Leipziger Buchmesse Die Braunkohle-Luft kehrt zurück
Leipzig und Bücher? Man sollte eher über Schlaglöcher und vollgestellte Treppenhäuser reden. Hans-Ulrich Treichel sucht nach Spuren des Ostens in der alten Literaturstadt

© Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images
Die Goethe-Statue am Leipziger Naschmarkt
Kürzlich habe ich sie wieder gespürt: die Braunkohleluft. Die alteingesessenen Leipziger wissen, dass sich je nach Windlage die Braunkohleluft nicht nur über die Stadt legte, sondern durch alle Ritzen kroch. Wer Kleinkinder oder Atemwegserkrankungen hatte oder verhindern wollte, Kinder mit Atemwegserkrankungen zu haben, tat gut daran, die Fenster mit feuchten Tüchern abzudichten. In den neunziger Jahren wurde die Braunkohleluft weniger, und irgendwann schien sie verschwunden. Jetzt und zwanzig Jahre nach der Wende war sie wieder da. Wenn nicht ganz Leipzig, so wurde doch immerhin ganz Schleußig, das Viertel, in dem ich wohne, in einen feuchten Nebel aus Braunkohleluft gehüllt.
Das wäre ein schönes Motiv für eine nachdrückliche Leipzigklage, die sich dann gegebenenfalls in eine Ostdeutschlandklage ausweiten ließe. Alles wie früher! Passend zum Jubiläum. Auch der Zustand meiner Straße, die den schönen Namen Stieglitzstraße trägt, ließe sich gut dafür nutzen. So viele Schlaglöcher auf so wenigen Metern. Und das, seit ich hier wohne und von hier aus durch den Clara-Zetkin-Park zur Arbeit ins Literaturinstitut radle. Irgendwann gab es einen Fortschritt. Da wurde ein Schild mit der Aufschrift »Straßenschäden« installiert. An das Schild kette ich nun immer mein Fahrrad an, während alle anderen ihr Fahrrad nur an die Hauswand lehnen können.
Die Fahrräder werden trotzdem nicht gestohlen, was kein Wunder ist, wenn man sich die Räder genauer anschaut. Westschrott oder Ostschrott, frage ich mich da, die Terminologie meines Leipziger Fahrradhändlers aufgreifend. Der Zustand der Stieglitzstraße wurde sogar in einem Artikel in der Leipziger Volkszeitung beklagt. Worauf eine betagte Leserin in einem Leserbrief darauf hinwies, dass die Stieglitzstraße zum letzten Mal anlässlich der Reichslebensmittelausstellung im Jahr 1936 repariert wurde. Die Ausstellung fand im Clara-Zetkin-Park statt, der damals natürlich nicht so hieß, sondern aus mehreren Parks bestand, die im Jahr 1955 zusammengelegt wurden und den Namen »Zentraler Kulturpark Clara Zetkin« erhielten, was besonders die jungen Menschen nicht hindert, einfach vom Clara-Park zu sprechen.
So heißt oder hieß auch die Literaturagentur eines unserer Institutsabsolventen, für die ich hier nicht Reklame machen darf, weil der Absolvent inzwischen Geschäftsführer des Literaturinstituts ist. Und dies ja keine Werbeveranstaltung für die vielen begabten und produktiven und zum Teil durchaus erfolgreichen Studenten und Absolventen sein soll – von den Professoren und Gastprofessoren ganz zu schweigen, über die auch viel Positives zu berichten wäre. Hier soll die Rede von Leipzig als Buch- und Literaturstadt sein, beispielsweise davon, wie es eigentlich in so einem Leipziger Buchladen aussieht.
Liegen da etwa, wie man auf Sylt oder in Oberammergau annehmen könnte, nur Christa-Wolf-Volker-Braun-Harry-Thürk-Gisela-Steineckert-Eva-Strittmatter-und-Hermann-Kant-Bücher in der Auslage? Oder nur Christa Wolf und Volker Braun? Oder nur Christa Wolf? Keineswegs. Da liegt zum großen Teil das, was überall ausliegt. Von Coelho bis Tellkamp, die beide ansonsten nichts gemein haben. Plus der Regionalia. Aber Regionalia gibt es ja überall. In Recklinghausen habe ich in einem Buchladen einmal einen Bildband mit dem Titel Rathäuser in Recklinghausen. Rat und Stadtverwaltung im Wandel der Zeiten gesehen. (Leider vergriffen.) Und in meinem westfälischen Geburtsort Versmold ein Buch mit dem Titel Wie kühl war das Bier im Sommer in Peckeloh? Gast- und Schenkwirtschaften im Kreise Halle in Westfalen um die Jahrhundertwende. (ISBN 3-930288-01-X)
Warum sollten dann nicht in einer Leipziger Buchhandlung wie beispielsweise der Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Speck’s Hof Bücher der sächsischen Mundartdichterin Lene Voigt – ich nenne nur Säksche Glassigger (Sächsische Klassiker) oder Mir Sachsen (Wir Sachsen) – ausliegen, falls sie denn dort ausliegen. Daneben gibt es einige möglicherweise typische Leipziger Bücher wie Gedichtbände oder auch Romane und Erzählungen einiger unserer Absolventen, die allerdings keine Regionalia sind, sondern Literatur, die sich in der gesamten Republik bewähren will.
