um auf hohem Niveau eine Partie zu gewinnen, müsse man voll konzentriert sein und beharrlich Vorteile sammeln. Eröffnungsanalysen beschreibt er als wichtig, aber nicht als vorentscheidend wie im Schach. Wichtiger sei es, einen Stellungstyp zu erreichen, der dem Gegner nicht liege.

"Wenn die Rechenmaschine im Kopf nicht anspringt, spielt man unter seinen Möglichkeiten", sagt er und lacht. "Ganz aufgegeben habe ich Dame noch nicht." Am vergangenen Samstag hat Podolskij einen Ligakampf für den Dameklub Witte van Moort in Westerhaar bestritten. Die Handgelder der niederländischen "Ereklasse" locken auch Profis aus Russland oder der Ukraine an. Bei der WM-Qualifikation in Berlin-Marzahn winken nur Pokale.

Woher auch Geld nehmen, klagt Michael Römhild, der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Dame in Deutschland und Veranstalter des Berliner Turniers. Um staatliche Zuschüsse kämpft er vergebens. Er verweist auf die Schacholympiade vorigen November in Dresden, die mehr als vier Millionen Euro kostete.

Dabei hat Dame so ziemlich alles, was Schach hat: Es gibt Großmeistertitel und Ranglistenpunkte. Wertungspartien spielt man mit der Uhr und notiert die Züge. Alle Partien bedeutender Turniere werden in Datenbanken erfasst. Im Internet finden sich Spielpartner rund um die Uhr (so unter www.kurnik.pl) . Computerprogramme beherrschen Dame auf dem Niveau der Besten. Mit Büchern über Eröffnungszüge oder spezielle Endspiele lässt sich eine kleine Bibliothek füllen. Niederländische und russische Zeitungen schmücken sich mit eigenen Damekolumnen.

In den Niederlanden war Dame bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts beliebter als Schach. In der Sowjetunion stand es dem Schach nicht weit nach. Bevor der junge Kasparow sich aufmachte, Karpow zu stürzen, suchte er Rat bei einem viermaligen Dameweltmeister: Anatoli Gantwarg, der mittlerweile in Deutschland lebt.

Weil das 64-feldrige Damebrett dem Schachbrett gleicht, galt Dame lange Zeit als Ableger. In Wahrheit sei es umgekehrt, meint der Niederländer Arie van der Stoep und verweist auf dameähnliche Spiele, die in Gräbern des alten Ägyptens gefunden wurden.

Michael Römhild hält es da mit einem Zitat des deutschen Schachweltmeisters Emanuel Lasker: "Das Damespiel ist die Mutter des Schachspiels, und zwar die beste Mutter, die es gibt." Lasker hatte 1911 eine Damevariante erfunden. "Laska" war erfolgreich genug, dass in den Vereinigten Staaten ein Plagiat auf den Markt kam.

Es gibt Dutzende solcher Spielarten, Römhild spricht sogar von Hunderten. Und die jeweiligen Anhänger pochen auf die Überlegenheit ihrer Regeln. So ist der Wahlspruch des internationalen Dameverbands "Einigkeit ist die Stärke des Damespiels" mehr ein Ziel denn eine Tatsache.

Die Varianten unterscheiden sich nicht nur in der Anzahl der Felder, sondern auch darin, ob nur vor- oder auch rückwärts geschlagen wird, welche von mehreren Schlagmöglichkeiten Vorrang hat, wie beweglich Steine nach Erreichen der gegnerischen Grundreihe werden und ob der erste Zug Weiß oder Schwarz gehört.

Das strafende "Herauspusten" – also der Brauch, nach dem Übersehen einer Schlagmöglichkeit den gegnerischen Stein vom Brett zu nehmen – sei eine lokale Spezialität, sagt Römhild. "Rauspusten gibt es nur in Deutschland."

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    • Von Stefan Löffler
    • Datum 5.3.2009 - 14:56 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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