Das Letzte
In unserer Serie Aussterbende Arten möchten wir heute ein gutes Wort für die Trendforscher einlegen. Vor dem Beginn der Wirtschaftskrise waren Trendforscher einmal sehr beliebt, kein Friseur-Innungs-Treffen wollte auf sie verzichten. Heute gibt es den Trend, sich über Trendforscher lustig zu machen, weil sie auf der Glatze Locken drehen. Wer ist überhaupt ein Trendforscher? Nehmen wir ein Beispiel. Ein Trendforscher ist ein Mensch, der beim Edel-Italiener einem Nasskämmer begegnet und dann in der Zeitung schreibt, Nasskämmerei sei der neue Trend. Daraufhin machen sich viele Trockenkämmer nass und loben den Trendforscher dafür, er habe einem Trend den Scheitel gezogen, noch bevor diesem so recht die Haare gewachsen waren. An dieser Stelle denken wir gern an den Trendforscher Matthias Horx. Wie die Leser von Welt und Focus wissen, leitet er ein Zukunftsinstitut im schönen Kelkheim, einer weltberühmten Autobahnabfahrt bei Frankfurt. Schauen wir doch einmal im Archiv nach, welchen Megatrend Professor Horx uns noch vor wenigen Jahren verkündet hat. In Amerika, lesen wir, würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) weiterhin kräftig wachsen, also grüner Pfeil steil nach oben. Bis zum Jahr 2010 soll es in den USA 20 bis 30 Millionen neue Millionäre geben, die toll viel Geld spenden. Hier stoßen wir auf das bekannte Horx-Paradox. Es lautet: Je ungerechter die Verhältnisse, desto gerechter sind sie. Je mehr Millionäre wir zulassen, desto weniger Menschen müssen hungern, bis sich »im Jahr 2030« (Horx) die Anzahl der Hungernden halbiert haben wird. Vorhergesagt hat Professor Horx auch den Trend zum Absterben der Rezession: »Die Wellentäler zwischen den Konjunkturen schwächen sich ab.« Hat sich der Trendforscher geirrt? Hat er nicht. Was viele nicht wissen: Als die Rezession aus dem Munde von Professor Horx von ihrem baldigen Ableben erfuhr, bekam sie es mit der Angst zu tun, denn wer stirbt schon gern? Deshalb hat die Rezession vor ihrem Exitus noch rasch die Wall Street in Trümmer gelegt und gezeigt, was für ein Pfundskerl sie ist. Am langfristigen Trend ändert das nichts, denn mit dem Weltuntergang verschwindet naturgemäß auch die Rezession. Unsere kosmischen Mitbewerber, die anderen Planeten, werden die Reste von Mutter Erde zu Sterntalern verarbeiten, wodurch bei den Kassiererinnen in der Milchstraße viele neue Jobs entstehen. Bei jungen, positiv eingestellten Asteroiden kommt es zum Konsumdauerboom. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. FINIS
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren