Gesundheit Manche mögens kalt
Eine Kneippkur in Bad Wörishofen heilt viele Leiden und manche Empfindlichkeit
Ich träume, wie ich in einem Bett liege, zugedeckt mit einem dicken Plumeau. Plötzlich fällt ein Lichtkegel in das dunkle Zimmer. Eine Frau erscheint. Sie schiebt einen Einkaufswagen vor das Fußende des Bettes. Ich kann nicht sehen, ob er von Lidl oder von Aldi ist, aber ich meine zu erkennen, dass die Frau eine weiße Kittelschürze trägt. Richten Sie sich auf, sagt die Frau. Ich richte mich auf. Und nun legen Sie sich hin, sagt die Frau. Ich lege mich hin. Als das Licht erlischt und der Raum wieder in Dunkelheit fällt, wähne ich mich auf einer Alpenwiese. Eine Wärme durchzieht meinen Körper. Es riecht nach Gras und Sommerblumen. Höre ich Alphörner und Kuhglocken? Nein, ich höre keine Alphörner und keine Kuhglocken. Ich höre meinen Wecker. Beim Aufstehen erschrecke ich: Auweia, das war gar kein Traum. Meine Wasserkur beginnt mit einem Heublumensack im Rücken!
Heublumensack. Davon spricht jeder hier, im Kneippianum in Bad Wörishofen. Der eine bekommt ihn auf die Hüfte, der andere aufs Knie, der Nächste in den Rücken. Er gehört zum Gesundheitsprogramm für bekennende Kneippianer – und seit heute auch für Menschen wie mich, die vom Ayurveda-Tai-Chi-Gong-Wellness-Zeugs die Nase voll haben. In Österreich drückte mir mal eine Polin mit Südseeblume im Haar vor der Hawaiimassage drei Muscheln in die Hand. Dann wollte sie, dass ich mit ihr bete. In einem Nobelhotel im Jemen hat mir ein Inder mit seinen Füßen eine Rippe angebrochen – er nannte das Thaimassage. So besann ich mich auf die altbewährten Methoden des Wasserdoktors Sebastian Kneipp.
Vor über hundert Jahren heilte der Pfarrer mit Gießkanne und weisen Ratschlägen. Er war der Gesundheitsguru seiner Zeit. Die Washington Post kürte ihn damals zum drittberühmtesten Mann der Welt – gleich nach dem amerikanischen Präsidenten und Otto von Bismarck. Inzwischen ist es wieder cool: Im schwedischen Rättvik treten die Menschen das Wasser genauso wie im japanischen Yokohama. Alles nach Kneippscher Art.
Der Pfarrer schonte niemanden und schon gar nicht sich selbst
Wie ich zugeben muss, überfiel mich eine leichte Depression, als ich gestern das Kneippianum zum ersten Mal betrat. An der Rezeption sah ich einen Rollator, und neben dem Rollator stand noch ein Rollator, weiter rechts watschelten zwei Nonnen zur Kapelle. Ich dachte an Kur, an muffige Möbel und an Menschen, die sich am liebsten über Verdauung und Strickmuster unterhalten. Nach dem Einchecken jedoch wurde ich angenehm überrascht. Das Haus auf einem kleinen Hügel am Stadtrand, das Kneipp 1896, kurz vor seinem Tod, eröffnet hat, wurde vor zwei Jahren aufwendig renoviert. Ich ging in den Neubautrakt, vorbei am Empfangstresen des neuen Spa. Ein wohliges Gefühl stieg in mir auf. Statt schrammeligen Reha-Mobiliars sah ich dunkle, gewachste Holzböden, Stahlsäulen und scharlachrot verputzte Wände. Ich nahm die Treppe in den ersten Stock und öffnete die Tür meines Zimmers. Was für eine Überraschung: Die 153 ist groß, helles Holz, Flachbildfernseher, viel Platz im Wandschrank, geräumiges Bad mit Dusche.
