Indien Nach uns die Ebbe
In der indischen Wüste Thar prallen Gegensätze aufeinander. Die Luxushotels lassen künstliche Wasserfälle rauschen. Vor den Toren ist jeder Tropfen kostbar

© Olaf Krüger
Das Mool Sagar war der Palast des Maharadschas von Jaisalmer
Es könnten die Hände einer Tempeltänzerin sein. Sie sind lang und schmal und bewegen sich gravitätisch. Doch plötzlich schnellt die rechte vor und packt zu. Erschrocken sieht man hin. Am Nebentisch des Luxushotels in der Wüste von Rajasthan sitzt eine indische Mutter beim Abendessen. Sie klemmt das Kinn ihres Sohns in einen Schraubstock aus Daumen und Zeigefinger. Mit der anderen Hand gießt sie aus einer Flasche einen Strahl Wasser in seinen Mund. Die Augen des Neunjährigen blicken feierlich, der kleine Kehlkopf hüpft tapfer auf und nieder. Einmal ruckt der Junge ein wenig, und Tropfen perlen über seine Wangen. Sofort stellt seine Mutter die Flasche zurück und fixiert ihn mit theatralischer Strenge. Dann schaut sie mit sanften Rehaugen herüber und erklärt den Sinn des Rituals. Ihr Sohn soll die Achtung vor dem Wasser lernen. »Denn Wasser, das müssen Sie verstehen, ist hier für niemanden eine Selbstverständlichkeit.«
Das ahnte man schon während der Anreise ins Oasenhotel Mool Sagar. Der einstige Sommersitz des Maharadschas von Jaisalmer liegt kurz vor der pakistanischen Grenze inmitten der Wüste Thar. Aschgraues Dornengestrüpp dörrt im Sonnenglast, Geröllfelder verlieren sich am Horizont, vereinzelt ragen Sanddünen empor. Das alles ist so trocken, dass man schon beim Anblick husten muss. Doch für eine Wüste birst die Thar geradezu vor Leben. Man sieht Kühe, Ziegen und Pfauen herumstromern. Männer reiten auf Kamelen, und Frauen in phosphoreszierenden Saris schreiten scheinbar ziel- und zeitlos ins flimmernde Nichts. Insgesamt trotzen vier Millionen Menschen der Ödnis ihr Leben ab. Die Thar ist so groß wie Rumänien und gilt als die am dichtesten besiedelte Wüste der Erde.
Die späte Ankunft in Mool Sagar ist wie der Beginn eines wunderlichen Films. Ein Nachtwächter mit eisgrauem Nietzsche-Schnauzer, Militärmantel und Barett reißt die Wagentür auf und salutiert. Nachdem er das Tor zur Oase geöffnet hat, begreift man, dass er auch ein Schleusenwärter ist. Er trennt das Karge vom Üppigen. Hinter ihm regiert nicht mehr der Staub, sondern lebenstrunkener Schöpfergeist. Überall quellen Blumen über akkurat abgezirkelte Beete, und Orchideen präsentieren sich im Strahlerlicht wie Karnevalsköniginnen. Unwillkürlich bleibt man stehen und staunt sich satt. Vor allem die elfenhaft entrückte Sandsteinarchitektur aus dem späten 18. Jahrhundert macht sprachlos. Jeder Pavillon, jede Brüstung und jeder Tempel des Ensembles wurden so lange gefeilt, durchbrochen und geschliffen, bis spinnwebenfeine Muster übrig blieben. Die Bauten wirken wie ein Geisterwerk, das beim leisesten Hauch davonfliegen will.
Beim Dinner kommen sie einem beinahe unheimlich vor. Dann sitzt man hier ziemlich allein. Die Terrorattacken von Mumbai im November haben dem Tourismus geschadet. Außer der indischen Familie sind gerade nur zwei Engländerinnen im Restaurant. Ranu scheint das in einen Fürsorge-Rausch zu versetzen. Die Pluderhose des kleinen Kellners weht und wallt, und seine spitzen Pantoffeln klatschen so eilfertig beim Gehen, dass man meint, sie riefen unentwegt: »Ich komme schon, ich komme schon.« Ranu schiebt Stühle unter, drapiert Servietten auf dem Schoß, erspürt jedes Bedürfnis. Auf einmal aber hält er inne und macht ein wachsames Gesicht. In diesem Moment setzt ein gewaltiges Rauschen ein. Ein Gewitter, denkt man, ein Gewitter in der Wüste! Doch das ist es nicht. Es ist ein Wasserfall, der sich plötzlich über eine Mauer ergießt und den man indischer kaum inszenieren könnte. In die Wand sind kleine Nischen gemeißelt, in denen Dutzende von Kerzen flackern. Durch sie schillert die glasig geblähte Kaskade rot, orange und blau wie ein exotischer Käferflügel. Früher habe der Herrscher von Jaisalmer das Wasser sogar parfümieren lassen, erzählt Ranu. Er strahlt.
Am Boden des Brunnens funkelt es wie aus einer Sakristei
In der Nacht regiert unter dem Sternengeblitz von Mool Sagar eine Kälte, die direkt aus dem All herabzusinken scheint. Der Gast ruht nicht hinter Mauern, sondern in einem von 18 luxuriösen Zelten. Tags darauf erwacht er unter den blau und cremefarben gestreiften Stoffgiebeln wie ein Gauklerkönig. Dann erscheint Ranu in seiner Märchenkluft mit Kaffee, und der Kopf ist frisch von der sauerstoffsatten Wüstenluft. Wer im schüchternen Silberrosa der Morgendämmerung aus dem Fenster blickt, sieht die Angestellten vor einem der Tempel beten.
Und doch glaubt man das Allerheiligste von Mool Sagar in etwas anderem zu erkennen. Es ist der Stufenbrunnen neben dem Swimmingpool. Schritt für Schritt führt er hinunter in eine kühle Finsternis. Öllampen längs der Mauern verbreiten einen funzeligen Glanz, und ganz unten ruht schwarz funkelnd das Grundwasserbecken wie eine Sakristei. Es gibt dort ein kleines Podest, auf das sich der Maharadscha von Jaisalmer zum Tee flüchtete, wenn in der Sommerhitze die Temperaturen auf 50 Grad stiegen. Aus dem Stufenbrunnen holte man vor 200 Jahren das Wasser und ließ es über Kanäle durch das Anwesen laufen. Heute besorgt das eine elektrische Pumpe neben dem Resort. »Es ist das beste Süßwasser der ganzen Gegend«, sagt Ranu und legt Daumen und Zeigefinger zusammen wie ein Sommelier, der gerade einen Wein empfiehlt.
- Datum 10.03.2009 - 09:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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