60 Sekunden für heiße Luft
Heiße Luft trocknet Haare, lässt Ballons emporsteigen und ermöglicht politischen Redenschreibern allerlei rhetorische Kniffe. Zu den Kunstgriffen der Heißluft-Rhetorik gehört auch, Tatsachen zu verdrehen und Verantwortlichkeiten so lange zu delegieren, bis sich niemand mehr angegriffen fühlt. Dieser meist als »konsensfähig« bezeichnete Zustand macht die Lösung von Problemen in aller Regel völlig unmöglich. Zum Beispiel beim Klimawandel. Jeder weiß, wie schädlich alte Ölheizungen und neue Porsche Cayenne für das Weltklima sind. Weil aber eine warme Bude und Tempo 200 zu den unveräußerlichen Menschenrechten gehören, wurde der Verdacht bald auf die Rinder gelenkt, welche gelegentlich warme Lüftchen aus ihrem Gedärm entweichen lassen und seitdem als Hauptverantwortliche für den Treibhauseffekt gelten. Sie säten den Wind (gewissermaßen) und ernteten den Sturm der Entrüstung.
Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass auch die Abwinde von Insekten das Klima schädigen. Die kleinen, aber durchaus zahlreichen Biester unterscheidet von den Rindern, dass man sie weder leiden kann noch essen mag. Und so wird es in Deutschland wohl bald konsensfähig werden, sie für den Klimawandel verantwortlich zu machen. Diese ekligen Brummer, deren Überreste nach einer schnellen Autofahrt zu Tausenden auf der Windschutzscheibe kleben. Und so werden sich Reisende in ihre mit Abwrackprämien finanzierten Neuwagen setzen, im guten Glauben, damit die Konjunktur anzukurbeln und nebenbei wieder ein paar dieser fiesen und gefährlichen Klimakiller aus der Welt zu schaffen. Hasta la vista, babies! Marcus Rohwetter
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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