Japan Fisch auf den Tisch

Gestern Nacht noch im Pazifik, heute Mittag schon in Scheibchen. Die verzehrende Liebe der Japaner zum Thunfisch

Diese Geschichte müssen wir rückwärts erzählen. Der Held soll ja an Format gewinnen, statt allmählich zu verschwinden. Unser Held ist ein Thunfisch und heißt Nummer 16; nachher wird verraten, warum. Erst mal kommt sein letzter Auftritt – als ein kleines rotes Rechteck zwischen den Stäbchen eines hungrigen Gastes. Dann ist es auch schon weg, das Stück Sashimi, zerschmolzen durch einen Druck der Zunge. Und nur ein unverschämt zarter Hauch von Butter und Meer bleibt zurück.

So schmeckt ein rohes, ungewürztes Stück Thunfisch. Ein Bauchlappenstück von einem vierjährigen Großaugenthunfisch, wenn man es genau nimmt, und Japaner nehmen es sehr genau. Wir sind in Kyoto, im Kikunoi, einem der besten Restaurants Japans. Die verbliebenen Scheiben von Nummer 16 liegen in einer gelben Schale, deren Knospenform den einsetzenden Frühling symbolisiert. Es ist jetzt kurz vor 12 Uhr mittags. Durch das Fenster zum Garten fällt die Sonne auf das vollendet einfache Arrangement.

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Die japanische Küche ist keine, die einen mitreißt. Wer die Süß-sauer-scharf-Feuerwerke aus Thailand oder China mag, muss sich erst daran gewöhnen, dass es hier um Zurückhaltung geht. In keinem anderen Land der Welt wird der einzelnen Zutat so viel Wert beigemessen. Undenkbar, diesen prächtigen Thunfisch mit Sauce zu entweihen. Schon Anbraten wäre eine Sünde. Aber was macht ihn so besonders? Gehen wir im Nachleben unseres Helden eine Stunde zurück.

Es ist 11 Uhr. Wir betreten das Kikunoi; beinahe hätten wir es verfehlt. Ein unscheinbares Haus gegenüber einem Tempel am Fuß der Hügelkette, die Kyoto nach Osten begrenzt. Dort oben entspringt auch der Kamogawa, der »Fluss der wilden Enten«, der am Restaurant vorbei stadteinwärts fließt. Kyoto ist eine Wasserstadt; man kann an seinen Bächen und Kanälen beschaulich einherspazieren. Eine Stadt der Fische ist es nicht. Japans Metropolen liegen alle am Meer. Alle, bis auf Kyoto, das die Hauptstadt des Reiches war in den Jahrhunderten der Isolation. Der flache, träge Kamogawa ist nur der Nebenfluss vom Nebenfluss eines Flusses, der sich in den Pazifik entleert.

Nummer 16 hat eine längere Reise zu Land hinter sich. Er liegt jetzt als unterarmlanger Filetstreifen in der Küche des Kikunoi auf dem Schneidebrett von Yoshihiro Murata. Wie frisch ist der denn, Herr Murata? So etwas darf man in Japan fragen, es bezeugt Respekt vor der Nahrung. Trotzdem spannen sich im Gesicht des Meisterkochs einige Muskeln, als er von seiner Arbeit aufblickt. »Der ist letzte Nacht noch geschwommen«, sagt er mit Bestimmtheit. Er hat ihn aus Katsuura, einer Hafenstadt im Süden, eingekauft vom Händler seines Vertrauens. »Sein Vater hat schon meinen Vater beliefert.«

Das Geheimnis seiner Sashimi? »Zwölf Gramm«, sagt Murata

Durch die Überfischung gehen die Bestände der Thunfische immer weiter zurück

Durch die Überfischung gehen die Bestände der Thunfische immer weiter zurück

Yoshihiro Murata führt das Familienrestaurant in dritter Generation, ein stämmiger Mann Mitte fünfzig. Auf den Fotos in seinen Kochbüchern hatte er etwas rabiat ausgesehen. Jetzt, aus der Nähe, flößt er mit seiner konzentrierten Ruhe dem Besucher einen Heidenrespekt ein. Scheibe um Scheibe schneidet er vom Thunfischfilet herunter. Nicht zack, zack! wie ein Koch aus dem Westen, sondern mit gleitenden Bewegungen und einer versonnenen Miene, als hörte er Musik.

Leser-Kommentare
  1. Alle, bis auf Kyoto, das die Hauptstadt des Reiches war in den Jahrhunderten der Isolation.

