Finanzkrise Worst Case Szenario
Taugt der Finanzcrash als Stoff für einen Katastrophenfilm? Und hätte dieser Film einen Helden? Oder gar ein gutes Ende? Fest steht: Für den Zusammenbruch haben wir noch keine Erzählform gefunden
Das Team, das die Raketenwürmer aufspüren muss, hat es gleich kapiert: Was da unten im Verborgenen wühlt und plötzlich an die Oberfläche kommt, kann nichts Gutes verheißen. Es hat mit dem Drilling-Team, das sich in den auf die Erde zurasenden Asteroiden bohren muss, um in ihm einen atomaren Sprengstoff zu zünden, und dem Team, das sich zum Erdkern durcharbeitet, um die Welt vor einem elektromagnetischen Desaster zu retten, allenfalls gemeinsam, dass es sich um eine aus aller Welt zusammengewürfelte Bande von prekär Beschäftigten handelt.
Es hat sich etwas geändert in den Arbeitsverhältnissen des Katastrophenfilms. War in Airport von 1970 noch klar, dass man sich in fordistisch geprägten Arbeitsverhältnissen einer großen Organisation befindet, also Menschen zusammenarbeiten, die sich schon lange kennen und in einem Rahmen kooperieren, der sie auch weiterhin beschäftigen wird, so findet die Entlohnung des heutigen Katastrophenteams mehr auf der symbolischen Ebene statt. Die gegenwärtigen Filme erzählen eigentlich immer, dass wir die fordistischen Zeiten längst hinter uns gelassen haben. Der Charakter der Autoritätskämpfe, die ihr Held zu überstehen hat, hat sich verändert, nur noch ihrem Schwundbild wird er begegnen in Konflikten mit dem Militär oder Ewiggestrigen.
Doch auch er selbst hat sich verändert. Sicherlich war er immer schon ein Außenseiter, aber zum Nerd wurde er erst im digitalen Zeitalter. Seine smarte Unangepasstheit ist gesellschaftlich ganz anders eingebettet. Und auch seinen Katastrophenarbeitskollegen wird weniger Erfahrung denn eine hypernervöse Wachheit abverlangt, Flexibilität und dynamische Prozessorientierung, Bereitschaft zum Strategienwechsel. Dies sind die Tugenden der filmischen high reliability teams, wie sie Kathleen M. Sutcliffe, Professorin für Organisationsverhalten und Management an der University of Michigan, nennen würde. Ihren Vortrag konnte ich auf einer Management-Tagung in Berlin, die von dem Systemtheoretiker Dirk Baecker veranstaltet wurde, zusammen mit 200 Unternehmensberatern und Wissenschaftlern hören. Er trug den gleichen Titel wie ihr Buch: Managing the Unexpected – Wie Unternehmen aus Extremsituationen lernen können.
Wir stehen unter dem Diktat der Plötzlichkeit
Der wesentliche Impuls des Vortrags bestand darin, die high reliability teams, also Organisationen mit hoher Zuverlässigkeit, als Vorbild und Muster für ganz normale Unternehmen wie zum Beispiel Süßwarenhersteller oder Zulieferbetriebe der Autoindustrie hinzustellen. Diese sollten dieselbe Wachsamkeit an den Tag legen wie jene Organisationen, denn das Unerwartete managen, das müssen heute nicht nur die »Stromnetzbetreiber, atombetriebene Flugzeugträger, Kernkraftwerke, Notaufnahmen in Krankenhäusern oder Geiselbefreiungsteams«. Die Katastrophenbewältigung ist nicht mehr allein an den Ausnahmezustand gebunden, sondern ist in den unternehmerischen Alltag gerutscht, und alle, die in unserer Zeit wirtschaftlich überleben wollen, sollten das vor Augen haben. Die Zeitlichkeit der Katastrophe bestimmt den wirtschaftlichen Takt, wir stehen unter dem Diktat des plötzlich Hereinbrechenden.
Deswegen empfehle es sich, so Sutcliffe, sich mehr auf Fehler als auf unternehmerische Erfolge zu konzentrieren, Abneigung gegen vereinfachende Interpretationen sowie eine Sensibilität für betriebliche Abläufe aufzuweisen, dazu über ein Streben nach Flexibilität zu verfügen und Respekt vor fachlichem Wissen und Können zu zeigen. Ironischerweise enthält der Anforderungskatalog, den Richard Sennett in seiner Kultur des neuen Kapitalismus für den Mitarbeiter der neuen Unternehmensformen zusammenstellte, bis auf das Streben nach Flexibilität eher Gegenteiliges – keinen Respekt mehr vor fachlichem Wissen und Können, Fähigkeit der vereinfachenden Interpretation, keine zu tiefe Problemanalyse, eher ein Surfen auf den Problemoberflächen – und kann im Sinn von Sutcliffe als katastrophenproduzierend bezeichnet werden.