Zumal in den meisten studentischen Texten, die ich den letzten Jahren im Literaturinstitut gelesen habe, weder die Region noch der Osten eine Rolle spielen muss. Wer hier wohnt und über seine Gegenwart schreibt, der wird auch über Leipzig und gegebenenfalls auch über Schleußig, Plagwitz oder das unter Kennern längst legendäre Anger-Crottendorf schreiben. Wer hier wohnt und über seine Kindheit schreibt, der wird über jeden möglichen Ort schreiben. Und der muss nicht im Osten liegen. DDR-Realitäten sind fast ganz aus den Texten verschwunden. In den neunziger Jahren konnte noch eine NVA-Episode oder ein Päckchen Filinchen-Waffelbrot vorkommen. Die Zeiten sind vorbei, was seinen Grund darin hat, dass die jungen Autoren immer jünger werden, vom Standpunkt des immer älter werdenden Dozenten aus gesehen. Wer jetzt sein Studium beginnt, der gehört möglicherweise zum Jahrgang 1989. In ein paar Jahren werden alle nach 1989 geboren sein – und damit ist die DDR-Kindheit aus der eigenen Erfahrungswelt verschwunden. Die ließe sich nur kraft der Fiktion wiederbeleben – oder im literarischen Blick auf die Elterngeneration. Es ist durchaus möglich, dass wir in Zukunft auch Romane lesen werden über die DDR-Kindheit der Eltern der Autoren.
Vorerst aber gilt es, mit den Schlaglöchern fertig zu werden. Und mit der Tatsache, dass mein Leipziger Treppenhaus so vollgestellt ist wie noch keines in meinem bisherigen Mieterleben. Wie viele vor sich hin dampfende Schuhe verträgt ein Treppenhaus? Und wie viele Fahrräder? Kürzlich stand sogar ein Trampolin vor meiner Wohnungstür. Ist das ostspezifisch? Oder eine Folge der deutschen Einheit? Oder nur menschlich? Oder bin ich nur neidisch, weil ich mein Fahrrad auch gern auf die Treppe stellen würde? So viele Fragen. Sie gehen mir durch den Kopf, wenn ich durch den Clara-Park vorbei an der alten Pferderennbahn von 1867 zur Universität und ins Literaturinstitut spaziere. »Die Pfade frei, auf denen das weibliche Geschlecht zu den Bildungsquellen wandern kann!«, forderte Clara Zetkin einst. Es muss erlaubt sein, die Forderung auch für mein Geschlecht zu stellen.
Der Autor Hans-Ulrich Treichel, 1952 im Westfälischen geboren, lehrt seit 1995 am Literaturinstitut Leipzig
- Datum 10.03.2009 - 12:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
- Kommentare 11
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was Ihnen zu Leipzig, seiner ostdeutschen Vergangenheit und der Buchmesse einfällt? Laaangweilig! Der schlechte Zustand der Stieglitzstraße ist für Sie persönlich sehr bedauerlich, aber das interessiert den Rest der Republik wohl herzlich wenig...
Schreibt der Lehrer des Leipziger Literaturinstitutes oder dichtet er? Der profane Sound scheint Schreibe. Doch, was er, der Literatur-Lehrer zu Leipzig schreibt, ist obskur. Ist DAS also Dichtung? :-) Natürlich nicht. DAS ist Ausdruck von Anästhesie.
Da hat aber jemand brav gelernt, was Alliteration bedeutet....
Ich fand den Artikel aber auch belanglos.
Da hat aber jemand brav gelernt, was Alliteration bedeutet....
Ich fand den Artikel aber auch belanglos.
Was soll das denn? Ist das etwa Leipzig? Ist das Literatur? Armes Deutschland, armes Literaturinstitut! Schämen sollten Sie sich!
Da hat aber jemand brav gelernt, was Alliteration bedeutet....
Ich fand den Artikel aber auch belanglos.
das in der ZEIT ja mal ein Artikel über den Osten irgendwie sympathisch daherkommt.
Die Braunkohle-Luft kehrt zurück
Also, ich war ja schon lange nicht mehr in „Laipzsch“ wie die Einheimischen dort zu sagen pflegen, aber von Braunkohleluft ist mir nichts aufgefallen.
Was die Westfalen nur für gute Nasen haben.
Und was die Strassen betrifft, na hallo, da kannst Du doch heute fast jede Kommune im Westen der Republik (die Bayern werden jetzt vielleicht entsetzt aufschreien, das dies aber wirklich nur für Deutschland gilt) nehmen, die solche Probleme hat.