Kaum hatte ich meine Koffer abgestellt, lotste mich eine junge Dame in das Kellergeschoss des alten Traktes zum Zimmer von Hermann Silberhorn, wo es ein wenig nach Kur roch. Herr Silberhorn ist der Oberarzt des Kneippianums, ein Mann mit silbergrauem Haar und der leiblichen Fülle eines Pfarrers Kneipp. Er fragte nach meinen Beschwerden, sprach von kaltem Wasser (belebt am Oberkörper), von warmem Wasser (beruhigt am Unterkörper); und während er Kreuze auf meinem Therapieplan machte, schaute er auf und zitierte den Hausgründer mit der zeitlosen Wahrheit: »Fressen und saufen wollen sie alle, aber sterben will keiner.«
Herr Silberhorn verordnete zum Wachwerden und zur Anregung der Darmtätigkeit Schenkelgüsse, Gesichtsgüsse gegen müde Augen und zwischendurch mal ein Armbad, eiskalt, schon klar. »Kneipp sprach von Abhärtung«, sagte er, »heute sprechen wir von einer Stärkung des Immunsystems.« Zum Schluss klopfte er mir auf die Schulter. »Bewegen Sie sich viel, junger Mann. Nehmen Sie doch mal den Kneipp-Waldweg, zehn Kilometer.«
Würde Kneipp noch leben, hätte er mich zum Ausgleich für das viele Sitzen im Büro sicher zum Holzhacken geschickt. Der Pfarrer schonte niemanden und schon gar nicht sich selbst. In jungen Jahren erkrankte er an einer Tuberkulose, die Ärzte gaben die Hoffnung auf. Und was machte Kneipp? Er stieg mehrmals pro Woche in die Donau und verweilte minutenlang im eiskalten Wasser. Von der »Krafft und Würckung des frischen Wassers« hatte er in einem Buch des schlesischen Arztes Johann Siegmund Hahn (1696 bis 1773) gelesen. Jahre später notierte Kneipp: »Durch die Hilfe des Wassers allein lebe ich heute noch und bin munter und guter Dinge.« Mit dieser Einsicht wollte er auch seinen Mitmenschen helfen, was ihm anfangs Anzeigen wegen Kurpfuscherei eintrug.
Ich bin nun hellwach, sehe aber untenrum aus wie ein Hummer
Als er 1855 als Beichtvater nach Wörishofen zog, kam die Sache in Schwung. Er rückte allen erdenklichen Gebrechen mit Wasser zuleibe. So heilte er die Cholera einer Frau und den Ischias des Erzherzogs Joseph von Ungarn. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Kneipp kein Scharlatan war. Mit Kältereizen werden heute selbst chronische Bronchitis und Herzklappenfehler behandelt.
»Einatmen und ausatmen«, sagt Jochen Reisberger an diesem sehr frühen Morgen, als er in Gussraum 7 mit einem dicken gelben Schlauch von der Ferse langsam bis zu meinem Po hochfährt. Erst am linken Bein, dann am rechten. Schön warm, das Wasser. Dann die gleiche Prozedur bei zehn Grad. Der Chef des Spa dreht die Temperatur runter und fährt mit dem Schlauch erneut an meinem linken Bein hoch. Spontan stimme ich La Paloma an. Herr Silberhorn hatte recht: Ich bin nun hellwach, aber untenrum sehe ich jetzt aus wie ein Hummer!
Die Haut bitzelt noch immer, als ich später durch das Kneippianum laufe, um mich ein wenig umzuschauen. Das Anwesen gehört heute den Barmherzigen Brüdern, einer »Truppe gut aussehender Männer mittleren Alters mit Kutten und Laptops«, wie der Kurdirektor Alexander von Hohenegg heute Abend nach dem dritten Glas Rotwein sagen wird. Die Gästezimmer im alten Trakt tragen Namen wie Eberraute und Frauenmantel – Heilkräuter waren für Kneipp genauso wichtig wie Wasser, Bewegung, gute Ernährung und eine psychische Stabilität. Er nannte das die fünf Säulen des Lebens. Die sechste war wohl sein weißer Spitz. Der Hund war stets dabei und diente ihm selbst im Beichtstuhl als Fußwärmer.
