Wie man unsterblich wird

7. Januar

Ein Buch über uns:

Heute war unser erster Schultag nach den Weihnachtsferien. Wir haben an drei Tagen die Woche Schule – montags, mittwochs und freitags, bei uns im Wohnzimmer. Wir sind nur zu zweit – Felix und ich. Felix hat überhaupt keine Lust, was zu lernen. »Was hat man denn vom Kranksein, wenn man trotzdem Mathe machen muss?«, hat er gefragt, als er das erste Mal zum Lernen zu mir kam. Mrs. Willis, unsere Lehrerin, macht keinen Aufstand, wenn Felix nicht mitarbeitet. Sie lässt ihn einfach dasitzen.

Felix kommt nur zur Schule, um mich zu treffen und damit seine Mum mal ihre Ruhe hat. Neuerdings lässt Mrs. Willis sich alle möglichen Tricks einfallen, um Felix’ Interesse zu wecken. Vulkane bauen, die wirklich ausbrechen, Essen wie bei den Römern, Feuer machen mit einem Vergrößerungsglas. Dieses letzte Experiment gefiel meiner Mum gar nicht. Felix und ich haben dabei aus Versehen ein Loch in den Esstisch gebrannt. Aus Versehen mit Absicht sozusagen.

Aber heute hat Mrs. Willis gesagt: »Wie wär’s, wenn ihr mal was schreibt?«, und wir haben beide laut aufgestöhnt. Mrs. Willis sagte: »Na, kommt schon, ich dachte, ihr würdet vielleicht gern mal was über euch selbst schreiben. Ich weiß doch, dass ihr beide gern lest.« Felix blickte auf. »Bloß weil es im Krankenhaus nichts Besseres zu tun gibt«, sagte er.

Was Krankenhäuser angeht, sind Felix und ich Experten. Da haben wir uns nämlich kennengelernt, letztes Jahr. Ich verstand nicht, was lesen und über mich selbst etwas schreiben miteinander zu tun haben sollten: »In Büchern geht es immer um Kinder, die die Welt retten oder die in der Schule verprügelt werden. Über uns würde ja keiner schreiben.« – »Über dich vielleicht nicht«, sagte Felix. Er presste eine Hand auf die Stirn und ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen. »Die tragische Geschichte von Sam McQueen. Einem armen, schwachen Kind! Das tapfer SCHRECKLICHES Leiden erträgt und Krankenhäuser ohne Fernsehen!« Ich tat, als müsste ich mich übergeben. Felix streckte mir eine Hand hin. »Auf Wiedersehen – teure Freunde«, sagte er und brach in seinem Stuhl zusammen.

»Am Tisch wird nicht gestorben, Felix«, sagte Mrs. Willis. Aber man sah ihr an, dass sie nicht wirklich sauer war. Sie sagte: »Ich möchte, dass ihr beide jetzt anfangt, bitte. Erzählt mir etwas über euch selbst. Ihr müsst ja bis zum Mittagessen kein Buch fertig haben.«

Das machen wir jetzt gerade. Also, ich zumindest. Felix ist nicht richtig bei der Sache. Er hat geschrieben: Ich heiße Felix Stranger und , und das war’s auch schon. Aber ich bin schon auf Seite drei.

16. Januar

Wieso lässt Gott Kinder krank werden?

Heute hatten wir bei Felix zu Hause Schule. Er wohnt in einem kleinen Reihenhaus, das immer nach Hund riecht. Sie haben nämlich einen fetten, kurzbeinigen Hund namens Maisy. Maisys Fell hat die Farbe einer Fußmatte, und sie guckt immer total blöd und erstaunt in die Gegend. Felix’ Bett ist voller Hundehaare, dauernd, aber das stört ihn nicht.

Statt Unterricht mit uns zu machen, ließ Mrs. Willis uns Quartett spielen. Falls jemand fragte, sollten wir sagen, das sei Mathe. Außerdem kümmerten wir uns um meine neue Frage. In Form einer Liste. Mrs. Willis fing damit an. »Richtig«, sagte sie, als ich ihr meine Frage zeigte. »Warum lässt Gott Kinder krank werden? Was glaubt ihr? Wie viele mögliche Antworten könnt ihr darauf finden?« Felix sagte: »Er existiert gar nicht. Das ist der Grund.« – »Das ist kein Grund«, sagte ich. »Möglich ist es«, sagte Felix, »also mach schon, schreib’s auf.« Ich schrieb.

1.Er existiert nicht.

