FINANZEN Teuer versichert

AIG wird um jeden Preis gerettet. Die Angst vor dem Bankrott ist zu groß

Jede Minute verlor AIG 466000 Dollar. Am Ende war es ein Verlust von 61,7 Milliarden Dollar in nur drei Monaten, so viel wie bei keinem Unternehmen je zuvor. Das brachte den US-Versicherer an den Rand des Kollapses – wieder einmal. Und wieder einmal griff die US-Regierung ein. Weitere 30 Milliarden Dollar erhält das marode Unternehmen vom Steuerzahler. Der staatliche Mehrheitseigner verzichtet auf Dividenden und senkt die Zinsen für den Notkredit noch einmal. Es ist das dritte Mal, dass die Regierung hilft – und wohl nicht das letzte Mal. AIG-Vorstandschef Edward Liddy hat bereits erklärt, angesichts der Turbulenzen am Kapitalmarkt könne er nicht ausschließen, dass ein weiterer Nachschlag notwendig werde.

Warum lässt der Staat den leckgeschlagenen Versicherungskonzern nicht einfach untergehen? Das fragen sich Bürger, Politiker und Finanzexperten. Doch die Verantwortlichen trauen sich nicht. Weil sie eine andere Frage nicht beantworten können. Es geht um »systemic risk« – das ist der Begriff, mit dem die Gefahr beschrieben wird, dass ein Ereignis eine Kettenreaktion auslösen könnte, die das gesamte Finanzsystem mit sich reißt. Einen Vorgeschmack bot Lehman Brothers. Nachdem der US-Finanzminister und die Notenbank eine Rettung verweigerten, rauschte die Investmentbank in die Pleite. Die Schockwellen brachten die Märkte an den Rand des Abgrunds. Verglichen mit einer AIG-Pleite, könnten die Folgen im Fall Lehman wie ein Muskelkater wirken.

Ein Bankrott droht nicht nur weitere Milliardenverluste für die Banken weltweit auszulösen, sondern auch für andere Versicherungen teuer zu werden. Laut New York Times hält AIG zahllose Risikolebensversicherungen. Ihr Nominalwert, im theoretischen Fall, dass alle gleichzeitig fällig würden: unglaubliche 19 Billionen Dollar. Die tatsächlich auszahlbare Summe liegt zwar weit darunter, dennoch: Wollten die Kunden bei einem Konkurs in Panik ihre Policen kassieren, würde das die Sicherungsfonds der Branche sprengen und durch Nachschusspflichten andere Versicherer aushöhlen. So argumentiert AIG in einem Geheimpapier, das laut New York Times das Management dem Finanzministerium zukommen ließ. Der Fall zeigt die Probleme der Regierungen, Entscheidungen über Verstaatlichung zu treffen – wie im Fall der Hypo Real Estate. Niemand will hinterher feststellen, dass systemic risk verheerend mehr war als ein Modewort von Finanzinsidern. Heike Buchter

 
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