Aber der ideale Mitarbeiter des »MP3-Unternehmens«, wie Sennett es nennt, verfügt zudem auch weniger über Fähigkeiten als über ein Potenzial, das erst zu entwickeln ist. Es versteht sich von selbst, dass er mit jedwedem Gegenüber arbeiten können muss, und dies unter ganz beliebigen Umständen – ein Katastrophenfilmheld, der in real life sicher keine Freunde in seinem Arbeitsumfeld gewinnt, er ist auch eher ein Schreckgespenst, weil er eine permanente Überforderung darstellt. Mein erster Gesprächspartner für die Recherche zu meinem Buch wir schlafen nicht war ein New Yorker Investmentbanker von Morgan Stanley, den ich im Oktober 2001 in seinem Büro in einem höher gelegenen Stockwerk eines Büroturms in Midtown aufgesucht habe. Als ich eintrat, war gerade das Läuten der Börsenglocke zum Ende des New Yorker Börsentages zu hören, während die am Schreibtisch befindlichen Bildschirme mit unterschiedlichen Newsfeeds weiter Nachrichten und Zahlenkolonnen ins Zimmer rückten. Er war stolz, sein kleines Investment- und Nachrichtenimperium vorzuführen, er war stolz auf seine speziellen Kunden, die sich aus den ehemals oberen Zehntausend rekrutierten, superreiche Familien, mit deren Verrücktheiten wie Stammbäumen er gleichermaßen vertraut schien. Er war stolz auf seine Nummer 18, das heißt seine Rankingposition in der Firma, und sah es als selbstverständlich an, zum Förderkreis des Museum of Modern Art zu gehören.
- Datum 09.03.2009 - 11:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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Ich frage mich gerade, ob es schon irgendwo einen Graphen gibt, der die "Staatspleiten"-, "Systemcrash"- und "globale Worst-Case-Szenarien"-Meldungen visualisiert. Vor einem Jahr hätte sich kaum ein Journalist getraut, daß einer großen Tageszeitung vorzulegen, und heute kommts schon im Stundentakt.
Da kann es ja nicht mehr lange dauern ...
Eine Perle aus dem Artikel:
Dass wie derzeit in Deutschland in Wirklichkeit der Steuerzahler enteignet wird, um die Aktionäre zu befrieden, und der Standort Deutschland ein weiteres Mal auf Kosten der Allgemeinheit gerettet werden soll, wird in der hysterischen Debatte übersehen.
Das kann man gar nicht fett genug schreiben und lauthals kundtun. Der Staat wird verbanklicht und nicht umgekehrt. Es ist mir absolut unbegreiflich warum sich der Staat mit der Übernahme der Banken so schwer tut, nein, schlimmer noch, warum er die Aktionäre der privaten Geldinstitute überhaupt enteignen soll/möchte, und letztere auch noch Entschädigungen fordern und sich gegen eine Verstaatlichung wehren.
Hallo, ihr Bankbesitzer: ihr sitzt auf Billionen von Schulden! Schulden, für die ihr selbst geradestehen solltet. Geld habt ihr doch genug, beiseite geschafft in den letzten 10 Jahren.
Hallo, liebe vermögende Bankkunden: die Bank ihres Vertrauens hat Ihr Geld verzockt. Es ist nicht "vernichtet" oder "verbrannt", wie man es jeden Tag liest, sondern bei Kreditnehmern gelandet, die es nicht mehr zurückzahlen können. Hohe Rendite, hohes Risiko. Es gibt kein Grundrecht auf Rendite.
Bei 40% armer Bevölkerung mag der mediale Brainwash ausreichen, um den Pöbel stillzuhalten, aber wenn nach diesem Crash 90% enteignet sind, muss wirklich das Internet zensiert werden und die Bundeswehr im Inneren ran, um den "Frieden" zu wahren. Huch. Na sowas. Die Eliten arbeiten schon länger daran - woran das wohl liegen mag ...
Von wegen Worst Case Szenario - es läuft alles nach Plan.
Dieser Ausschnitt aus einem längeren Essay Kathrin Rögglas ist überaus unglücklich gewählt: weder wird die Eingangsfrage erläutert (warum sollten wir überhaupt Erzählformen oder Drehbücher für einen Wirtschaftscrash finden? Mir ist die Relevanz einer solchen Frage nicht klar, so wenig wie die Positionierung des Artikels im Feuilleton) noch wird sie beantwortet. Statt dessen mäandert der gedankenflüchtige Text über den Kapitalismus in alle möglichen Richtungen - man kann ihm schlicht nicht folgen. Schade, denn ein paar kluge Sätze finden sich durchaus im zusammengeschütteten Werkstatt-Material. Hier fehlt eine gedankliche Regie, so daß mein Fazit lauten muß: Theaterautorin, bleib bei Deinem Leisten! Dem Regietheater von heute und seinen Dramaturgen ist ein Text ausschlachtbares Material. Ein Essayist muß diese Formungsarbeit selber leisten.
Sie verkaufen uns tatsächlich die Enteignung der Banker noch als große
Bürde für die Eigentümer. Was die aushalten müssen, oje ojee. Dabei werden ihnen die Schulden abgekauft, nichts weiter.
Wer hat denn hier das Problem. Die ggf. Enteigneten oder wir Steuerzahler. Auf diese Enteignung können wir getrost verzichten.
Wir werden praktisch zweimal enteignet.
Erst werden wir abgezockt, indem sie alle Zockergewinne für sich behalten. Und wenn der Kettenbrief am Ende ist, dürfen wir für das beim Zocken bestehende Super-Risiko geradestehen und die Schuldentürme übernehmen.
Wir lehnen die Entgegennahme dieser Art Eigentum ab!!!
Und:
Wir bedanken uns bei unseren verehrten "Volksvertretern", die offensichtlich auf der falschen Seite standen und stehen.
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