»Zweitens«, begann ich, aber Felix war schneller. »Zweitens«, sagte er, »Er existiert, aber er ist insgeheim böse.« – »Das schreib ich nicht hin«, sagte ich. »Wieso nicht?«, fragte Felix. »Kann doch sein. Jetzt sag nicht, dass du das nie gedacht hast.« Ich antwortete nicht. »Na also«, sagte Felix. » Zweitens – nun mach schon.«

2.Gott ist in Wirklichkeit böse.

»Aber von jetzt an schreiben wir nur noch nette Sachen auf«, sagte ich entschlossen. »Es gibt keine netten«, sagte Felix. »Jemand, der Kindern Krebs macht, tut das doch nicht aus lauter Nettigkeit.« Er sah mich finster an. Ich dachte einen Moment nach, dann schrieb ich:

3.Gott ist wie ein großer Arzt. Er macht Menschen krank, um sie zu besseren Menschen zu machen, so wie Ärzte Patienten eine Chemotherapie verabreichen, damit es ihnen hinterher besser geht. Gott ist es egal, ob man stirbt, weil man ja in den Himmel kommt, wo er lebt.

»Das ist doch Quatsch«, sagte Felix. »Das ist das, was meine Mum denkt«, sagte ich trotzig. »Wieso wird man ein besserer Mensch, bloß weil man Krebs hat?« – »Na ja…« Ich zögerte. »Man lernt dadurch.« – »Was zum Beispiel?« – »Zum Beispiel…« Ich war unsicher. »Zum Beispiel, was wichtig ist im Leben. Du bist auf einmal total aus dem Häuschen, weil du wieder Rad fahren kannst. Und … und du merkst, wie wichtig dir deine Familie ist. Solche Sachen.« – »Das«, sagte Felix, »ist der größte Mist, den ich je gehört habe. Gott lässt dich Krebs kriegen, damit du lernst, wie toll Radfahren ist? Das willst du nicht im Ernst hinschreiben.« – »Steht schon da«, sagte ich. »Du bist dran.« – »Es gibt keinen Grund«, sagte Felix.

4.Es gibt keinen Grund.

»Fünftens«, sagte ich, »Es gibt einen Grund, aber wir sind zu blöd, um ihn zu verstehen.« Felix lachte. »Nicht gerade pädagogisch wertvoll, dein Buch, wie?«, fragte er. Aber er hatte Spaß an der Sache. »Es ist eine Strafe für schlechte Taten«, sagte er.

»Das ist es nicht!«, sagte ich. »Wieso nicht? Das sagen die Buddhisten. Sie glauben, dass alles, was in diesem Leben passiert, eine Folge von allem ist, was du in früheren Leben getan hast. Das kannst du unmöglich weglassen! Was, wenn dein Buch veröffentlicht wird? Dann sind all die buddhistischen Kinder sauer. So was nennt man Diskriminierung.« – »Buddhisten haben mit Gott gar nichts zu tun«, sagte ich. »Sie glauben an – an Buddha.« – »Atheisten glauben auch nicht an Gott«, sagte Felix. »Und ihre Antwort steht an erster Stelle.« Ich zögerte. Ich glaubte nicht, dass wir krank waren, weil wir irgendwas Schlechtes gemacht hatten. Aber Felix hatte recht, ich konnte den Punkt nicht weglassen.

6.Wir haben in einem früheren Leben etwas Schlimmes getan, und das ist jetzt unsere Strafe.

»Na also!«, sagte Felix zufrieden. »Nächster Punkt?« Ich sagte nichts. Ich dachte darüber nach, was Felix gesagt hatte. Was, wenn ich tatsächlich ein ganzes Buch schreibe? Dann will ich nicht, dass Kinder das lesen und mit dem Gedanken rumlaufen, es sei ihre Schuld, dass sie krank sind.

»Sieben« , sagte ich. »Wir sind bereits perfekt. Kranksein ist ein Geschenk. Wie – wie eine Freikarte für den Himmel.«

»Eine Freikarte für den Himmel!«, wiederholte Felix. »Das ist nicht so dumm«, erklärte ich. »Früher, als dauernd Kinder gestorben sind, glaubten die Leute das. ›Er war zu gut für diese Welt.‹ Das sagte man damals.« – »Das ist doch Quatsch«, sagte Felix. »Ich bin nicht perfekt:« Er schüttelte den Kopf. »Wenn einer dein Buch liest, muss er glauben, du spinnst. Erst sagst du, es ist eine Strafe, und dann sagst du, es ist ein Geschenk.« – »Das ist doch bloß eine Liste!«, sagte ich. »Die Gründe müssen doch nicht alle gleichzeitig stimmen!« Felix zog eine Grimasse. »Idiot«, sagte ich.

Sally Nicholls:

Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt

Hanser Verlag 2008; 12,90 €

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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    • Schlagworte Hanser Verlag | Literatur | Kinder
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