Kino Schöne Diskretion

Gleise, Weichen, Übergangszustände: In ihrem Film "35 Rum" begibt sich Claire Denis in die Welt der Pariser Antillenfranzosen

Manchmal ist es angenehm, wenn ein Film zunächst einmal ganz Atmosphäre ist. In 35 Rum von Claire Denis entsteht diese Atmosphäre aus Bildern eines Pariser Vorortzuges, den Aufnahmen der Gleise, dem gleichmäßigen Rattern und dem sanften Groove der Band Tindersticks. Ein fließender Kamera- und Montagerhythmus führt behutsam Figuren zusammen, von denen wir noch nichts wissen und auch nicht sehr viel erfahren werden: einen S-Bahnführer von den Antillen, seine studierende Tochter, mit der er zusammenwohnt, eine Taxifahrerin und einen jungen Mann, die Nachbarn der beiden.

Claire Denis’ Kino ist ein Kino der schönen Diskretion. Die französische Regisseurin kommt ihren Figuren nahe und lässt ihnen doch in den entscheidenden Momenten ihr Geheimnis. Wenige Blicke und Berührungen und ein Lächeln genügen ihr, um in 35 Rum die Verbundenheit von Vater und Tochter zu erzählen. Die Begrüßung nach der Arbeit, das gemeinsame Abendessen, alltägliche Gesten verbinden sich zu einer Choreografie der Zweisamkeit. Die Vertrautheit der beiden scheint eine Art Schutzraum gegen alles, was von außen kommt. Auch gegen die Nachbarin, mit der man früher offenbar eine engere Verbindung hatte. Oder gegen den jungen Mann, der im Treppenhaus sehnsüchtig auf die geschlossene Wohnungstür schaut.

Man begleitet diese vier ein Stück ihres Weges, taucht ein in ihre Alltagsrhythmen. Verbindungen zu weiteren Figuren scheinen auf, alles ist offen, nichts festgelegt. Schon die vielen Aufnahmen von Gleisen, Weichen und Stellwerken deuten an, dass es in Claire Denis’ Film ums Unterwegssein im eigenen Leben geht, um Übergangs- und Zwischenzustände. Nebenbei erkundet 35 Rum die kleine geschlossene und ausgeschlossene Gemeinschaft der Antillenfranzosen unter den Pariser S-Bahnfahrern. Auch diese Welt setzt sich aus Momentaufnahmen zusammen – des gemeinsamen Arbeitens, Feierns, Nachhausefahrens. Mit Musik und Geschenken von den Antillen versichert man sich der gemeinsamen Herkunft.

Schon in früheren Filmen rückte Claire Denis die sogenannte Peripherie ins Zentrum. In J’ai pas sommeil ( Ich kann nicht schlafen, 1994) geht es um zwei Brüder aus Guadeloupe und eine junge Frau aus Litauen und deren Versuche, in Paris Fuß zu fassen. Nénette et Boni (1996) folgt einem Geschwisterpaar ins Migranten- und Arbeitermilieu von Marseille. Beau Travail (1999) ist eine Exkursion in die merkwürdige Männergemeinschaft der französischen Fremdenlegion in der afrikanischen Wüste.

Die Stärke dieser Filme liegt in einer Inszenierung von Intimität und Privatheit, in der das Politische ganz beiläufig aufgeht. Auch in 35 Rum gibt es eine ungewohnte Körperlichkeit der Körper, entsteht eine physische Textur aus Nahaufnahmen von Hautflächen, Händen, Nacken, Rücken. Auf ganz buchstäbliche Weise kommt man den Figuren so nahe, dass man sich zunächst gar nicht fragt, weshalb die Antillenfranzosen nicht mit ihren weißen Kollegen zusammen feiern oder weshalb sie nach der Arbeit ganz selbstverständlich in die Vororte fahren.

Man muss sich diesen Film anschauen, um wieder einmal zu sehen, wie viel das Kino sagen kann, ohne dass es alles aussprechen muss.

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Hören Sie die Rezension zu "35 Rum" von Katja Nicodemus - Eine Kooperation mit dem NDR.
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