Musikgeschichte Schamlos melodiös

Das Jüdische Museum Wien zeigt eine Ausstellung zu Leben und Werk des Komponisten Hanns Eisler – eine Desillusionierung

Hanns Eisler ist immer ein Herr geblieben. Im Stände-Ensemble des kapitalistischen Welt-Theaters gab er die klassische Rolle des bürgerlichen Künstlers, der den klassenjenseitigen Standpunkt einnehmen will.

Auch er ist gescheitert.

Genau der Staat und das System DDR, für die dieser Hanns Eisler die Nationalhymne komponierte, brachten ihn zur Strecke. Dies lehrt die Wiener Ausstellung hanns eisler, die das Jüdische Museum auf 400 Quadratmetern aufgebaut hat. Ihr Untertitel mensch und masse legt eine falsche Spur. Warum? Das Arrangement von 200 Exponaten ist bloße biografische Hommage mit hagiografischen Zügen, nicht angekränkelt vom analytischen Impetus des zitierten Begriffs, der auf die Masse-Theoretiker Ortega y Gasset oder Elias Canetti schließen ließe.

Vor 110 Jahren in eine jüdischen Philosophenfamilie hineingeboren, schrieb Eisler schon mit elf eigene Musik. »Ausgetreten aus dem Judentum« zeigt das Zeugnis des k. k. Staats-Gymnasiums Wien 1915, aber: »Turnen gut«. Reserveoffizier. Parallel zum Musikstudium leitet er Arbeiterchöre, auch seine Geschwister sind aktiv in der kommunistischen Bewegung. Sein Kompositionslehrer Arnold Schönberg, die verehrte Vaterfigur, möchte den Hochbegabten darob schlicht nur übers zwölftönende Knie legen. Seit Ende der zwanziger Jahre Zusammenarbeit mit Brecht und Piscator. 1932 Exil in Amerika. Dort Oscar-nominierte Filmkompositionen. Nach Ausweisung aus den USA Entscheidung für die DDR. Weil Wien dem linken Juden einen Wirkungskreis versagt. Berlin: Dort bezieht er Villa, Lehrstuhl, Staatsaufträge, zweimal den Nationalpreis 1. Klasse. In schlauer Mentalreserve hält er sich genau dieselbe Exit-Tür offen wie Freund Brecht: den Österreich-Pass. Wohlsituiert in der kulturellen Führungselite, bleibt der notorische Nicht-PG trotz Stalinterror, Mauerbau, Partei-Maßregelung, Zensur-Erlebnis in eigener Sache immer der windelweiche SED-konforme Staatskünstler. 1960 bricht er ausgerechnet in Wien mit Herzinfarkt zusammen. Tod 1962. Staatsakt, Grabrede des Kulturapparatschiks Abusch, Eislers größtem Widersacher.

In Wien wird der Musiker nun präsentiert in einem aufgegagten musealen Design-Archiv mit der Ausstrahlung eines Mausoleums. Mattschwarze Schrankwände transportieren das Ambiente eines verstaubten Ablage-Kellers. Knallrote Bänder gängeln ohne Richtungsanzeiger durch die Regal-Schluchten der Materialfülle. Strahlergrell geblendet die Augen der Besucher, neonhell ausgeleuchtet die Partituren, Fotografien, Akten, Briefe. Immer verstellen zitatgespickte Pappkameraden den Weg, behindern Schauen und Studieren, für das man ächzend in die Knie zu gehen hat. Um, beispielsweise, eine Trouvaille wie das schwer lesbar gehängte Stasi-Protokoll über den besoffenen Musiker zu entziffern. Oder um ein echtes Fundstück wie die vielhundertseitige FBI-Überwachungsakte im Leitz-Ordner aus dem Bodenfach zu wuchten und zu wälzen. Über Kopfhörer dazu: das angstflache Stimmchen des wortgewaltigen Weltverbesserers Bertolt des Großen. Brecht, in Anzug und Krawatte, mit augsburgerischem Englisch, der vor dem »Komitee für unamerikanische Aktivitäten« sein blütenweißes Herrenhemd retten will und deswegen von den antikommunistischen Verhörern für sein Kollaborieren belobigt wird. Antikapitalistisch dröhnen gleich nebenan die unvergessbaren Gassenhauer Vorwärts und nicht vergessen, die Solidarität und der Einheitsfront- Ohrwurm Eislers: Meisterwerke operativer Musik, tönende Agitprop-Klassiker, Meilensteine seines Rufes – kommunistische Korrektheit »schamlos melodiös«. Und daneben stets seine höchst artifizielle Atonalität, wie die 14 Arten, den Regen zu beschreiben .

Mensch und Macht, der ganze Eisler soll es sein! So enthüllt die Ausstellung gänzlich unfreiwillig seinen Machismo-Leninismo, wenn’s um Frau und Vaterschaft geht. Sehnsuchtsvoll wartet der auch seelisch verhungerte Sohn 1946 vergeblich auf den väterlichen Geburtstagswunsch, bittet um Carepaket und Geld. Die Gattin, mittellos 1970 verstorben, hat der Komponist mit Kind samt seiner pflegebedürftigen Mutter in Wien sitzen lassen, um im Roaring-Twenties-Berlin Karriere zu machen und sich eine Geliebte anzulachen, Gutmann, Hedwig, genannt »Hedi« oder »Frau Eisler«, die der Stalinismus später nach Sibirien verschleppte; nach 18 Gulag-Jahren zurück, wurde ihr eine Plattenbau-Kleinwohnung zugewiesen – im Gegenzug für einen »Verschwiegenheitseid« aus »Gründen der Staatssicherheit«. Alles unter Eislers Augen. Auch gab es noch eine zweite und auch noch eine dritte Ehefrau. Ganz Stoff also für ein Sittenbild antibürgerlicher Männerwirtschaft.

Mensch und Macho, Mensch und Macht: Allseitige Desillusionierung ist zweifelsfrei eine Erkenntnis aus dieser Exposition. Camouflage dagegen betreibt ihre Fixierung auf die DDR. Skandalös dabei und geschichtsfälschend ist das Verschweigen der Rezeption Eislers im sogenannten »West-Deutschland«. Seine Musik sei »noch 20 Jahre nach der Gründung der DDR« in der BRD »aus politischen Gründen unerwünscht« geblieben. Mehr nicht? Was ist mit den Eisler-Büchern aus dem Rogner-&-Bernhard-Verlag, dem Eisler-Film von Peter Hamm, den politischen, publizistischen, musikalischen Eisler-Aktivitäten von Wolfgang Hamm? Schon mal von Heiner Goebbels’ Eisler-Hommage gehört? Vom Schallplatten-Album bei Wergo? Kaum eine Universitätsstadt der sechziger, siebziger Jahre ohne Eisler-Chor. Eisler-Schwerpunkte in Zeitschriften. Und so weiter.

Ist das absichtsvolle Desinformation? Die nicht einmal zurückscheut vor dem Verschweigen einer Welturaufführung, der von Eislers Opernfragment Johann Faustus (1951) – nein, nicht in der Deutschen Demokratischen Republik. 15 Jahre vor ihrem Kollaps wurde ausgerechnet im kleinen Theater des schwäbischen Tübingen Hanns Eislers Herz-Stück aus der Taufe gehoben. Keine einzige Note mehr schrieb er zu seinen Worten – die Kulturapparatschiks seiner politischen Heimat hatten ihm mit der Parteiästhetik ihrer »Faustus-Debatte« das Genick gebrochen.

Die Ausstellung läuft bis 12. Juli. Weitere Informationen gibt es hier

 
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