Am Ende eines langen Flurs, von dem es rechts zum Speisezimmer geht, hängt ein Bild mit Pfarrer und Spitz, beide lebensgroß. Darunter sitzt gerade eine Dame, von der man meinen könnte, man hätte sie mal als Diva in einem Schwarz-Weiß-Film gesehen. Sie trägt ein Hütchen auf dem Kopf und ein Silberkettchen am Arm. Sie legt die Zeitung beiseite und sagt: »Mein Name ist Elfie Selmayr. Ich bin 97 Jahre alt und habe einen Sohn in Amerika, der ist 70.« Frau Selmayr ist keine Schauspielerin, aber eine überzeugte Kneippianerin, und wer sie sieht, der begreift, dass man sich nur gesund ernähren und jeden Tag einen eiskalten Ganzkörperguss erdulden muss, um kurz vor hundert noch frisch wie siebzig auszusehen. Vor zwei Jahren musste sie mal operiert werden, das Knie. Mit konsterniertem Unterton sagt sie: »Warum mein Meniskus kaputtgegangen ist, weiß ich auch nicht.«
Inzwischen ist es 11 Uhr. Ich habe das Aquajogging verpasst. Schade, das hätte ich gerne erlebt, wie eine Ordensschwester am Beckenrand die Vorturnerin macht. Aber hier im Kneippianum wie auch in ganz Bad Wörishofen kann man sich den Terminkalender voller packen als ein Vorstandsvorsitzender von Siemens. Es geht um 6 Uhr los mit dem Heublumensack im Zimmer, 7 Uhr Güsse, 7.30 Uhr Gymnastik, dann 10 Uhr Film: Aus Freude am Leben, 10.35 Uhr Film: Sebastian Kneipp, 11 Uhr Nordic Walking, 12 Uhr Mittagessen, 14 Uhr Eisstockschießen, 15 Uhr Kurkonzert, alternativ Film: Der Wasserdoktor, 15.30 Uhr Tanztee in der Löwengrube, 19.30 Uhr Abendmeditation mit Pater Velten und so weiter. Bad Wörishofen lebt vom Andenken des Gesundheitspfarrers – und das gar nicht schlecht: Mit den Kneippereien werden jährlich 145 Millionen Euro umgesetzt.
Im Speisesaal werden als »Kneipp’sche Küche« heute Dinkel-Nuss-Bratlinge an Karottenschaum serviert, »421 kcal, 23 gr Fett, 15 gr Eiweiß, 36 gr KH«. Das ist ungefähr so viel, wie ein Spatz an einem gewöhnlichen Wochentag wegpickt, und hält genau bis zum Betreten des Kurparks, der ans Kneippianum anschließt. Adonisröschen und Mädesüß schrumpeln in der Kälte, ein rauer Ostwind beißt im Gesicht. Doch Kneipp macht Mut. »Eine Winterkur ersetzt zwei Sommerkuren«, höre ich ihn sagen, als ich mich auf die Wanderung mache. Kein Mensch weit und breit, Totenstille, nur der Wind säuselt durch die Furchen des überfrorenen Ackers. Unter meinen Sohlen zieht die Einsamkeit des Feldwegs dahin. Ob dies die Felder waren, die jene Bauern verkauften, weil sie es in Wörishofen nicht mehr aushielten? Viele von ihnen meinten damals, der Pfarrer bringe die Sünde ins Dorf. Seitdem er Abhärtung predigte, staksten Frauen mit gelupften Röcken und entblößten Waden durchs Bachwasser.