Umsonst fordert ja nicht unsere Hosenkostümträgerin dringende Hilfe für Westkommunen (quasi Aufbau West). Wenn ich nur an die besch… Autobahnen denke, gerade in Bayern kommst ja kaum noch voran vor lauter Baustellen.
Also, wie gesagt, es ist nicht alles so, wie es scheint.
Im Gegenteil, wenn Du vieles vergleichst (sanierte Häuser, Infrastruktur etc.), da wird mancher Westler gelb.
Also mal halblang hier.
"Wie viele vor sich hin dampfende Schuhe verträgt ein Treppenhaus?"
Also, das kann man (ich) nur bestätigen, das hat aber was mit der Macke im Osten zu tun, generell die Schuhe ausziehen zu müssen, egal ob de Besuch bist oder nicht. Ganz toll kommt das dann immer bei den Ladies an, die sich sich bei einer Geburtstagparty ins neue, elegante kleine Schwarze gezwängt haben, und dann elegant die Beine mit den pinkfarbenen Pantoffeln gekreuzt, smalltalkend von der Couch mit dem Proseco zuprosten.
Was hab ich da schon gelacht.
Dieser Spleen stammt noch aus der Vorwendezeit, als der Teppichboden (jargontechnisch OST: Auslegeware) nicht nur sündhaft teuer sondern wie alles auch schwer zu bekommen war, und genau so lange halten musste, wie der olle Trabbi.
Was die chaotischen Treppenhausordnungen betrifft. Na, noch nie in Kreuzberg oder anderswo gewesen?
Hinzu kommt aber, das der Osten nun mal nicht in Bayern oder BW liegt, wo der Hausbesitzer gleich um die Ecke oder vielleicht sogar zu allem Übel noch im eigenen Haus wohnt.
Im Osten sind die Besitzer mancher phantastisch renovierten Stadtvilla irgendwo im Westen der Republik zu Hause, und kennen ihr Steuerabschreibungsmodell quasi nur vom Foto.
Dann gibt es noch die molochgroßen Kommunalen Wohnungsgesellschaften, die sich allenfalls um Mieteinnahme und Reparaturen kümmern, nicht aber um eine „systemische Ordnung“ (ich find das Wort so toll, habe ich heute bei J.Joffe gelernt) im Treppenhaus.
Das machte früher im Osten der (halt Dich fest) Hausvertrauensmann, (bitte nicht verwechseln mit dem Blockwart, das waren wirklich zwei verschiedene Epochen deutscher geschichte) der mit der Einheit als systemkonformes DDR-Element zeitgleich eliminiert wurde.
All diese Dinge sollte aber auch ein Westfale, der schon 14 Jahre im Osten verbringt, eigentlich wissen.
Schade an sich um einen - meiner Ansicht nach - so vergeigten Artikel….
Es ist wohl eher der Geruch der Holzheizungen, in denen jetzt feuchte und teilweise vergammelte Bahnschwellen u. ä. verschwelen. Und an der Literaturmesse ist anstößiger, dass sich jetzt auch die Autoren von Druckkosten-Verlagen die Teilnahme am Leseprogramm erkaufen konnten...
Mit dem Wegzug des Suhrkamp-Verlags ging nun auch noch der letzte Link Frankfurts zum Buchwesen verloren. Wen interessiert es schon, womit die Leipziger heizen? Die alte Messe- und Buchstadt Leipzig ist und bleibt der Ort, wo Goethe studierte -- das gelobte Klein-Paris, das seine Leute bildet. Wen interessiert es schon, womit sie heizen?
Das sind aber zwei Seiten derselben Medaille: die Pseudo-Umweltpolitik von Holzheizungen und Auto-Geschenken auf der einen und die literarische Monokultur in Berlin auf der anderen Seite. Der Wettbewerb zwischen Frankfurt/M. und Leipzig war ja auch ein fruchtbarer, das Progamm von Reclam-Ost fehlt jetzt genau so wie die urbane Nachdenklichkeit von Suhrkamp. Uns bleibt das atemlose Sammelsurium von "2001" und Co...
Das sind aber zwei Seiten derselben Medaille: die Pseudo-Umweltpolitik von Holzheizungen und Auto-Geschenken auf der einen und die literarische Monokultur in Berlin auf der anderen Seite. Der Wettbewerb zwischen Frankfurt/M. und Leipzig war ja auch ein fruchtbarer, das Progamm von Reclam-Ost fehlt jetzt genau so wie die urbane Nachdenklichkeit von Suhrkamp. Uns bleibt das atemlose Sammelsurium von "2001" und Co...
Das sind aber zwei Seiten derselben Medaille: die Pseudo-Umweltpolitik von Holzheizungen und Auto-Geschenken auf der einen und die literarische Monokultur in Berlin auf der anderen Seite. Der Wettbewerb zwischen Frankfurt/M. und Leipzig war ja auch ein fruchtbarer, das Progamm von Reclam-Ost fehlt jetzt genau so wie die urbane Nachdenklichkeit von Suhrkamp. Uns bleibt das atemlose Sammelsurium von "2001" und Co...
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