Cebit »Schlaglöcher zu füllen, reicht nicht«

Deutschlands Zukunft liegt nicht im Straßenbau, sondern in der Informationstechnik, sagt IBM-Landeschef Martin Jetter. Jetzt will auch er mehr Geld vom Staat

Kein Staatsgeld im Koffer: Messebesucher am IBM-Stand auf der Cebit

Kein Staatsgeld im Koffer: Messebesucher am IBM-Stand auf der Cebit

DIE ZEIT: Herr Jetter, haben Sie schon mal ausgerechnet, wie viel Geld ihr Unternehmen an den Konjunkturpaketen des Bundes verdient?

Martin Jetter: Ich glaube nicht, dass es um Verdienen geht. Ich glaube aber, dass die IT-Branche insgesamt zu gering berücksichtigt wird. Beide Konjunkturpakete zusammen umfassen mehr als 80 Milliarden Euro, doch in die Informationstechnologie – also in Zukunftsinvestitionen! – fließt davon weniger als ein Prozent, nämlich 500 Millionen Euro. Es gibt ein gewisses Ungleichgewicht zulasten der Informationstechnik, und es lohnt sich sicher, das noch mal zu überdenken.

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ZEIT: Wie viel hätten Sie denn gern?

Jetter: Darum geht es nicht, sondern um die Frage, was der Wirtschaft und dem Standort am meisten hilft. Meiner Meinung nach sollte das Paket für die Informations- und Telekommunikationsindustrie zwischen eineinhalb und zwei Milliarden Euro groß sein.

ZEIT: Wie kommen Sie auf diese Summe?

Jetter: Der Modernisierungsbedarf ist bei praktisch allen großen Themen enorm. Denken Sie an Verkehr, Energieversorgung, Logistik und nicht zuletzt die Bildung. Wenn Sie den IT-Anteil in den entsprechenden Investitionen auf international wettbewerbsfähiges Niveau bringen, erscheint eine Vervierfachung angebracht. Damit würden wir auch wesentliche Impulse zur Modernisierung der Wirtschaft geben.

ZEIT: Wünschen können Sie sich viel. Aber die Kanzlerin sieht das offenbar anders.

Jetter: Die Bundeskanzlerin hat die Wirtschaft ja bereits eingeladen, wobei die Vertreter von Telekommunikations- und IT-Unternehmen vielleicht unterrepräsentiert waren. Wir gehören einer Querschnittsbranche an, die überall an Bedeutung gewinnt. Nehmen wir den Automobilbau – bei der Produktion von Fahrzeugen ist die Wertschöpfung aus der Informationstechnik inzwischen größer als aus der Verarbeitung von Metall. Nichts funktioniert mehr ohne IT, der Maschinenbau, die Verwaltung, die Kommunikation. Wir können Ineffizienzen abbauen.

ZEIT: Wo denn?

Jetter: Wir haben zum Beispiel das drittteuerste Gesundheitssystem der Welt, aber nicht das drittbeste. Moderne IT kann die Versorgungsqualität für die Gesellschaft spürbar verbessern.

Leser-Kommentare
  1. ... jedenfalls besser, d.h. zukunftssicherer und gesellschaftsfördernder angelegt als in einer zunehmend am Markt vorbeiproduzierenden Branche aus dem vorletzten Jahrhundert, die ihre Lernunfähigkeit auch angesichts ihres eigenen, selbstverschuldeten Untergangs täglich aufs neue unter Beweis stellt.

    • TDU
    • 05.03.2009 um 12:11 Uhr

    Denn Mobilität im Datenverkehr ist genauso wichtig wie im Transportwesen von Gütern und Menschen, was den Individualverkehr mit einschließt.

    Zu befürchten ist jedoch, dass statt Anschubfinanzierung wieder der Versorgungssubvention der Boden bereitet wird. Ausserdem ist zu befürchten, dass neue Möglichkeiten in erster Linie zu Einsparmaßnahmen führen, statt auf Flexibilität insbesondere von Staatsaufgaben die dem Bürger zu Gute kommen, zu setzen.

    Insbesondere im Hartz IV und im Gesundheitsbereich wäre eine Menge möglich, wenn es einen einfach zu bedienenden und sicheren Datenverkehr gäbe.

    Aber es wird nach wie vor auf die Gieskanne und Massenhaftigkeit gesetzt, wie z. B. die Konzeption der Gesundheitskarte zeigt. Was der Bürger davon hat, ist so gut wie nie Thema. Staaten und Verbände könnten ja an Einfluss verlieren. Dieser muss eben so kostengünstig wie möglich gewahrt bleiben.

    • WolfBu
    • 05.03.2009 um 13:21 Uhr

    Eine so schamlose Lobbyjammerei habe ich selten gelesen. Festnageln läßt sich der Herr Jetter natürlich nie, aber auf populistische Weise Weltuntergangsszenarien zu produzieren um sich dann als Retter zu präsentieren, das nennt man Populismus. Das Ganze um dann auch noch abzusahnen ist mir doch zu simpel. Klar, überwachen wir doch x-tausend Brücken mit Kameras. Das dahinter genauso Menschen sitzen müssen wie im Hubschrauber, vielleicht sogar viel mehr, spielt keine Rolle. Aber eins wird sicher sein: Wer die Kameras und ihre Software verkauft. Nämlich er selber. Warum gibt es übrigens eigentlich noch Fernschreiber bei der Bundeswehr? Weil sie nicht abstürzen!

  2. 4. Stimmt

    Deutschland liegt in der Tat im IT-Bereich einige Jahre zurueck soweit ich das im Vergleich mit Grossbritannien einschaetzen kann:
    - Wireless Internetzugang in Zuegen ist in GB seit mehreren Jahren Standard (seit einem Jahr kostenlos!), in Deutschland wird die Technologie in ICE's gerade erst schrittweise eingefuehrt.
    - die Integration und Verarbeitung wissenschaftlicher Daten (e-science) laeuft in GB seit 2001 waehrend in Deutschland die Arbeit 2005 (d-grid) aufgenommen wurde
    - die meisten Behoerdengaenge kann man in GB online abwickeln
    - Deutschland ist das einzige europaeische Land ohne digitalen Polizeifunk
    - etc.

    Die Prioritaetensetzung gegenueber IT (oder auch gruener Gentechnik, Stammzellforschung, etc.) zeigt das neue Technologien politisch und gesellschaftlich nicht gewollt sind. Deutschlands Zukunft als Industriemuseum ist mit den Fernschreibern allerdings gesichert.

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