MAIL AUS Paris
Von: gero.von.randow@zeit.de Betreff: Im Fleischparadies
Die Grüne Woche in Berlin ist Hühnerkram dagegen: Zu Hunderttausenden drängen sich Groß und Klein durch die Hallen der Pariser Landwirtschaftsausstellung, dieser jährlichen Erneuerung des Bandes zwischen dem realen Stadtmenschen und seiner landwirtschaftlichen Idealexistenz. Ein Riesenbauernhof mit Ziegen, Schafen, Hasen, Hühnern, Enten und Fischen. Der Saustall wie aus dem Bilderbuch. Wie süß die Ferkel doch sind! Und wie lecker schmeckt der Speck, der angesichts der Tierlein verkostet wird – »Wir sind verrückt nach Schwein«, so geht der Slogan. Von Rinderwahnsinn keine Spur. Familien fotografieren einander vor Zuchtbullen, Mädchen streicheln Kälbchen, und gleich daneben hängen mit Schärpen und Kokarden blau-weiß-rot dekorierte Rinderhälften, die nur darauf warten, von besternten Metzgern zerlegt zu werden. Dies ist kein Ort für Vegetarier. Das muht und meckert, brutzelt und knuspert, Kinder jauchzen, Erwachsene schmatzen, es gibt Würste und Stopfleber und allerdings auch Sympathiewerbung von McDonald’s. Ein Pflichttermin für Politiker. Insbesondere die französische Rechte braucht die Bauern mehr denn je, sind diese doch ihre letzte wirklich verlässliche Wählerbasis geblieben – obwohl die Schuldenpolitik des Staates vor allem zulasten der Regionen gehen wird. Wem fiele da nicht, Dung und Heu an seinen Schuhen, der berühmte Reim ein: »Nur die dümmsten aller Kälber wählen ihren Schlächter selber« – Bertolt Brechts Beitrag zur Zoologie der Politik.
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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