Früher war noch was los mit dem akademischen Nachwuchs: nächtelange Debatten über demokratische Ideale, Tage, gefüllt mit Antikriegsdemos und Kernkraftwerkblockaden. Hört sich nach Klischee an? Stimmt. Und genauso ist es ein Klischee, dass die gegenwärtige Studentengeneration unpolitisch ist, desinteressiert an gesellschaftlichen Fragen und nur noch auf ihr eigenes Wohl bedacht. So verkünden es gerade wieder die Schlagzeilen, seit Konstanzer Hochschulforscher die neuesten Ergebnisse ihres »Studierendensurvey« vorgestellt haben: Nur noch 37 Prozent der Studenten von heute interessieren sich für Politik. 1983 waren es noch 54 Prozent.

Und all die Studenten von gestern schütteln besorgt den Kopf. Doch die Wirklichkeit ist, wie so häufig, komplexer als ihre Kurzfassung. Es stimmt schon: Heutige Studenten finden das Engagement in Parteien langweilig, bejahen den Wettbewerb und haben eine enorme Leistungsbereitschaft. Wahr ist aber auch, dass sich der Konstanzer Studie zufolge die Mehrheit immer noch dem linken Lager zuordnet. Studenten interessieren sich sehr wohl für die Zustände um sie herum, und sie engagieren sich für die Gemeinschaft, aber eben nur auf Zeit, in Projekten und Praktika.

Der vermeintliche Widerspruch zwischen Weltverbesserung und Politikferne ist erklärbar: Wer in einer globalisierten Welt aufgewachsen ist, weiß, dass es keine verlässlichen Karrieremuster mehr gibt. Jugendlichen wird von Anfang an eingetrichtert, ihre beste Versicherung sei ein hoher Bildungsabschluss. Sie wollen zwar etwas ändern, fühlen sich zugleich jedoch machtlos und haben Angst vor dem sozialen Abstieg. Deshalb vertrauen Studenten nicht mehr den Versprechungen politischer Parteien, sondern suchen ihr Heil in der Arbeit und im privaten Glück. Und wer sich engagiert, will möglichst rasch Ergebnisse sehen. Man kann das als verlorenen Idealismus bezeichnen – oder als einen ausgeprägten Sinn für die Realität. Jan-Martin Wiarda