Wassermänner

Hanjo Sauer, 64, Kreuzfahrtseelsorger

DIE ZEIT: Viele Menschen erfüllen sich mit einer Kreuzfahrt einen Lebenstraum. Warum brauchen die einen Seelsorger?

HanJo Sauer: Weil die Erwartungen so hoch sind. Die Passagiere haben den Mythos vom »Traumschiff« im Kopf und sparen lange für solch eine Reise. Eine Kreuzfahrt gleicht dann fast einer Heilssuche.

ZEIT: Solche Hoffnungen werden an Bord dann enttäuscht?

Sauer: Nicht zwangsläufig. Aber an Bord bricht einiges auf, was im Alltag verdrängt wird. Die Situation wird zugespitzt durch die Ruhe an den Seetagen. Es gibt einige Routen, etwa im Südpazifik, die sehr wenig befahren werden. Ein oder zwei Tage lang sieht man kein anderes Schiff. Man fühlt sich allein auf dem Ozean. Dann an der Reling zu stehen ist eine einzigartige Erfahrung, die einen aber auch sehr herausfordern kann.

ZEIT: Warum ziehen viele Menschen auf See Bilanz?

Sauer: So etwas mit einer großen Reise zu verbinden ist ja ganz symbolisch: Ich mache äußerlich neue Erfahrungen und muss mich auch innerlich darauf einstellen. Auf Kreuzfahrtschiffen trifft man häufig auf Menschen, die ihrem Leben eine neue Richtung geben wollen. Ein Passagier, der nach langer Ehe seine Frau verloren hatte, sagte mir einmal, er habe gerade deshalb eine Kreuzfahrt gebucht. Er wolle sich hier überlegen, wie es weitergehen soll.

ZEIT: Schütten die Passagiere Ihnen leichter das Herz aus, weil sie wissen: Nach der Reise sieht man sich nie wieder?

Sauer: Manche sagen mir: Jetzt habe ich Ihnen mehr erzählt, als ich erzählen wollte. Da hat ein Mann in der Lebensmitte gerade eine Krebsdiagnose erhalten. Und eine ältere Dame leidet darunter, dass ihre Tochter die Beziehung zu ihr abgebrochen hat. Viele haben sonst keinen zum Reden.

ZEIT: Sind Sie als Geistlicher auch auf Hochzeiten oder Todesfälle vorbereitet?

Sauer: Trauungen auf See sind rechtlich kompliziert. Todesfälle aber erlebe ich leider häufiger. Das Durchschnittsalter an Bord ist ja hoch. Es gibt einige alte Menschen, die sich außerordentlich viel zutrauen. Bei manchen habe ich fast den Eindruck, sie legen es drauf an. Vielleicht fürchten sie auch, dass es zu Hause niemand wahrnimmt, wenn sie sterben. Hier ist klar: Sie werden versorgt.

ZEIT: Sind Sie an Bord immer im Dienst?

Sauer: Anfangs habe ich versucht, feste Sprechstunden anzubieten, aber das hat sich nicht bewährt. Es ist besser, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Ich bin gerne an der Bar. Das spricht sich dann rum.

ZEIT: Alkohol löst die Zunge?

Sauer: Ja. Der Barkeeper wird bekanntlich schnell zum Beichtvater. An einer Bar kann ich auch mal Menschen erreichen, die sonst nie zum Seelsorger gehen. Aber wenn man tiefer einsteigen möchte und den Menschen wirklich helfen möchte – dann sollten sie schon nüchtern sein.

Interview: Beate Köhne

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Kreuzfahrt | Reise | Hochzeit | Alkohol
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