Nach gut zehn Minuten führt der Weg in den Wald. Am Rand stehen ein paar Sitzbänke. Jede ist mit einem Schild versehen: »Wenn Sie Hilfe benötigen, Ruhebanknummer angeben«. Darunter stehen dann zwei Nummern, die der Bank und die für den Notruf. Der Wald sieht aus wie in einem Wintermärchen. Die Bäume tragen tiefgrüne Moosfüße, an einer Lichtung glänzt das Laub auf dem Boden wie ein silbernes Meer. Große Holztafeln erklären, dass der Pantherpilz noch giftiger ist als der Kegelhütige Knollenblätterpilz und der Kuckuck um 3.35 Uhr aufsteht. Später entdecke ich eine Jagdhütte, warme Küche wird gepriesen. Sebastian, rufe ich, verschließe jetzt deine Augen. Die Kellnerin serviert Hühnerbrühe, Schweinebraten und einen schweren Rotwein. Auf dem Weg zurück entdecke ich ein Wassertretbecken. Schade: kein Wasser drin.
Bad Wörishofen hat aus mir einen Kaltduscher gemacht
Herr Reisberger schaut auf die Uhr. Stimmt ja: Schon zum Schenkelguss kam ich zu spät, auch zum Gesichtsguss und zum Armbad. Diese Behandlung nennt er »Raindrop«, und der Abhärtung dient sie wohl nicht. Was da entlang der Wirbelsäule auf meinen Rücken tropft, ist kein Wasser, sondern das feinste Öl von Nelken, Thymian und Lavendel. Jede Sorte massiert Jochen Reisberger nach und nach in meinen Rücken ein. Es riecht fantastisch, ich merke, wie ich mich zunehmend entspanne, höre den Meister der Massage noch von Kneipp murmeln und ihn fragen, ob ich die Kältekur zu Hause fortsetzen werde, denn die medizinischen Effekte setzten erst nach Wochen und Monaten ein. Dann schlafe ich unter seinen Händen ein.
Zurück in Hamburg, nehme ich erst mal eine Dusche. Ich dusche warm und denke: »Weiß doch keiner.« Und während ich so genüsslich warm dusche, höre ich eine Stimme sagen: »Die Verweichlichung öffnet Tür und Tor für viele Krankheiten.« – »Herr Kneipp, was machen Sie denn hier?«, frage ich und drehe dann schuldbewusst das heiße Wasser ab. Bad Wörishofen hat mich zum Kaltduscher gemacht. Und ich singe dabei nicht einmal mehr vor Schrecken La Paloma.
Information Bad Wörishofen
Anreise:
Mit TUIfly zum Beispiel von Hamburg nach Memmingen. Weiter mit Mietwagen, Taxi oder dem Allgäu Shuttle nach Bad Wörishofen (circa 35 Kilometer). Zugverbindungen von allen großen deutschen Bahnhöfen mehrmals täglich jeweils mit Umsteigen, zum Beispiel ab Berlin über Fulda, München, Türkheim
Kuren:
Kneippianum, Alfred-Baumgarten-Straße 6, 86825 Bad Wörishofen, Tel. 08247/3510,
www.kneippianum.de
. EZ (im Neubau) ab 85 Euro, DZ ab 83 Euro (pro Person). Verschiedene Pauschalangebote, etwa die »Spa(r)-Woche« (sechs Übernachtungen mit Vollpension, 3 Güsse, 1 Wickel, 1 Heublumensack, viermal Fitnessgymnastik, zweimal eutonische Entspannungsübungen) für 555 Euro plus Kurtaxe (Hauptsaison 2,70, Nebensaison 1,90 Euro pro Tag)
Auskunft:
Kurdirektion Bad Wörishofen, Tel. 08247/993357,
www.bad-woerishofen.de
- Datum 18.03.2009 - 11:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.03.2009 Nr. 11
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Mir scheint als wäre Kneipp wieder Kult.
Zweieinhalb Jahre später kann man von einem ausgedehntem Kneipp-Kult nicht sprechen. Zwar schwört meine Großmutter auf Kneipp-Kuren und hat es sogar geschafft ein, zwei Dinge auch mir ans Herz zu legen. Aber in meinem Bekanntenkreis wird das ehr belächelt. Und das, obwohl manches aus der Kneipp-Galaxis auch einfach zu Hause und ohne großen Aufwand selbst ausprobiert werden kann, wie u.a. in diesem Artikel nahegelegt wird: http://www.fid-gesundheit...
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