    Reden wir hier vom "Sakoku (鎖国)"? Das fand in der Edo-Zeit statt. Und Edo ... ist nicht Kyoto, sondern der alte Name der Stadt Tokyo. Einfach mal bei Wikipedia nachschlagen.

    Wandern ist nicht gerade ein Volkssport in Japan.

    Achso? Und was macht dann die sogenannte "Wandervogel"-Bewegung? Und die Henro (遍路), die jedes Jahr in grossen Zahlen die Insel Shikoku und ihre beruehmten 88 Tempel besuchen? Oder die Wanderer am Hiei-zan (beruehmter, geschichtstraechtiger und nach wie vor unter Wanderern beliebter Berg bei Kyoto) oder am Takao-san (beliebtes Ausflugsziel in der Naehe von Tokyo) oder am Fuji-san ... oder am Shirane-san, wo ich arbeite? Hier rufen im Sommer taeglich Leute an, die nach dem Stand der Bluete von bestimmten Bergpflanzen fragen und zum Wandern hierherkommen ....

    Sorry, aber ich glaube, es gibt nur wenige Voelker, die so gerne wandern (und Bergsteigen, naja liegt auch nahe) wie die Japaner ....

    • 42317
    • 09.03.2009 um 16:12 Uhr

    "... dies ist ein anderes Japan. Eines, das von Hochhausschluchten und Neonlichtern noch gar nichts zu wissen scheint."

    Wunderschön gesagt. Es klingt nur leider nach dem Kehrwert der Realität. Denn Tokio und Osaka mit ihren paar Wolkenkratzern sind ebenso wenig "Japan", wie New York und L.A. "die USA" sind. Vielleicht leben dort insgesamt mehr Menschen, aber flächenmäßig ist Japan eine sehr ländliche Insel, in der eben die genannten "Hochhausschluchten" die krasse Ausnahme sind.
    Und wenn wir genau sein wollen, betrachten wir einmal eine 3D-Darstellung der japanischen Hauptstadt, und wir werden feststellen, dass man ungewöhnlich hohe Häuser ganz bequem mit den Fingern zählen kann. Entgegen der landläufigen Meinung im Westen ist Tokio nicht hoch - sondern nur unglaublich breit.

    Was das Wandern in Japan betrifft: Blühenden Bäumen rennen die Touristen hinterher, ja, ebenso beliebt sind alte Pilgerpfade, nicht anders als der europäische Jakobsweg, aber einfach so wandern... ich kann, anders als Kommentar #1, aus meiner Erfahrung heraus nicht bestätigen, dass in Japan abseits der genannten Alternativen viel gewandert wird, und ich war in Nordjapan viel in Ebene, Hügel, und Bergen unterwegs. Ich bin regelmäßig ungläubig angesehen worden, wenn ich erzählte, dass ich freiwillig mehr als zwei oder drei Kilometer zu Fuß gegangen sei. Als ich einmal nach dem Weg fragte, wurde mir gesagt, "Sie müssen da und da lang... aber es ist ein bisschen weit", und nur zehn Minuten später stand ich mit dem Fahrrad vor der erfragten Adresse.
    Ja, es gibt die "Wandervögel", aber der einzige mir bekannte Ableger war ein kleiner, eher unauffälliger Club an der Universität, dessen Mitglieder eher am Spazierengehen als am Wandern interessiert zu sein schienen.

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    Ja, das mit dem "weit", das sich als 10 Minuten Weg entpuppt, kenne ich auch gut :)

    Trotzdem bleibe ich dabei: In Japan wird nicht weniger gewandert als z.B. in Deutschland. Natuerlich kann ich eine gewisse Subjektivitaet dabei nicht abstreiten, zumal einige gute Freunde von mir begeisterte Wanderer sind ...

    Ja, das mit dem "weit", das sich als 10 Minuten Weg entpuppt, kenne ich auch gut :)

    Trotzdem bleibe ich dabei: In Japan wird nicht weniger gewandert als z.B. in Deutschland. Natuerlich kann ich eine gewisse Subjektivitaet dabei nicht abstreiten, zumal einige gute Freunde von mir begeisterte Wanderer sind ...

  2. 3. ...

    Ja, das mit dem "weit", das sich als 10 Minuten Weg entpuppt, kenne ich auch gut :)

    Trotzdem bleibe ich dabei: In Japan wird nicht weniger gewandert als z.B. in Deutschland. Natuerlich kann ich eine gewisse Subjektivitaet dabei nicht abstreiten, zumal einige gute Freunde von mir begeisterte Wanderer sind ...

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