Wassermänner
Andrés García, 49, Wolkenmelker
DIE ZEIT: Herr García, wir stehen hier auf El Hierro in gut 1100 Meter Höhe. Es ist nass und kalt, der Wind weht, und wir können keine fünf Meter weit gucken.
ANdrés GARCíA: Ja, ein wunderbarer Tag, nicht wahr? Besser könnten die Voraussetzungen gar nicht sein. Schauen Sie, in Ihren Haaren, auf unserer Kleidung, überall kondensiert bereits das Wasser. Alles wird feucht, wirklich toll! Das nennt man »horizontalen Regen«.
ZEIT: Was ist denn das?
GARCíA: Das Phänomen gibt es auf allen Kanarischen Inseln. Aus nordöstlicher Richtung treiben Passatwinde Wolken heran. Die Meeresfeuchte kondensiert in der kalten Luft zwischen 800 und 1500 Metern. Und genau das machen wir uns zunutze. Auf El Hierro regnet es sehr selten. Das brachte uns auf die Idee, das Trinkwasser aus den Wolken zu ziehen. Einer unserer Inselhirten hat mal zu mir gesagt: »Ich melke meine Ziegen, und du melkst die Wolken.«
ZEIT: Und wie genau machen Sie das?
GARCíA: Zum Beispiel werden zwischen fünf Meter hohen Eisenstangen feinmaschige Plastiknetze gespannt. In den Maschen kondensieren die Wolken zu Wasser, Tropfen bleiben hängen, gleiten hinab in eine Rinne und weiter durch Rohre in einen Tank. Eine dieser Konstruktionen bringt rund tausend Liter am Tag. Beste Trinkwasserqualität! Dieses Projekt gibt es seit gut zehn Jahren.
ZEIT: Und vorher?
GARCíA: Wir haben auf El Hierro keine größeren Quellen, Flüsse oder Seen. Wir haben schon immer aus den Wolken getrunken. Aber früher gab es auf der Insel mehr Bäume. Mit ihren Nadeln und Blättern haben sie die Wolken gekämmt. Die Feuchtigkeit haben sie an das Grundwasser abgegeben. Der natürliche Inselspeicher war immer voll. Aber dann wurden zu viele Bäume gefällt. Und der Wasserverbrauch stieg in den letzten Jahren immer mehr an. Die Touristen hier wollen ja auch duschen oder im Pool baden. Mit unseren Projekten imitieren wir den natürlichen Prozess. Das klappt hervorragend.
ZEIT: Und jetzt ist genug Wasser für alle da?
GARCíA: Es gibt auch noch drei Entsalzungsanlagen für Meerwasser. Aber mehr als 90 Prozent des Wassers beschaffen wir Wolkenmelker. Heute haben wir auf El Hierro keinen Wassermangel mehr, wie es ihn auf Nachbarinseln wie Teneriffa in manchen Jahren gibt. Bei uns leben nur etwas mehr als 10000 Menschen. Es gibt keinen Massentourismus und keine Golfplätze, die ständig bewässert werden müssten. Allein der Touristenort Los Cristianos auf Teneriffa verbraucht an einem Tag mehr Wasser als wir auf El Hierro in einem ganzen Monat.
ZEIT: Und nach Feierabend – können Sie dann kein Wasser mehr sehen?
GARCíA: Oh nein. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Wasser bedeutet alles für mich. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufs Meer hinausschaue.
INTERVIEW: OLIVER LÜCK
- Datum 05.03.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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