Morgens um fünf kommt der Dschungel zu Besuch. Ein Käfer, dick wie ein Hamster, klebt am Fliegengitter und zeigt seinen Bauch. Auf dem Ast vor dem Kajütenfenster wippt eine Amazone und putzt sich das Gefieder. Eine Tagua-Palme streckt ihre strubbeligen Wedel über die Reling. Vor der Scheibe läuft nun ein Matrose vorbei, feudelt die Kajüten-Markise, fegt Blätter von Bord. Hua-Hua, schallt es aus dem Dickicht. Brüllaffenschreie mischen sich mit den Surren der Klimaanlage.

Fünfzehn Stunden lang sind wir unterwegs gewesen. Von Ecuadors Hauptstadt Quito ins Provinznest Coca geflogen. Sechs Stunden mit dem Bus über Schotterpisten gerattert. Drei Stunden mit dem Kanu über Nebenflüsse geschippert. All das, um ein Stück Regenwald zu erreichen, das noch kaum ein Tourist betreten hat. In dem es keine Straßen gibt, keine Städte, keine Hotels. Nur Indianerdörfer und Nationalparks, Schlangengründe und Piranhagewässer. Drei Tage lang wollen wir auf dem Cuyabeno- und dem Aguarico-Fluss hin zum Río Napo fahren – an Bord der Jungle Discovery, eines Hotelschiffs mit zwölf Holzkajüten.

Um halb sechs bimmelt die Schiffsglocke: Unsere Reiseleiterin Franziska, eine Schweizerin, läutet zur Abfahrt. Wir steigen in moosgrüne Gummistiefel. Ein Steward reicht halbierte Papayas, verteilt Schwimmwesten und führt uns zum Backbord, wo zwei Kanus im Wasser plätschern. Hier gibt es keinen Hafen, an dem ein Hotelschiff anlegen könnte. Um in die Nationalparks am Ufer zu gelangen, müssen wir die Kanus nehmen.

Die schmalen Holzboote gleiten über den Cuyabeno, der träge dahinfließt, von winzigen Wellen gekräuselt. Urwaldriesen spiegeln sich im Braungrau des Wassers. Wir richten die Ferngläser auf das Ufer, suchen Farbtupfer im Dschungelgrün. Zwei blau-gelbe Aras sitzen in einer Baumkrone und kraulen sich die Köpfchen. Zwergfledermäuse schlummern kopfüber an einem Baumstumpf. Hoch über dem Fluss kreuzen Tukane, Krummschnabelsilhouetten vorm Himmelblau. In der Ferne blasen rosa Flussdelfine Fontänen in die Luft.

Eine halbe Stunde später legt das Kanu an. Wir sehen nur Dickicht, wirr und grün, und einen Indianer mit einer rostigen Machete. Jonas ist unser Führer für den Tag. Er trägt Jeans und T-Shirt, eine Baseballkappe überschirmt sein rundes Gesicht. Jonas lächelt in die Runde, dann schwingt er die Machete. Palmenfetzen rieseln zu Boden. Jetzt wird ein Pfad sichtbar, der längst von Blattwerk überwuchert ist.

Vor der Abfahrt hat uns Franziska die Grundlagen einer Dschungeltour erklärt: Tretet dem Urwald nicht mit nackter Haut entgegen. Zeigt weder Bein noch Dekolleté. Und vergesst nie das Mückenspray. Gut sei es, mehrere Tage dasselbe Shirt zu tragen, sagt Franziska. »Und benutzt kein Deo. Dann finden euch die Mücken nicht so attraktiv.«

So stapfen wir hinter Jonas her, ganzkörperumhüllt bei 35 Grad. Unsere Köpfe bedecken Mützen, die nicht vor der Sonne schützen sollen, sondern vor herabfallendem Kleingetier. Schlamm watscht unter unseren Sohlen. Bald ähneln sich alle Hosen: Vom Oberschenkel abwärts sind sie braungrau gesprenkelt. Wir ahnen, warum Franziska gerne in erdfarbenen Sporthosen herumläuft. Alle starren angestrengt auf den Boden, steigen über kniehohe Wurzeln, umrunden Gürteltierlöcher. Lianen, dick wie Baumstämme, winden sich in grünen Spiralen über den Weg. »Ihr müsst immer genau hinsehen«, sagt Jonas. »Vielleicht ist die Liane gar keine Liane.« Auch manche Schlange trägt hier Tarngrün.