Drama Poesie, Politik, Präzision!

In über zwanzig Sprachen unerträglich: Das neue Drama des Dichters Albert Ostermaier in Mannheim

Die Homepage des Dichters ist todschick: In graublauen Standbildern lässt Albert Ostermaier einen Bankraub vor unseren Augen ablaufen, Szenen aus einem Film noir mit Gangstern, die im Trenchcoat stecken, den Kragen hochschlagen und mit verwegener Eleganz ans Werk gehen. Und nur einen Klick weiter – die Edelräuber holen gerade die Scheine aus dem Safe – lässt uns Ostermaier an seiner eigenen Überlegenheit teilhaben. Er sei einer der erfolgreichsten deutschen Lyriker und Dramatiker, seine Gedichte und Stücke seien in über zwanzig Sprachen übersetzt, er gehöre zu den meistgespielten Autoren der Gegenwart – so die Selbstauskunft im Netz, die auch Auskunft darüber gibt, was dieser Superlativkünstler ohne Zweifel gut kann. Er kann sich gut verkaufen.

Diese Gabe teilt Albert Ostermaier mit René. René: Das ist der traurige, aber auch schon tote Held in dem neuesten Stück des Münchner Autors, dessen Titel so wuchtig daherkommt wie ein Schlag in die mit Schweinshaxen gefüllte Magengrube. Fratzen. Ein Requiem heißt der oberbayerische Bilderbogen, den der Dramatiker mit groben Strichen ausmalt – und die Totenmesse inklusive Begräbnis und Leichenschmaus wird nun eben für René gehalten, der früher Rainer hieß. René, Rainer: Kündigt sich da ein Doppelleben à la Haider an? Hat sich da jemand, als er aus der katholischen Provinz in die Stadt zog, um Politiker zu werden, mit dem umfrisierten Namen ein neues Image zugelegt?

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Ostermaier, Jahrgang 67, macht den Leichenschmaus zur Stunde der Wahrheit: Um sich von dem (vermutlich vorsätzlich) gegen einen Baum gerasten René zu verabschieden, reisen seine Parteifreunde zur Beerdigung an. Sie hocken in der Kammer der Mutter und schnapseln und grapschen und entlarven sich, indem sie: eine Larve aufsetzen! Ihr Sohn habe sich das so gewünscht, sagt Mama – und weil wir aus den eingeschobenen Monologen des Toten wissen, dass auch er ein schlimmer Finger war, ahnen wir, dass das Spiel mit den Gesichtsmasken der Commedia dell’Arte keine komische Veranstaltung werden wird. Ostermaier nutzt die bizarre Verwandlung zur Abrechnung mit den Karrierepolitikern. Erst die Entstellung, so sein Credo, bringe die unentstellte Wahrheit ans Licht, ein alter Theatertrick, dem nun allerdings der Theatertrickser selbst zum Opfer fällt: Fratzen ist auch eine traurige Stunde der Wahrheit für Albert Ostermaier, der sich in seinem »Requiem« als ungelenker Stückebastler entpuppt.

Was ihn bisher zu einem der »meistgespielten Autoren der Gegenwart« gemacht hat, waren expressionistisch hochgespannte, oft monologisch angelegte Theatertexte. Auf diesen Sprachflächen surfte er geschmeidig über die Literaturgeschichte hinweg. Jetzt aber stolpert er über ein Gelände, auf dem Trümmer liegen. Ostermaier wollte das kritische Volkstheater auf die schrille Politfarce hetzen, gespenstische Waldhexen auf gespenstische Parteifunktionäre – eine mit bösem Ingrimm geplante Hatz, die er freilich beizeiten hätte abblasen sollen. »Fratzen« ist ein missratener Bankert aus Horváth und Fo und lässt alles vermissen, was Ostermaier von sich selbst verlangt: »Poesie, Politik, Präzision.«

Die Drei-P-Forderung stellt der Autor in einem rührend naiven Interview, das er fürs Programmheft der Mannheimer Uraufführung gegeben hat. Regie führt dort Burkhard C. Kosminski. Und er tut es zwischen Bauernstube mit Herrgottswinkel und Bretterwald mit Rindenmulch so verzagt halb realistisch, so mutlos halb stilisiert, als habe er von Anfang an vor der Trivialtragödie kapituliert. Zugegeben, er setzt ein paar Striche, um die Ostermaiersche Klischeedichte zu verringern, aber noch immer müssen sich die holzgeschnitzten Figuren, Gefühlskrüppel allesamt, in epischer Breite selbst erklären und verraten. Und was das oft frontal angesprochene Publikum dann hört, sind verstiegene Pathos- und Lyriksätze, die additiv alles zur Sprache bringen, was Leitartiklern und Stammtischlern so durchs Hirn schießt. Stammzellforschung, Gerätemedizin, Abtreibung, Kindesmissbrauch, Alkoholimus, Hartz IV, Bestechung – Ostermaier lässt auf seiner Agenda 2009 nichts aus außer: Präzision, Poesie und Politik.

Ja, auch die Politik. Zwar bläut uns der Dramatiker mit jeder Szene ein, dass die Provinzler und die Städter, das Volk und seine Vertreter von Grund auf verdorben sind, aber diese Generalanklage geht unter in einem Meer der Kolportage. Politisches Theater, das auf der Höhe der Zeit ist, packt konkreter zu. Auf Ostermaiers Fratzen aber liegt der diffuse Welt-ist-schlecht-Staub von vorgestern.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Albert Ostermaier | Hartz IV | Literatur | Drama | Mannheim
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