Wassermänner

Steven Ishmael, 33, Unterwasserpostbote

DIE ZEIT: Herr Ishmael, Sie arbeiten als Postbote im südpazifischen Vanuatu. Ihr Arbeitsplatz liegt drei Meter tief im Meer. Ist das nicht sehr unpraktisch?

Steven Ishmael: So schwierig ist es gar nicht. Wir befördern Postkarten aus Hartplastik. Die können Sie mit einem Spezialstift beschreiben. Das geht auch unter Wasser.

DIE ZEIT: Aber Sie können nicht einmal eine Briefmarke aufkleben.

ISHMAel: Das brauchen wir auch nicht. Wir stanzen eine Art Relief ins Plastik. Dafür haben wir eine spezielle Maschine entwickelt, aus rostfreiem Material. Bei Sammlern sind die Motive sehr begehrt.

ZEIT: Wer macht sich die Mühe, zu Ihnen zu tauchen?

Ishmael: Größtenteils Touristen. Die tauchen und schnorcheln sowieso den halben Tag, da ist unser Amt eine naheliegende Idee. Die Ansichtskarten an Verwandte und Freunde kommen von dort, wo sich die Urlauber am liebsten aufhalten: aus dem Meer. Das ist doch viel schöner als die Pappkarten, die es überall gibt. Unsere Karten riechen nach Salzwasser, vielleicht hat ein Clownfisch dran geknabbert. Ansonsten ist das Unterwasserpostamt eine normale Außenstelle der staatlichen Post. Nur Päckchen können wir nicht verschicken.

ZEIT: Und wie finden die Taucher Ihr Postamt?

Ishmael: Wenn ich arbeite, weht oben auf einer Boje eine kleine Fahne. Der Schalter ist 50 Meter vom Sandstrand von Port Vila entfernt. Er sieht ein bisschen aus wie eine riesige Getränkedose. Ihre Post werden Sie auch los, wenn ich gerade Mittag mache: Wie jedes andere Postamt haben wir einen Briefkasten, der täglich geleert wird. Wer nicht nass werden will, kann seine Karte auch in einen Briefkasten am Strand werfen. Den leere ich morgens, bevor ich zur Arbeit tauche. Unten entwerte ich die Karten, und später schwimme ich mit dem Postsack an Land zurück. Dort wird die Unterwasserpost zum Flughafen gebracht.

ZEIT: Das klingt sehr aufwendig. Bekommen Sie wenigstens einen Unterwasserzuschlag?

Ishmael: Leider nein. Wir werden nicht anders bezahlt als die Kollegen, die oben arbeiten. Vanuatu besteht aus 83 Inseln und Inselgruppen, da sind die Zusteller so oder so auf dem Wasser unterwegs. Ich habe für den Dienst unter Wasser ein Taucherdiplom für das offene Meer gemacht. Das hat dann der Arbeitgeber bezahlt. Ich halte das für einen guten Deal. Vielleicht kann ich den Schein auch mal anderweitig nutzen. Tourismus ist unser wichtigster Wirtschaftszweig. Und Vanuatu ist vor allem bei Tauchern beliebt.

ZEIT: Beneiden Sie nicht Ihre Kollegen, die im Trockenen arbeiten dürfen?

Ishmael: Hin und wieder schon. Es ist ziemlich kalt da unten. Wenn ich wieder hochkomme, brauche ich erst mal einen heißen Kaffee.

ZEIT: Immerhin müssen Sie keine Angst vor Hunden haben.

Ishmael: Das stimmt, aber gebissen werde ich trotzdem. Während ich stempele, knabbern Anemonenfische an meinen Beinen herum. Überhaupt ist das Postamt in der Tierwelt beliebt. Ich muss immer aufpassen, dass keine Fische durch den Briefkastenschlitz schwimmen und sich häuslich einrichten.

ZEIT: Ist es nicht schön, inmitten von bunten Fischen zu arbeiten?

ISHMAEL: Die Touristen finden so etwas lustig. Aber sie stehen auch nicht eine Stunde auf dem Meeresboden herum. Letztens schwamm ein Oktopus bis auf ein paar Meter heran und starrte mich an. Ich wusste nicht: Kommt er näher? Was hat er vor? Die Touristen freuten sich total und knipsten Fotos mit ihren Unterwasserkameras. Einer regte später an, dass wir den Tintenfisch doch als Stempelkissen benutzen könnten. Sehr witzig. Die Viecher sind nicht so ohne. Das Meer ist kein Vergnügungspark.

Interview: Anne Lemhöfer

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Tourismus | Reise | Post | Briefmarke | Fisch | Wasser | Vanuatu | Plastik
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